Mailen am Strand

14. August 2017 13:40; Akt: 14.08.2017 13:58 Print

Mitarbeiter müssen auch in den Ferien schuften

von B. Zanni - Angestellte opfern ihre Ferien für den Job. Sie müssten sich wehren, so der Aufruf der Gewerkschaften.

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Ferien pur sind für manche Mitarbeiter unmöglich geworden. Per E-Mail oder Telefon sind sie auch während ihrer Abwesenheit für den Job engagiert. (Bild: Colourbox)

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Die 14-tägigen Sommerferien an der Côte d’Azur wurden für F.S.* (26) zum Reinfall. Die Hälfte davon verbrachte sie im Hotelzimmer vor dem Laptop, um «dringende administrative Geschäfte» für ihre Firma zu erledigen. Lag sie am Strand, klingelte das Handy im Minutentakt. Doch einen Groll auf ihre Firma hegt F.S. nicht. «Das Geschäft läuft halt auch weiter, wenn ich in den Ferien bin. Ich kann meine Kollegen nicht im Stich lassen.»

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Auch andere Mitarbeiter sind in den Ferien für den Job auf Empfang. «Die ständige Erreichbarkeit hat sich vom Feierabend jetzt auch noch in die Ferien ausgedehnt», sagt Adrian Wüthrich, Präsident des Arbeitnehmerdachverbands Travail.Suisse. Es gebe vermehrt Fälle, in denen Mitarbeiter dann mittels E-Mails und Telefonaten «verstückelt» arbeiteten.

Besonders junge Menschen würden Opfer. «Sie sind ehrgeizig und wollen sich im Job beweisen.» Auch seien sie es sich gewohnt, dass sich die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit wegen der digitalen Kommunikationsmittel verwischten.

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«Ferien unterbrechen wegen Termin»

Laut Wüthrich gehen manche Arbeitgeber aber noch weiter. «Es gibt sogar Mitarbeiter, die ihre Ferien unterbrechen müssen, weil der Arbeitgeber sie für einen Tag wegen eines bestimmten Termins oder Auftrags ins Büro beordert.» Auch Philipp Zimmermann, Sprecher der Gewerkschaft Unia, sagt: «In vielen Branchen ist eine Zunahme von Termindruck und Stresssituationen spürbar.»

Die Gewerkschaften warnen davor, sich in den Ferien vom Job hetzen zu lassen. Zimmermann: «In den Ferien auch zu arbeiten, trägt nicht dazu bei, dass man sich erholt.» Travail.Suisse ruft die Arbeitnehmenden auf, «Ferien Ferien sein zu lassen». Adrian Wüthrich: «Lassen Firmen ihre Mitarbeiter nicht richtig abschalten, kann sie dies teuer stehen kommen.»Mangels Erholung seien Krankheitsausfälle die logische Konsequenz.

«Klarer Gesetzesverstoss»

Laut Wüthrich müssen sich Mitarbeiter wehren. Es gebe viele Angestellte, die solche Störungen einfach akzeptierten, weil sie auf ihre Arbeit angewiesen seien. «Verlangen Arbeitgeber, dass Mitarbeiter in den Ferien Aufgaben ausführen, ist dies ein klarer Gesetzesverstoss.» Wüthrich legt nahe, auf den Ferien zu beharren und dem Chef klipp und klar mitzuteilen, dass man nicht verfügbar sei.

Alfred Blesi, Fachanwalt SAV Arbeitsrecht, bestätigt, dass Arbeitnehmer das Recht auf arbeitsfreie Ferien haben. Poche ein Arbeitnehmer auf seine Ferien oder schalte er das Handy schon gar nicht ein, könne ihm dies der Arbeitgeber nicht verübeln. «Der Arbeitnehmer darf in den Ferien vom Arbeitgeber nur in Ausnahmesituationen gestört werden» (siehe Box).

Die Gewerkschaften nehmen aber auch die Arbeitnehmer in die Pflicht. Manche Angestellte beschafften sich selbst Arbeit, so Adrian Wüthrich. «Sie checken im Hotel ihre Mails und setzen sich dann aufgrund einer Nachricht, die ihnen gerade keine Ruhe lässt, doch wieder an die Arbeit.»

Grossteil der Arbeitnehmer werde nicht tangiert

Laut dem Schweizerischen Arbeitgeberverband obliegt es den Arbeitgebern, die Erreichbarkeit in den Ferien abhängig der Tätigkeiten, Funktionen und Firmenkultur selbständig zu regeln. Davon werde der Grossteil der Arbeitnehmer nicht tangiert werden, sagt Sprecher Fredy Greuter. «In einer ausserordentlichen Situation kann jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass der Arbeitgeber für eine spezifische Abklärung den zuständigen Arbeitnehmer kontaktieren muss.»

Ausserdem empfehle der Verband, eine «Störung» in den Ferien möglichst im Voraus zu besprechen, zeichne diese sich in einem spezifischen Einzelfall bereits vorher ab. Da in der Schweiz eine hohe Job-Zufriedenheit herrsche, sei nicht davon auszugehen, dass eine begründete ‹Störung› das Wohlbefinden beeinträchtige oder gar gesundheitsschädigend sei, fügt Greuter an.

*Initialen der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beachboy am 14.08.2017 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    dann läuft gewaltig etwas schief

    wenn eine firma nicht 2 Wochen am stück auf einen bestimmten MA verzichten kann, dann läuft gewaltig etwas schief. ferien sind planbar. wie sieht es bei Unfall aus? das kommt plötzlich und der ausfall ist einiges länger. ich bin in meinen ferien grundsätzlich nicht erreichbar fürs Geschäft. wäre das nicht so, könnte ich auch gleich zuhause bleiben und normal arbeiten gehen. der "arbeitseinsatz" am strand wird einem nachher auch nicht speziell verdankt.

    einklappen einklappen
  • Benni am 14.08.2017 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig aber wahr.

    Habe in den ferien auch zeitweise gearbeitet, weil das verlangt wurde. dann hat der chef reklamiert, das die telefonrechnung zu hoch gewesen sei. Nun kann er mich, wenn ich in den ferien bin. Ganz einfach

    einklappen einklappen
  • Al Mighty am 14.08.2017 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Der blanke Horror

    Das nennt man dann nicht mehr Job. Wenn Aufgaben rund um die Uhr dauern, bezeichnet man das doch als Leben, oder?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Die Gast am 15.08.2017 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Handy und Laptop bleiben zu Hause

    Wenn ich Ferien habe bleiben Geschäftshandy und Laptop im Büro oder zu Hause. Ich gebe während der Arbeitszeit alles, arbeite manchmal 10 Stunden am Stück. Wenn ich Ferien habe mache ich Urlaub von Allem und bin nur für die Familie für Notfälle erreichbar. Und wärend dessen Ferien lasse ich auch meinen Chef in Ruhe! Allerdings bin ich nur ein kleines Rädchen im Getriebe und arbeite nicht auf der Manageretage.

  • Gibt's auch am 15.08.2017 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Umgekehrter Fall

    Wir haben bei uns in der Firma einen "Mr. Unentbehrlich". Fast immer in seinen Ferien rennt er irgendwelchen geschäftlichen Sachen nach. Sogar unser Chef hat ihm schon gesagt, er soll gefälligst damit aufhören und richtig Ferien machen. Aber er macht munter weiter einen auf "ach was bin ich wichtig" und kann dann nach seiner Rückkehr allen erzählen, dass er während den Ferien gearbeitet hat. Mich wundert es vorallem, dass seine Frau das noch mitmacht.

  • Herr Döpfel am 15.08.2017 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Never Ever.

    Ich würde NIE ein Geschäftsmail in meinen Ferien bearbeiten. Wer mir während dem Urlaub mailt, bekommt eine automatische Antwort mit der Info, wann ich wieder erreichbar bin. Fertig. Ferien!

  • Peter am 15.08.2017 12:51 Report Diesen Beitrag melden

    Bin kein Sklave

    Mir wollte einmal ein Chef vorschreiben, dass ich mein Handy IMMER bei mir haben muss und erreichbar sein muss. Habe gelächelt und ihm meine Lohnforderung auf den Tisch gelegt. Erst hat er gelacht. Aber die Aussicht des nächsten Termins vor dem Arbeitsgericht hat ihm nicht mehr gefallen. Ergebnis: Kündigung bekommen, Termin beim Arbeitsgericht und danach fast 6 Monate bezahlten Urlaub. So läuft das!!!!

  • Dagobert am 15.08.2017 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Eben

    Das zeigt nur einmal mehr, dass es zu viele Leute gibt die eine Chefposition innehaben und dazu nicht fähig sind. Neben oft fehlender Fachkompetenz kommt noch absolut fehlende Führungsfähigkeit.