05. Juli 2004 11:14; Akt: 14.07.2004 18:16 Print

Amoklauf erschüttert Zürcher Bankenwelt

Eine der schwersten Bluttaten seit dem Fall Tschanun erschüttert Zürich. Ein Finanzspezialist der ZKB erschoss seine beiden Chefs und beging Selbstmord. Opfer und Täter hinterlassen Familien mit jeweils zwei Kindern. Die Polizei geht von einem Arbeitsplatzkonflikt aus.

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Das schmucklose Bürogebäude der Zürcher Kantonalbank (ZKB) am Tessinerplatz beim Bahnhof Zürich-Enge war am Montagmorgen Schauplatz eines grässlichen Verbrechens. Bei einer Sitzung mit mehreren Anwesenden zückte ein 56-jähriger Finanzberater um etwa 08.00 Uhr eine Faustfeuerwaffe und schoss seinem Chef und dessen Stellvertreter in den Kopf. Anschliessend flüchtete er in sein Büro einen Stock höher. Noch bevor er von der um 08.06 Uhr alarmierten Polizei verhaftet werden konnte, brachte sich der Kaderangestellte um. Die 80 Angestellten wurden evakuiert und psychologisch betreut.

Die beiden Opfer - beides Direktoren der viertgrössten Schweizer Bank an - waren unmittelbar nach der Bluttat zwar noch am Leben und wurden ins Spital gebracht. Dort erlagen sie aber am Nachmittag ihren schweren Kopfverletzungen. Der 45-jährige Chef der ZKB-Finanzplanung und der 41-jährige Chef der Finanzberatung hinterlassen beide Familien mit je zwei Kindern. Auch der Täter war Vater von zwei Kindern. Alle drei wohnten im Kanton Zürich.

«Als Tatmotiv vermuten wir einen Arbeitsplatzkonflikt», sagte Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi an einer Medienkonferenz. Die Hintergründe seien aber noch nicht geklärt. Am späten Nachmittag waren die Zeugenbefragungen noch im Gange. «Die Zeugen der Bluttat waren stark angeschlagen», sagte Kantonspolizei-Sprecher Karl Steiner. Eine Befragung sei erst nach intensiver Betreuung möglich gewesen.

Gemäss Polizeiangaben ging der Täter sehr gezielt vor. Obwohl sich zur Tatzeit noch andere Personen im gleichen Büro im dritten Stock aufhielten, schoss der Täter nur auf seine beiden Vorgesetzten. Ein Amoklauf könne damit ausgeschlossen werden, sagte Steiner. Es handle sich eher um eine Abrechnung.

Die ZKB traf die Bluttat wie aus heiterem Himmel. «Der Täter war bislang völlig unauffällig», sagte ZKB-Sprecher Urs Ackermann. In den gut drei Jahren, während derer der Täter bei der ZKB gearbeitet hatte, seien der Personalabteilung keinerlei besondere Vorkommnisse gemeldet worden. Auch über den vermuteten Konflikt am Arbeitsplatz sei nichts nach aussen gedrungen.

Der ZKB-Fall weckte Erinnerungen an den Mordfall Tschanun. Der damalige Chef der Stadtzürcher Baupolizei hatte 1986 vier seiner unmittelbaren Untergebenen ebenfalls am Arbeitsplatz ermordet und einen weiteren schwer verletzt. Anders als der Finanzspezialist brachte sich Tschanun aber nicht selber um, sondern flüchtete nach Frankreich. Nach seiner Verhaftung wurde er 1990 zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.

(dapd)