Zweitletzter Platz

20. Januar 2016 06:52; Akt: 20.01.2016 06:52 Print

Warum Schweizer keine neuen Freunde wollen

von R. Landolt - Fast überall auf der Welt findet man einfacher Freunde als in der Schweiz. Zu diesem Schluss kommt eine Studie.

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In der Schweiz Freundschaften zu knüpfen, ist eine Kunst – zumindest für Expats. In einer gross angelegten Umfrage der britischen Bank HSBC landet die Schweiz in der Kategorie «making friends» auf dem zweitletzten Rang. Hinter Kuwait, Saudiarabien und 35 weiteren Ländern. Nur Schweden sind noch unnahbarer.

Martina Famos hat sich als psychologische Beraterin auf die Probleme von Expats spezialisiert. Sie hat eine Erklärung für das Studienergebnis: Schweizer hätten eine andere Auffassung von Freundschaft als andere Nationen. Amerikaner oder Engländer gehe es bei der Freundschaft eher darum, «ein Bier zusammen zu trinken». Für Schweizer sei die Freundschaft verpflichtender, ein Freund sei «jemand, mit dem man Lösungen bespricht, wenn es einem schlecht geht».

«Auch Schweizer finden nicht leicht Freunde»

Die Gründe für diese Einstellung lägen tief: «Schweizer sind ordentlich, zuverlässig, organisiert. Machen wir etwas, machen wir es richtig.» Das gelte auch für Freundschaften. Deshalb sei dies etwas Bindendes, nichts Leichtfüssiges oder Unbekümmertes. Und weil kein Mensch unbegrenzt Kapazität habe für diese Freundschaftsqualität, wichen die Schweizer potenziellen Freunden lieber aus, als unzuverlässig zu handeln. Schweizer wüssten aber auch gerne, was auf sie zukomme. «Und das weiss man bei neuen Bekanntschaften eher selten.»

Dies gelte nicht nur in Bezug auf Expats: «Ähnliche Erfahrungen machen auch Schweizer, wenn sie in eine andere Stadt ziehen.» Allerdings hätten Schweizer den Vorteil, dass sie wüssten, wie diese Distanziertheit zu interpretieren sei. «Expats empfinden sie fälschlicherweise, aber verständlicherweise oft als persönliche Ablehnung.»

Alexia Iskenderian-Alex hat armenische Wurzeln und kam als Zweijährige in die Schweiz. Sie ist Zürich-Botschafterin der Expat-Plattform «InterNations» und organisiert Treffen für Neuankömmlinge. Auch sie sagt, Zürich sei für neue Einwohner ein hartes Pflaster. Dies vor allem aus zwei Gründen: Einerseits seien Schweizer skeptisch, sie beobachteten lange. Nur wer sich anstrenge, werde in dieses System aufgenommen. «Sie schützen sich, aber zu Recht. So ein Land hat man nicht in zwei Jahren auf die Beine gestellt.»

«Überfreundlich zu sein finden Schweizer oft oberflächlich»

Gleichzeitig gebe es viele Leute, die mit viel Geld ins Land kämen und in ihrer «Expat-Bubble» das Gefühl hätten, sie müssten sich nicht anstrengen. Doch für Schweizer sei es zentral, dass jemand beispielsweise die Sprache beherrsche. «Einem Expat, der sich offensichtlich keine Mühe gibt, die Sprache zu lernen, begegnet man ablehnend.»

Roger Maurer leitete eine Deutsch-Konversationsgruppe. Auch er weiss: «Es geht lange, bis man in der Schweiz einen Freund hat.» Deshalb glaubten viele, sie müssten überfreundlich sein und direkt auf die Schweizer zugehen, um Freunde zu finden. Schweizer fänden das zum Teil eher mühsam, oberflächlich oder sogar aufdringlich.

Er macht zudem die fehlende «Pubkultur» verantwortlich. «Kaum jemand geht allein ins Pub, um ein bisschen zu schwatzen.» Und: «In anderen Ländern taucht man bei einem Arbeitskollegen mit einem Kasten Bier auf und wird freundlich empfangen.» In der Schweiz mache man das nur bei sehr, sehr guten Freunden. Besonders mit dem unsteten Leben von Expats und den häufigen Wohnort-Wechseln vertrage sich das schlecht. «Die nicht vorhandene Spontanität geht vielen gegen den Strich.»

Haben auch Sie Mühe, in der Schweiz Freunde zu finden? Erzählen Sie uns davon unter feedback@20minuten.ch!

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas am 19.01.2016 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Freunde vs echte Freunde

    Ich kenne Leute die haben zig gute Freunde. Aber wenn ein Umzug ansteht dann ist bei allen gleichzeitig die Grossmutter gestorben und man muss auf die Beerdigung genau an dem Tag,

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  • Franky St. am 19.01.2016 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so

    Das ist schon richtig so, es muss auch nicht gleich jeder ein Freund sein. Freundschaft wächst mit der Zeit und nicht gleich so ruck zuck!!

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  • Schweizer am 19.01.2016 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Recht

    Da kann ich als Schweizer ebenfalls nur zustimmen, beobachte das selbst und höre es auch öfters von ausländischen Freunden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Branko Simokovic am 20.01.2016 22:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Freunde bin ich besser drann

    Freunde sind: Leute die erkennen das jemand nicht mehr im Leben weiterkommt und ihm hilft, oder es ihm schlecht geht. Meist erkennen die das gar nicht. Oder Zuferlässigkeit zeigen, solidarität erkennen, ihre Meinungen nicht wie ihre Unterhosen wechseln, sich auf jemanden verlassen kann...... u.s.w....... Merkt ihr was ? Ich bewerbe mich wirklich ungern im Zivilen Leben bei jemand fremd hergelaufenen. Und eben : Zum Leben gehören nicht nur Arbeit und Ausgang sondern viel mehr das Vertrauen zueinander. Wer keinen halt findet in seinem Kolegen kreisen der sollte neue wege einschlagen.

  • Nationless am 20.01.2016 21:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch kein Freund

    Ja warum können Schweizer keine Freunde haben? Die Antwort ist klar und hart. Schweizer sei es als einzelne Bürger wie auch ihren Staat haben Interessen. Es sind nämlich die Interessen des Geldes und den Wohlstands möglichst für sich zu behalten und so können Sie nur Benachteiligte, Neider, Konkurrenten und so Feinde statt Freunde erwarten. Es sei sie treffen auf Gleichreiche mit dem Bedürfnis von Schutz ihres Wohlstands vor Ärmeren. Schon den Wunsch der SVP die Grenznahen vermögenden Regionen zu annektieren zeugt davon.

  • max62 am 20.01.2016 19:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Begründung

    Bei der Anzahl der Gründe dafür warum das so ist liegt die Schweiz auf Platz 2, wahrscheinlich hinter Schweden.

  • CH - Bürger am 20.01.2016 18:34 Report Diesen Beitrag melden

    Egogeilheit

    Auch hier kommt Egogeilheit vor Anstand und Charakter. Für viele gilt, je mehr man "sogenannte" Freunde vorzeigen kann, desto besser und angesehener ist man. Gut solche Freunde kommen gerne, wenn es bezahlte Einladungen, Sponsoring, etc. gibt. Nur, sind dies Freunde, Mit Bestimmtheit nicht. Es sind nur Nutzniesser und Parasieten. Aber der Egogeile, welche diese vorweisen möchte ist Stolz darauf und fühlt sich unglaublich gut, obwohl eigentlich ein absoluter Versager und Charakterlich sehr schwach.

  • Susi am 20.01.2016 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne "Termin"

    Ich komme aus Lettland. Wir wahren dort als um 9Uhr Abends plötzlich wollte ich meine Freundin besuchen, ohne anzurufen und letztes Treffen war vor ein halbes Jahr. Mein Mann ist Schweizer, er war total schockiert ;-)). Hat gesagt dass ich darf nicht so tun . Aber bei uns das ist etwas ganz normales. Die Freunde wird besucht wann man hat Lust, ohne langes abmachen und ohne Termine zu machen ;-)

    • alexa* am 20.01.2016 18:48 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht für Egoisten geschaffen.

      @ Susi : Ja eben Besuch, "wann man selber Lust hat" ! Ohne Rücksicht ob es dem überfallenen BESUCHTEN auch grad in den Kram passt. Nein, das ist nicht des Schweizers Art und Weise. Eine Schweizer Freundschaft ist nicht nur für halli hallo und trallalla auf Facebook... So eine Freundschaft will gepflegt werden und kann Lebenslang halten auch in schlechten Zeiten.

    • arnold gasser am 20.01.2016 21:17 Report Diesen Beitrag melden

      Länder und Sitten

      Und wann steht die Freundin am Morgen auf? Und dann gehst du vorbei, ohne zu wissen, ob sie zu Hause ist? Das jeweils übliche Verhalten hat auch mit der sonstigen Lebensweise zu tun. In der Schweiz ist die arbeitende Bevölkerung um 21:00 Uhr wahrscheinlich nicht mehr weit weg vom Bett - und wahrscheinlich auch gerade dabei, sich vom stressigen Tag zu erholen.

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