Staus und 2. Röhre

10. Juni 2012 08:32; Akt: 10.06.2012 08:32 Print

Die Gotthard-Frage spitzt sich zu

Nach dem verheerenden Bergsturz am Gotthard droht dem Nadelöhr in den Alpen kurzfristig ein Verkehrschaos. Langfristig bekommt die zweite Gotthardröhre weiter Aufwind.

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Am Dienstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, ereignete sich in Gurtnellen UR ein Felssturz. Der 29-jährige Bauarbeiter, der dabei verschüttet worden war, konnte am frühen Samstagmorgen (9. Juni) nur noch tot geborgen werden. Zwei weitere wurden mit Verletzungen ins Spital gebracht. Frontalansicht des Abbruchs am Berg. 2500 Kubikmeter Geröll donnerten auf das Bahntrassee. Hier ereignete sich das Unglück. Die Geröllmasse verschüttete die Bahnlinie. Hier ist der Berg abgebrochen. Im Bereich der Absturzstelle befand sich eine Baustelle. Gemäss einem Sprecher der Kapo Uri seien zum Unglückszeitpunkt Hangsicherungsarbeiten im Gange gewesen. Neben der Rega ist auch Heli Gotthard im Einsatz. Suchhunde werden via Helikopter zum Felssturzgebiet geflogen. Der Felshang ist nach wie vor labil. Der Verschüttete wurde deshalb noch nicht geborgen. Für die Sicherheit der Bergungsmannschaften müssen zuerst geologische Abklärungen durchgeführt werden. Damit wolle man verhindern, dass Nachstürze weitere Personen verletzten, erklärte ein Polizeisprecher. Die Wahrscheinlichkeit, den Verschütteten lebend bergen zu können, sei klein, sagte der Bauführer und Chef der Arbeiter. «Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.» Für Adrian Pfiffner, Geologe und Professor für Tektonik an der Uni Bern, steht fest: Die Regenfälle der letzten Tage haben die Katastrophe ausgelöst. «In das zerklüftete Gestein läuft Wasser, dadurch verlieren sie ihren Halt», so Pfiffner. Die Kantonsstrasse ist gesperrt. Ein gestrandeter Güterzug bei Gurtnellen: Die Gotthardstrecke bleibt mindestens drei Tage gesperrt. Glücklicherweise war kein Zug auf der Strecke, als der Fels ins Tal donnerte. «Es wurden keine Wagen getroffen und somit keiner unserer Passagiere verletzt», sagte SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Die Gotthardstrecke bleibe aber laut Pallecchi bis mindestens Mittwoch unterbrochen. Es verkehren Bahnersatzbusse zwischen Flüelen und Göschenen. Es muss allerdings mit erheblichen Verspätungen gerechnet werden. In Bellinzona mussten die Passagiere nochmals umsteigen. Leser-Reporter Kurt Lieberherr, der sich im ersten Ersatzzug befand, kam mit rund einer Stunde Verspätung in Lugano an. Der Felssturz ist kein Einzelfall. Immer wieder erschütterten Steinschläge das Gebiet bei Gurtnellen. Bereits am 12. März dieses Jahres gab es einen Kilometer unterhalb des Bahnhofs Gurtnellen einen Steinschlag. Verletzt wurde niemand. Im April 2009 verschüttete eine Nassschneelawine die Autobahngalerie bei Gurtnellen. Die Lawine forderte keine Opfer, aber die Kantonsstrasse bieb einige Tage gesperrt. Im Mai 2006 forderte ein Steinschlag bei Gurtnellen zwei Menschenleben. Um 06.45 Uhr ging der Felssturz mit einem Volumen von gegen 10 000 Kubikmeter auf die Autobahn nieder. Ein 64-jähriger Mann und seine 60-jährige Frau aus Deutschland starben. Zudem wurden zwei Lastwagenchauffeure verletzt. Sie befanden sich auf dem Rastplatz und schliefen, als der Felssturz niederging. Die Räumung der bis zu 125 Tonnen schweren Blöcke war schwierig. Wegen der anhaltenden Felssturzgefahr blieb die Autobahn mehrere Wochen gesperrt. Der instabile Felshang über Gurtnellen wurde gesprengt. Ein Jahr zuvor, im März 2005, durchschlugen zwei je fünf Kubikmeter grosse Felsbrocken bei Gurtnellen die Schutznetze und stürzten auf die Autobahn. Zwei Autofahrer kollidierten mit den Steinblöcken, blieben jedoch unverletzt. April 2003: Ein Felsbrocken durchschlug eine Autobahngallerie bei Gurtnellen. Verletzt wurde niemand.

Chaos nach dem Felssturz am Gotthard.

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Der Felssturz auf der Gotthardstrecke versetzt die Behörden in Alarmbereitschaft. Diese Woche fanden in Bern täglich Krisensitzungen statt, an der mehrere Bundesämter, Vertreter der Kantone sowie die Transportunternehmen beteiligt waren. Für nächste Woche sind weitere Sitzungen anberaumt.

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Die grösste Sorge: Der Güterverkehr könnte sich von der Schiene auf die Strasse verlagern und eine Flut zusätzlicher Lastwagen die Tunnels und Pässe verstopfen. «Im schlimmsten Fall fahren täglich 2000 zusätzliche Lastwagen durch den Gotthard», sagt Ruedi Rytz vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung der «NZZ am Sonntag». Das wären fast doppelt so viele wie im Normalfall, und dies ausgerechnet zum Ferienbeginn, wenn Staus ohnehin unvermeidlich sind.

Für den einflussreichen Nutzfahrzeugverband Astag ist der Bund in dieser Sache zu passiv. «Der Umwegverkehr verursacht hohe Kosten, verunmöglicht teilweise eine zeitgerechte Versorgung und ist sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch ein Unsinn», sagt SVP-Nationalrat und Astag-Präsident Adrian AmstutzAdrian
Amstutz

SVP, BE
Nationalrat
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Amstutz Abplanalp Birri AG, Sigriswil
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. Der Verband verlangt darum in einem Brief an Bundesrätin Doris Leuthard, der der «NZZ am Sonntag» vorliegt, mehrere Notmassnahmen. Lastwagen sollen auch mit 44 statt 40 Tonnen durch die Schweiz fahren dürfen, die Behörden sollen pauschale Nachtfahrbewilligungen ausstellen, und der Bund soll sofort eine zweite Röhre für den Autobahntunnel durch den Gotthard projektieren.

Bundesrätin Doris Leuthard wirbt für zweite Röhre

Besonders mit dieser letzten Forderung stösst der Astag beim Bundesrat offenbar auf offene Ohren. Denn Verkehrsministerin Doris Leuthard will dem Bundesrat den Bau einer zweiten Gotthardröhre vorschlagen, schreibt die «SonntagsZeitung». Diese weiss von mehreren unabhängigen Quellen, dass sie derzeit mit der Spitze des Bundesamts für Strassen einen entsprechenden Antrag an den Bundesrat für die Sanierung des Gotthardstrassentunnels vorbereitet.

Im Antrag sollen zwar sowohl eine Variante mit einer zweiten Röhre wie auch eine ohne solche aufgeführt sein. Priorisieren wolle Leuthard jedoch die Variante mit einer zweiten Röhre. Dies, weil nach neusten Zahlen eine neue Röhre plus Sanierung der bestehenden nur eine Milliarde teurer würde als die alleinige Sanierung der alten Röhre.

Damit erhalten jene Kräfte Auftrieb, die bereits seit Jahren einen zweiten Strassentunnel fordern. Neben einer staatlich bezahlten Lösung wurden auch private Investitionen mit einer kostenpflichtigen Durchfahrt diskutiert.

(aeg)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich denke, dass wir langfristig ohnehin nicht um eine zweite Röhre herumkommen werden. Idealerweise sollte diese fertiggestellt sein, bevor eine Totalsanierung der bestehenden Röhre durchgeführt werden muss. Die Kostenangaben sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen! Wie bei den NEAT Tunneln würde auch ein neuer Gotthardtunnel trotz bekannter Geologie mehr kosten, als ursprünglich budgetiert. – Zlottl

Der Gotthard ist der wichtigste und längste Strassentunnel der Schweiz. Trotzdem gibt es im Tunnel Gegenverkehr, was sehr gefährlich ist. Es geht nicht bloss um die Kapazität, sondern auch um die Verkehrsführung und die Sicherheit. – Martin

Nur eine Milliarde teurer ist wirklich wenig, nämlich ein Zwölftel dessen, was pro Jahr unkontrolliert in der Entwicklunghilfe versickert. Wie wir wissen, ist diese den Beweis ihrer Wirksamkeit seit 30 Jahren schuldig. Im Gotthard-Tunnel sind unsere Steuergelder sinnvoller angelegt, auch was die Schaffung neuer Stellen anbelangt. – Simon Beer

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans-Peter Mettler am 10.06.2012 10:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Milliarden ausgeben?

    Blödsinn, die braucht es nun wirklich nicht, für die paar Tage im Jahr da die Kapazität des Tunnels ausgeschöpft wird.

  • Ueli Meier am 10.06.2012 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    A easy question

    Wem nützt eine 2 te Röhre am meisten? Wer bezahlt Sie? Und inwiefern kommen die Profiteure der Schweiz entgegen?

  • Markus am 10.06.2012 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Nur die Bahn?

    Jetzt aufgrund eines Bergsturzes eine zweite Auto-Röhre zu fordern, ist schon etwas gar dreist. Auch die Autobahn durch den Kanton Uri wird von Naturgefahren bedroht! Aber es zeigt wieder einmal, welche Windfahne die CVP mit ihrer Bundesrätin Leuthard darstellt. Auf diese Partei ist einfach kein Verlass! Die lassen sich von jedem kaufen, auch wenn sie das immer den anderen Parteien vorwerfen. Nachdem wir Milliarden in die Neat investiert haben, wäre es der volkswirtschaftliche Super-Gau nun gleichzeitig eine zweite Auto-Röhre zu bauen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andy K. am 11.06.2012 00:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ja zur 2. Röhre ABER!

    Die Zweite Gotthard ist Sicherheitstechnisch notwenidig. Es erhöht ebenfalls die Kapazitäten z.B. wärend Ferienzeiten. Im Normalfall könnte man ja trotzdem pro Tunnel nur eine Spur nutzen. Die Zweite könnte als Sicherheitsspur genutzt werden falls jemand im Tunnel eine Panne hätte. Oder eben offen stehen wenn der Zugverkehr wegen Felsstürzen, Zugpannen etc. blockiert ist. Bei Unfällen im Tunnel kann man auch wieder in einer Röhre mit Gegenverkehr fahren, wärend in der Unfallröhre in Ruhe geborgen und aufgeräumt werden kann. Also, 2. Röhre ja, für mehr flexibilität.

  • A. Gabathuler am 10.06.2012 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beste Lösung!

    Die beste Lösung: 2 Röhren mit jeweils einer Fahrspur und einem Notstreifen (bei Zuwiederhandeln: massive Busse!). Dazu die alte Gotthard Bahnstrecke und die NEAT bedienen und mit so vielen LKW beladen, wie es geht. So haben wir ALLE etwas davon, da dies ökologisch UND ökonomisch die beste Lösung ist und nur so ist die ausfallssicherheit gewährleistet. Wieso sind die Urner gegen Röhre 2? Ich würde mich gegen 20km abgasblasenden Stau wehren und für die 2. Röhre stimmen!

  • Uristier am 10.06.2012 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Transitgüter!

    Ich verstehe das ganze Theater nicht! Es werden wenige Tonnen pro Tag für das Tessin transportiert. Der grösste Teil ist nämlich Transitverkehr . Und um das muss sich nicht die ASTAG kümmern sondern die EU. Deswegen benötigen wir wohl kaum eine 2. Röhre.

  • Anni Stiefel am 10.06.2012 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    2. Röhre ist ein kompletter

    Blödsinn ! Unnötige Geldverschwendung. Für wen od. was sollen wir sie denn bauen?

  • mauter am 10.06.2012 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    jetzt Zahlstellen

    JETZT zahlstellen vor den tunnelportalen bauen und gut kassieren, sobald genügend paarhundert millionen drinn sind kann man immer noch schauen obs ne 2te röhre wirklich braucht.

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