Brauchen wir mehr Ferien?

08. Februar 2012 11:23; Akt: 16.02.2012 09:29 Print

Die Mär vom Schweizer Chrampfer

von Kian Ramezani - Die Schweizer arbeiten viel und hart, argumentieren die Befürworter der Ferien-Initiative. Gleichzeitig sind die Arbeitnehmer so zufrieden wie fast nirgends in Europa. Wie geht das?

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Hoher Wettbewerbsdruck, rasende technische Entwicklung, fortschreitende Globalisierung: Viele Arbeitnehmer macht die steigende Arbeitsbelastung krank. Daher ist ein Ausgleich in Form von mehr Ferien nötig. So argumentiert der Arbeitnehmerverband Travail Suisse für seine Volksinitiative «Sechs Wochen Ferien für alle». Zur Untermauerung zieht er Statistiken und Vergleiche mit dem Ausland bei, die bei näherem Hinsehen aber Fragen aufwerfen. Denn unter dem Strich arbeiten Erwerbstätige in der Schweiz weder besonders lang, noch leiden sie in erhöhtem Mass unter der Arbeitsbelastung.

Laut Travail Suisse werden in der Schweiz durchschnittlich 44 Stunden pro Woche gearbeitet, drei mehr als im europäischen Durchschnitt. Und auch mehr als in den Nachbarländern: In Österreich sind es 41, in Deutschland 40, in Italien 39 und in Frankreich 37 Stunden. Die Spitzenposition basiert auf Zahlen aus einem Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Dieser wiederum nimmt Bezug auf eine Studie der «Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen» aus dem Jahr 2005. Wer die Originalquelle konsultiert, reibt sich die Augen: Dort landet die Schweiz mit 37 Arbeitsstunden pro Woche abgeschlagen an 25. Stelle (von 31 Ländern). Wer hat recht?

Hohe Zufriedenheit in der Schweiz

Beide, aber Travail Suisse erzählt nur die Hälfte der Wahrheit: Das Seco zählt in seiner Statistik nur Vollzeitangestellte, nicht aber selbstständig Erwerbende und Teilzeitarbeitnehmer. Nur so seien «sinnvoll interpretierbare Aussagen zur Länge und Lage von Arbeitzeiten möglich». Sprecherin Marie Avet ergänzt auf Anfrage, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern viele Teilzeitangestellte aufweist. Tatsächlich erfasst die Zählweise des Seco nur jene 57 Prozent der Arbeitnehmer, die sich in der Befragung als Vollzeitangestellte auswiesen. Travail Suisse erklärt die 57 kurzerhand zu 100 Prozent - alle Erwerbstätigen sollen mehr Ferien bekommen. Was die Gewerkschafter ebenfalls unterschlagen: Die Wochenarbeitszeit sinkt in der Schweiz wie im Rest Europas seit Jahrzehnten.

Travail Suisse bestreitet, dass die Arbeitszeiten ein prominentes Element in ihrer Argumentation darstellen. Es gehe vor allem um die zunehmende «Verdichtung» der Arbeit, erklärt Sprecherin Therese Schmid. «Arbeitstempo, Arbeitsvolumen, Termindruck und Aufgabenparallelität» würden zunehmend Stress verursachen. Besagte Seco-Studie zeichnet allerdings ein anderes Bild: Die Arbeitszufriedenheit in der Schweiz ist mit 91 Prozent sehr hoch. Bei Beschwerden wie Stress, Rücken- oder Muskelschmerzen liegt sie deutlich unter dem europäischen Schnitt. 88 Prozent geben an, dass sich ihre Arbeitszeiten im Allgemeinen gut oder sehr gut mit familiären oder sozialen Verpflichtungen verbinden lassen.

Zehn Milliarden Stresskosten?

Warum bei den Arbeitszeiten einen Vergleich mit dem europäischen Ausland anstellen, bei den berufsbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen jedoch nicht? Susanne Blank, Leiterin Wirtschaftspolitik bei Travail Suisse, verweist auf die zehn Milliarden Franken «Stresskosten», die jährlich in der Schweiz anfallen – deutlich mehr als die sechs Milliarden, die laut Bundesrat durch die zusätzlichen Ferien anfallen würden. Klingt schlüssig, hat aber zwei Schwachpunkte.

Die Zahl zehn Milliarden stammt aus einer Studie der Universität Neuenburg und stellt in den Worten der Verfasser einen «hypothetischen» und «virtuellen» Wert dar. Die Kosten, die reale Geldflüsse darstellen (Selbstmedikation gegen Stress sowie Lohnkosten aufgrund von Fehlzeiten und Produktionsverlusten), schätzen sie auf 4,2 Milliarden. Das ist kein Pappenstiel – aber die Argumentation, Stress verursache mehr Kosten als eine zusätzliche Woche Ferien, stützt sie nicht.

Und selbst wenn die zehn Milliarden der Realität entsprächen: Wer derart mit Zahlen argumentiert, müsste zeigen können, in welchem Ausmass die Stresskosten durch mehr Ferien sinken würden. Doch das ist kaum möglich.

Auch Gegner argumentieren unschlüssig

Die Zahlen von Travail Suisse beweisen letztlich vor allem eines: Die Schweiz ist kein Hort der überarbeiteten und gestressten Arbeitnehmer, auch wenn diese Vorstellung durchaus verbreitet ist (andere arbeiten fürs Leben, die Schweizer leben für die Arbeit). Das dürfte mit ein Grund sein, warum die Gegner der Ferien-Initiative primär auf ein anderes Argument setzen: Mehr Ferien erhöhen die Arbeitskosten - die ohnehin bereits die höchsten in Europa sind. Ein zusätzlicher Anstieg würde die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schädigen. Das wiederum könnte internationale Unternehmen davon abhalten, ihre Niederlassungen in die Schweiz zu verlegen oder sie zur Abwanderung in ein günstigeres Land bewegen. Das Wachstum und der Wohlstand der letzten Jahrzehnte wären gefährdet.

Doch wenn die Arbeitskosten in der Schweiz bereits jetzt die höchsten Europas sind und sich in der Vergangenheit trotzdem Unternehmen wie Google und Glencore angesiedelt haben, muss die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts andere Gründe haben. «Natürlich sind viele Faktoren für die Verlegung des Unternehmenssitzes in die Schweiz ausschlaggebend», räumt FDP-Nationalrat Ruedi NoserRuedi
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vom Nein-Komitee denn auch ein und nennt Rechtssicherheit, das steuerlich attraktive Umfeld, die günstige Lage mitten in Europa und die guten sozialpartnerschaftlichen Beziehungen. Ob mehr Ferien all diese Vorteile aufwiegen würden, darf bezweifelt werden.

Welche Argumente überzeugen Sie? Wie erleben Sie die Arbeitsbedingungen in der Schweiz? Brauchen Sie mehr Ferien? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • MOI am 11.02.2012 09:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso wollen die mehr arbeiten?

    Laut Travail Suisse werden in der Schweiz durchschnittlich 44 Stunden pro Woche gearbeitet, drei mehr als im europäischen Durchschnitt. Und auch mehr als in den Nachbarländern: In Österreich sind es 41, in Deutschland 40, in Italien 39 und in Frankreich 37 Stunden. AHA!!!! Wieso kommen die den zu uns arbeiten?

  • Sacha am 09.02.2012 13:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mut haben

    Und - an alle jene die über den Chef reklamieren... Vergesst nicht, dass es diesem personifizierten Feindbild zu verdanken ist, dass man einen Job hat. Irgendwann nämlich hat sich dieser etwas getraut und etwas riskiert, hat sich selbständig gemacht und Arbeitsplätze geschaffen. Auf sein eigenes Risiko. Wem das nicht passt soll anstelle zu reklamieren, selbst den Mut haben Chef zu werden. Dann mal 10 Leute anstellen und dann komme ich so nach 5 Jahren nochmal vorbei und frage nach wies den Jammerern so geht als Chef.

    • Peter Meier am 09.02.2012 20:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau!

      Genau, Sacha, so ist es. Ich bin selber ARBEITNEHMER! Aber ständig immer mehr fordern und immer weniger leisten geht einfach nicht! Jeder, der mehr Ferien will, soll sich selbständig machen. Dann ist dann fertig, mit jeden Monat Lohn abholen!!

    • bibi am 09.02.2012 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      genau

      und ihr lieben arbeitnehmer , opfert auch mal soviel freizeit für eure Firma , wie wir für euch , dass ihr jeden Montag zur arbeit könnt !!

    einklappen einklappen
  • Sacha am 09.02.2012 12:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beispiel!

    Kleinbetrieb. 5 Angestellte. Jeder hat 6 Wochen Ferien = 30 MannWochen bezahlte Absenzzeit. Aus Sicht der Buchhaltung oder Kasse des Betriebs ist es egal wer wieviel Ferien bezogen hat. Ob 5x6 Wochen oder 1x30 Wochen. Nun die Frage: wer möchte als Chef einen Angestellten der gute 7 Monate im Jahr fehlt und nichts erwirtschaftet bezahlen? Geht ein Licht auf?!

  • Karina am 09.02.2012 12:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    6 Wochen Ferien und 37 Stunden Woche

    Wir sind nicht auf dieser Erde, um nur zu arbeiten. Freiheit ist ein grundsätzliches Menschenrecht, dem wir in Form von sechs Wochen Ferien einen Schritt näher kommen. Die Teppichetage bezieht schon lange 6 Wochen Ferien und teilweise noch horrende Saläre dazu. Es ist JETZT ZEIT die längst fälligen Anpassungen vorzunehmen. Mehr Ferien, kürzere Wochenarbeitszeiten und höhere Löhne bedeuten mehr Zeit für sich, die Familie, Freunde. Das wiederum hat zur Folge: weniger Stress, bessere Gesundheit, glücklichere Menschen.

    • wheee am 09.02.2012 22:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      genau

      da geb ich dir vollkommen recht.

    einklappen einklappen
  • Kevin Turner am 09.02.2012 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unfair

    Ich bin dafür das die bauarbeiter 5wochen obligatorische ferien bekommen. Es kann doch nicht sein das leute die körperliche arbeit verrichten nur 4 wochen bekommen und solche die im büro sitzen bis zu 6 wochen

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