BLS gegen SBB

08. September 2017 10:11; Akt: 08.09.2017 16:11 Print

«Die Druckversuche der SBB haben uns geärgert»

von Stefan Ehrbar - Im Streit um den Fernverkehr haben sich die SBB und die BLS nicht gefunden. Die BLS wirft der SBB vor, eine Lösung verhindert zu haben.

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Ende Jahr laufen die Konzessionen für die meisten Fernverkehrs-Linien im Schweizer Eisenbahnnetz aus. Bisher waren sie alle im Besitz der SBB. Für die Neuvergabe hatte das Bundesamt für Verkehr (BAV) erstmals auch andere Unternehmen eingeladen, sich für die Konzessionen zu bewerben und so das SBB-Monopol zu brechen.

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Die SBB wollte diese Konkurrenz verhindern und hat deshalb mit den beiden Bewerbern BLS und SOB Gespräche geführt – erst noch unter Führung des BAV, dann separat. Mit der SOB fanden die Bundesbahnen eine Lösung. Die soll neu für die SBB unter der Konzession der Bundesbahnen fahren. Mit der BLS hingegen konnten sie sich nicht einigen.

30 Millionen Franken Einsparungen

Für 15 Jahre will die SBB nun den Fernverkehr im ganzen Land weiter alleine betreiben. Ein entsprechendes Konzessionsgesuch wurde am Freitagmorgen eingereicht. Der Fernverkehr sei heute sicher und pünktlich, die Kundenzufriedenheit auf einem neuen Höchststand, so die SBB. Integraler Bestandteil des Gesuch sei die Kooperation mit der SOB. Mit ihrer Lösung werde die öffentliche Hand ab 2022 um 30 Millionen Franken entlastet, teilte die SBB mit. Zudem müssten nicht mehrere hundert Mitarbeiter den Arbeitgeber wechseln.

Die Konkurrentin BLS will das nicht auf sich sitzen lassen. Sie beantragt eine Konzession für insgesamt fünf Linien im Fernverkehr. Dazu gehören die Intercity-Linien Interlaken Ost-Bern-Liestal-Basel und Brig-Bern-Basel sowie die Regioexpress-Linien Bern-Neuchâtel-Le Locle, Bern-Biel und Bern-Burgdorf-Olten. Vier dieser Linien betreibt heute die SBB, zwischen Bern und Neuchâtel fährt bereits heute die BLS.

290 Stellen versprochen

Fundierte Berechnungen hätten ergeben, dass die BLS die Linien rentabel betreiben könne, heisst es in einer Mitteilung. Auf drei der fünf Linien will die BLS Gewinn schreiben. Das Verhältnis von rentablen und unrentablen Linien sei ausgewogen. Damit reagiert die BLS auf Vorwürfe, sie betreibe Rosinenpickerei. «Es geht uns nicht darum, gross Gewinne zu schreiben», sagt BLS-Chef Bernard Guillelmon zu 20 Minuten.

Mit dem Konzept schaffe die BLS in den nächsten Jahren rund 290 Vollzeitstellen. Die BLS habe einen guten GAV und attraktive Arbeistbedingungen, wird der BLS-CEO in einer Mitteilung zitiert. Die BLS habe der SBB eine Kooperation angeboten, die auf einer Konzession der BLS beruht habe.

«Druck der SBB war nicht förderlich»

Davon habe die SBB aber wieder Abstand genommen, obwohl die Verwaltungsratspräsidien beider Bahnen der «Konsenslösung» zugestimmt hätten. Eine Lösung, die von der SBB danach vorgeschlagen worden war, sei «inakzeptabel» für die BLS, sagte Verwaltungsratspräsident Rudolf Stämpfli am Freitag vor den Medien. Er habe eine Erklärung für das Verhalten der SBB, sagte er. «Aber ich getraue mich nicht, sie zu sagen.» Die BLS sei nicht einfach eine Abteilung der SBB, so Stämpfli.

Er kritisierte die Druckversuche der SBB, die in Bern für «spürbare Verstimmung» gesorgt hätten. Ihn als Berner Oberländer lasse das kalt. «Es war bestimmt nicht förderlich für eine gute Gesprächskultur», sagte Stämpfli vor den Medien an die Adresse der SBB. «Ich bin der falsche Adressat für solche Druckversuche.»

«Wettbewerb hilft Pendlern»

Die Türe ganz zuschlagen will die BLS aber nicht: Man könne die Lösung weiterhin mit der SBB umsetzen, wird Stämpfli in einer Mitteilung zitiert. «Wir sind der festen Überzeugung, dass der Einzug von Wettwerb den Fahrgästen zugutekommt.» Spätestens Anfang Dezember dürfte das BAV entscheiden. Die BLS will allerdings die Konzessionen erst ab 2020 oder später. Der Intercity Interlaken-Bern-Basel soll 2022 erstmals unter BLS-Fahne fahren, der Intercity Brig-Bern-Basel ab 2023. Für die Intercity-Linien müsste die Berner Bahn erst noch Rollmaterial beschaffen. Für die Zeit bis dahin stehen Übergangslösungen im Vordergrund.

SBB-Chef Andreas Meyer versprach am Freitag vor den Medien, wenn die SBB die Konzession für die ganze Schweiz erhalte, blieben die Preise für den öffentlichen Verkehr bis 2020 im Durchschnitt stabil. Die Lösung der SBB sei schlicht «die beste für die Schweiz». «Wettbewerb ist immer Rosinenpickerei», sagte er zu 20 Minuten. Das BAV dürfe die Gesamtschau nicht aus den Augen verlieren und müsse aufpassen, dass sie nun nicht die Schleusen öffne. Sonst könnten irgendwann sogar ausländische Anbieter zum Zug kommen.

Weko musste einschreiten

Mit dem Entscheid der beiden Bahnen enden langwierige Verhandlungen ohne Erfolg. Die SBB soll der BLS etwa angeboten haben, ihr einige kürzere Interregio-Strecken abzugeben, wenn sie auf die Bewerbung für den Fernverkehr verzichtet, berichtete der «Tages-Anzeiger».

Ausserdem habe die SBB die gemeinsame Nutzung einer Werkstatt angeboten – eine solche muss die BLS sonst neu bauen. Die SBB teilte am Freitag mit, dass die Kosten des Systems um 15 bis 20 Millionen Franken jährlich steigen würden, wenn die BLS ebenfalls Linien betreiben dürfte. Zudem geht sie davon aus, dass die BLS die mutmasslich angestrebten Linien nicht gewinnbringend betreiben kann. Dem widersprach die BLS an der Medienkonferenz. Der Businessplan funktioniere, sagte CEO Guillelmon zu 20 Minuten.

Vor den Entscheidungen der Bahnen hatte sich sogar die Eidgenössische Wettbewerbskommission in den Streit eingeschaltet. Sie warnte die SBB vor Verstössen gegen das Kartellrecht, weil die Bahn versuche, Konzessionsgesuche von anderen Anbietern abzuwehren, schrieb die «SonntagsZeitung».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • W. Meier am 08.09.2017 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Wohle der Kunden wäre gefragt

    Macht das gleiche durcheinander wie beim Telefon. Mehrere Anbieter aber keiner besser als der Andere.

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  • Domi J. am 08.09.2017 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Welche Kundenzufriedenheit?

    Welche Kundenzufriedenheit ist auf dem Höchststand? Im Fernverkehr Züge, älter als meine Eltern, zu den Stosszeiten kaum mehr Sitzplätze, Preise astronomisch, sogar mit Halbtax ist es günstiger, mit dem Auto zu fahren, auch dann noch, wenn man Steuern und Versicherung drauf rechnet.

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  • seppetoni am 08.09.2017 10:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bei der arroganz der BLS

    überrascht mich nicht, dass es zu keiner einigung kam. guillemon, fankhauser, leu, alles ex SBB ler. wie lange schaut der verwaltungsrat dem trauerspiel der drei noch zu?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • W. Giger am 09.09.2017 17:46 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Nasenlänge

    Die BLS war den SBB immer schon eine Nasenlänge voraus. Ich wünsche ihr Erfolg für ihre Bewerbung!

  • En. Weiche am 08.09.2017 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverständnis

    Hm, wenn die BLS die Konzession für die Strecke Interlaken - Basel erhält hat sie ja dann quasi ein Monopol drauf. Was soll also das Gebashe wegen Monopol der SBB?

  • Insider am 08.09.2017 20:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das miese Spiel der Berner

    Die BLS offeriert nur auf die Teile des Fernverkehr welcher im Ganzen rentiert. Der Kt. Bern schöpft die Gewinne ab, während die SBB durch den Bund gezwungen wurde den Rest zu fahren. Ja die SBB muss Strecken mit Verlust betreiben!!! Da das BAV welches alles vergibt und die BLS im Kt. Bern sind und die meisten Mitarbeiter dort wohnen, ist es in ihrem eigenen Interesse Geld abzuschöpfen.Egal wenn die anderen mehr zahlen. Konkurrenz ist es auch nicht, denn niemand anderes darf dann für 15 Jahre fahren. In anderen Ländern wäre das Korruption.

    • Ruedi Reber am 09.09.2017 15:50 Report Diesen Beitrag melden

      Insider=Trump?

      Es gibt scheinbar nicht nur in den USA Leute, welche die Fakten nicht kennen. Die Linie nach La- Chaux-de-Fonds ist NICHT rentabel zu betreiben. Weder für SBB noch für BLS.

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  • C. Meier am 08.09.2017 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Eine zweite Mittelthurgaubahn?

    Wie war das nochmals mit der Mittelthurgau-Bahn? Musste damals nicht der Steuerzahler einspringen, weil diese mit zu optimistischen Business Plänen Konkurs ging? Am Ende gab es einen Mitbewerber weniger, wenn man von Thurbo als SBB-Tochter absieht. Dies alles im Namen des Wettbewerbs...

  • Remy Beguin am 08.09.2017 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Welchen Vorteil hat ein Passagier, wenn er von Lausanne nach Basel fahren will und zuerst ein SBB Billet bis Bern oder Olten, und dann ein BLS Billet nach Basel braucht?? Wir sollten die Fehler der Britischen Bahnen nicht kopieren. Das bringt für Passagiere nur Ärger!

    • Walter Ott am 08.09.2017 21:56 Report Diesen Beitrag melden

      Das hat doch mit Billetten nichts zu tun

      Ich fahre bereits heute mit einem Billett mit mehreren Mobilitätsdienstleistern und auch mit nur einem Billett mit BLS und SBB z.B. von Zürich nach Kerzers. Es würde ja nur der "Operating Carrier" wechseln und da spüre ich wirklich mehr Kundennähe bei der BLS.

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