Thaibox-Unterricht für Carlos

05. Juli 2017 07:06; Akt: 05.07.2017 08:48 Print

«Ein Kampfsportler kann gezielter zuschlagen»

Dass Carlos so gefährlich ist, liegt auch am Thaibox-Unterricht, den er besuchen durfte. Das hat zu einem Umdenken geführt: Kampfsport zur Resozialisierung ist mittlerweile passé.

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Carlos (21) betrachteten die Aufseher des Gefängnisses Pfäffikon als so gefährlich, dass sie sich nicht trauten, seine Zellentür zu öffnen. Vorher mussten sie ein Polizeiaufgebot hinzuziehen. Die Folge: Der tägliche Hofgang blieb ihm verwehrt. Er litt unter erniedrigenden Haftbedingungen, wie ein am Montag vorgestellter Bericht zeigte. Erst letzte Woche schlug Carlos wieder zu: Er ging in der Strafanstalt Pöschwies gleich auf sieben Aufseher los, einer musste ins Spital.

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Doch ausgerechnet die Behörden haben mit dazu beigetragen, dass Carlos so gefährlich ist. Als Carlos 16 Jahre alt war, wurde für ihn in Basel ein Sondersetting organisiert, bei dem er während über einem Jahr Thaiboxen lernte. Typisch an Thaiboxen ist, dass man sowohl Fäuste, Ellbogen als auch die Beine zum Kämpfen einsetzen kann.

Dank des Thaibox-Trainings ist aus Carlos, der jahrelang von Institution zu Institution weitergereicht wurde und an vielen Orten schon als Jugendlicher als untragbar galt, offenbar eine Kampfmaschine geworden.

«Aggressionen kann man nicht mit aggressivem Sport begegnen»

Für Strafrechtsexperte und Kriminologe Martin Killias ist es unverständlich und falsch, straffällig gewordene Jugendliche in Kampfsport zu unterrichten. «Sicher ist, dass so trainierte Personen gezielter zuschlagen können. Sie brauchen also weniger Schläge, um jemanden ausser Gefecht zu setzen.»

Killias plädiert schon lange dafür, dass keine Art von Kampfsport zur Resozialisierung eingesetzt wird. Dass man Aggressionen mit einem aggressiven Sport abreagieren könne, ist aus seiner Sicht eine Fehlüberlegung. Es gebe viele Studien, die beweisen würden, dass dies nicht funktioniere.

«Boxtraining im Gefängnis ist kontraindiziert»

Killias verweist auf eine Langzeitstudie mit Jugendlichen aus Norwegen. Diese habe nachweisen können, dass speziell Sportarten wie Boxen, Kraftsport, Wrestling, Thai- und Kickboxen Aggressionen und asoziales Verhalten verstärkten. Der negative Effekt entstehe einereseits durch den Sport selbst, aber auch durch die an den Trainingsorten gelebten Machoattitüde und die dortigen Normen und Ideale.

Für den Strafrechtsexperten ist es darum unverständlich, dass es immer noch Gefängnisse gibt, in denen man Boxen trainieren kann. «Mir ist bewusst, dass es wenig Platz gibt und Kraft- und Boxtrainig deshalb praktischer sind als andere Sportarten, dennoch ist es extrem kontraindiziert», sagt Killias.

Kein Kampfsporttraining für Jugendliche in einer Massnahme

Offenbar spätestens mit dem Fall Carlos hat diese Haltung auch die Schweizer Haftanstalten erreicht. Beim Berner Amt für Justizvollzug heisst es, dass in keinem Gefängnis Boxkurse angeboten werden. Die Verurteilten dürften lediglich einen Fitnessraum benutzen.

Beim Zürcher Amt für Justizvollzug gibt es auch in keinem Gefängnis ein Boxtraining. Es könne aber sein, dass am einen oder anderen Ort ausnahmsweise mal ein Boxsack für eine halbe Stunde aufgehängt werde – anstelle des üblichen Sportangebots wie Fussballspielen oder anderen sportlichen Aktivitäten. «Die Kampfkompetenz kann auf diese Weise aber nicht gesteigert werden», sagt Sprecherin Rebecca de Silva.

Bei der Zürcher Oberjugendanwaltschaft, die das Sondersetting von Carlos bewilligt hatte, sagt Sprecherin Sarah Reimann: «Kampfsporttrainings bei Jugendlichen, gegen die eine Strafuntersuchung läuft oder die sich in einer Massnahme befinden, sind bewilligungspflichtig.» Zurzeit gebe es keinen Fall von einem Jugendlichen, bei dem ein Kampfsporttraining angeordnet und bewilligt worden sei.

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nishi am 05.07.2017 07:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Kopfschüttel"

    Ach nein, die Jugendanwaltschaft merkt jetzt, was wir alle anderen schon vorher wussten? Dass nämlich einer, der richtig lernt zuzuschlagen, es auch kann...

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  • Bume83 am 05.07.2017 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn wunderts?

    Nein wirklich??? Kampfsport macht einen Verurteilten Gewaltverbrecher noch gefährlicher!? Das kann ich als normal denkender mensch (nicht jahre lang studiert) kaum glauben..... Welcher dieser Sondersetting befürworter übernimmt jetz die verantwortung?

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  • Hiki am 05.07.2017 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studien

    Genügt da nicht Gesunder Menschenverstand um darauf zu kommen dass so was nicht funktioniert? Dazu braucht es Studien?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mine am 05.07.2017 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenz

    Ich finde auch das man potentielle Terroristen präventiv in den Schiessverein schickt. Dort bekehren sie sich sicher. Und wenns nicht funktioniert kann mans ja nochmals versuchen. Konsequenzen hat es ja keine!

  • Patrick am 05.07.2017 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kompetenz?

    Man fragt sich was für Menschen in diesen Behörden arbeiten? Kompetenz wird durch übertriebenes Mitgefühl ersetzt - man will ja nur das Beste für armen Menschen. In diesem Fall entstand eine unberechenbare Waffe, notabene mit Unsummen von unserem Geld. Jeder der ernsthaft Kampfkunst (nicht Kampfsport) betreibt, weiss dass man aggressive Leute nicht unterrichtet. Aber unsere kompetenzlosen Sozialarbeiter würde wohl auch ein Sportschützentraining für aggressive Jugendliche vorsehen, weil ihnen der meditative Aspekt beim Training gut tut... wie wäre es mit ein bisschen gesundem Menschenverstand?

  • Nanadina90 am 05.07.2017 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch

    Das schlimme daran ist ja noch, das wir als Steuerzahler das alles noch bezahlen mussten! Die haben tausende von Franken ausgegeben um diesen Kerl noch gefährlicher zu machen. Toll gemacht!

  • Ste Jae am 05.07.2017 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverständlich

    Wäre er in den Philippinen, Nordkorea oder anderswo im Knast, dann würde ich verstehen, wenn man von unwürdigen Bedingungen sprechen und schreiben würde. Sehr bedenklich & für mich ist der Typ einfach grossflächig gestört & sollte für immer verwahrt werden und die Mitmenschen vor so einem Schützen. Er ändert sich sowieso nicht, was er schon mehrfach bewiesen hat. Wieviel Leid & Gewalt soll er andern Menschen noch antun ??

  • Locher P. am 05.07.2017 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umfeld

    Welche Rolle spielen eigentlich Eltern und Geschwister (hat er welche) in dieser Tragödie?