Tiefe Löhne

13. Juli 2015 05:47; Akt: 13.07.2015 08:23 Print

Swiss-Crew bettelt bei Passagieren um Trinkgeld

von B. Zanni - Das Kabinenpersonal eines Swiss-Flugs forderte die Passagiere auf, Trinkgeld zu geben. Damit wollte die Crew auf den Lohndruck aufmerksam machen.

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Eine Flugbegleiterin bedient die Passagiere der Economy-Class in einem Flugzeug der Swiss. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Nach der Landung des Swiss-Flugs von Malaga nach Zürich staunten die Flugpassagiere letzten Mittwoch nicht schlecht, als sie das Flugzeug verliessen. «Trinkgeld willkommen, wenn Ihnen der Flug gefallen hat», stand auf einem Kässeli beim Ausgang der Swiss-Maschine. Aufgestellt wurde es vom Maître de Cabine Marvin S.*, der zuvor per Ansage auf die Aktion aufmerksam gemacht hatte.

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«Heute habe ich einen mutigen Tabubruch begangen», berichtet Marvin S. kurz darauf den 1160 Mitgliedern der Facebook-Gruppe QVK (Quo vadis Kapers?), in der sich das Kabinenpersonal austauscht. Die Facebook-Gruppe wurde Anfang 2012 von Flugbegleitern gegründet, weil die Swiss die Flugbegleiter zu Weihnachten statt mit einer Gratifikation bloss mit einem Käse-Holzbrettchen belohnt hatte.

33 Franken kassiert

Die 108 mehrheitlich jungen Passagiere im Flugzeug hätten 33 Franken Trinkgeld in die Kasse geworfen, schreibt Marvin S. im Facebook-Post weiter. Mit der Trinkgeld-Aktion wollte der Flugbegleiter auf den enormen Lohndruck beim Flugpersonal aufmerksam machen. «Die Tarife zerfallen und das müssen wir alle gemeinsam als Mitarbeiter im eigenen Geldbeutel verkraften», schreibt er. Nun sei es an der Zeit, umzudenken und neue Einnahmequellen zu generieren.

Auch wenn die Crew das Geld am Ende nicht in die eigene Tasche steckte, sondern einer gemeinnützigen Organisation spendete, stösst die Aktion bei den Facebook-Usern auf wenig Verständnis. «Je länger ich mir das überlege, desto mehr komme ich zum Schluss, dass man so dumm nicht sein kann. Du verarschst uns, oder?», schreibt eines der Mitglieder. Ein anderes meint: «Dumm, dümmer, saudumm! Nicht jammern, wenn in Kürze wieder jemand freigestellt ist.»

Swiss nicht erfreut

Auch die Fluggesellschaft Swiss zeigt sich wenig erfreut. Auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt sie den Vorfall. «Dieses Vorgehen entspricht nicht unseren Vorstellungen von Qualität und Kundenservice», sagt Swiss-Sprecherin Karin Müller. Die Angelegenheit werde nun intern abgeklärt. Ob Marvin S. nun mit einer Kündigung rechnen muss, wollte Müller nicht kommentieren.

Deutliche Worte findet Denny Manimanakis, Präsident der Gewerkschaft des Kabinenpersonals (Kapers). Die Trinkgeld-Aktion bezeichnet er als «äusserst gefährlich». Er rechne damit, dass die Swiss, die bei Regelverstössen normalerweise sehr strikt durchgreife, disziplinarische Massnahmen ergreifen werde. Obwohl er das Anliegen der Kabinenmitglieder nach höheren Gehältern verstehen könne, habe die Crew über das Ziel hinausgeschossen. Laut Manimanakis beträgt der Anfangslohn eines Flugbegleiters rund 3300 Franken. «Die Swiss sollte sich Gedanken machen, wie sie ihre Mitarbeiter länger behalten kann. Der Lohn und die Arbeitsbedingungen sind die Hauptgründe für die hohe Fluktuation», sagt Manimanakis.

«Kündigung wäre übertrieben»

Auch Henning Hoffmann, Geschäftsführer des Pilotenverbands Aeropers, sagt: «Grundsätzlich halte ich den Arbeitsplatz nicht für den besten Ort, um tarifpolitische Signale zu senden.»

Seiner Ansicht nach wäre es besser gewesen, wenn sich der Maître de Cabine statt an die Passagiere direkt an den Arbeitgeber oder einen Berufsverband gewandt hätte. Dennoch habe er Verständnis, sagt Hoffmann. Wegen der Aktion eine Kündigung auszusprechen, hält er für übertrieben.

Marvin S. selbst wollte sich gegenüber 20 Minuten nicht zum Vorfall äussern.

*Name geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • frese am 13.07.2015 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    Zwei Seiten

    Als Passagier nervt mich eine solche Aktion. Andererseits, mit dem nötigen Hintergrundwissen, goutiere ich den Mut dieses Maître de Cabine..

  • Werner am 13.07.2015 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe es!

    Bin gegen Trinkgeld, aber das war nicht das Ziel, sondern das Signal ist wichtig!

  • Zoltan am 13.07.2015 06:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewinnmaximierung ist nicht alles

    Ich glaube ich würde mir nicht diesen Stress im Flugzeug für 3300 Fränkli antun. Es gibt andere Arbeiten für das Geld. Ich würde lieben gern mehr für ein Flugticket bezahlen aber dafür verlange ich mit meinem 1,86cm auch mehr Platz. Die Fluggesellschaften müssen wohl ein bisschen nachdenken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • bb am 15.07.2015 00:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jammer

    tauschen mit supermarktangestelter arbeits bgin 5 morgens ohne pause bis 11uhr das einer 50 % angestelter und wärend der ferien zeit noch zuzätzlich der 80% arbeit der in d ferien abwesende arbeits mitsrbeiter wollen sie noch immer jammer?

  • Herr Schweizer am 14.07.2015 23:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht die einzigen!

    Als ETH Architekt verdient man auch nicht viel mehr als 5000.- also nicht jammern! Und verantwortung hat man da deutlich mehr..

  • Lara am 14.07.2015 23:15 Report Diesen Beitrag melden

    Dankeschön

    Trinkgeld finde ich als ehemalige Flugbegleiterin auch nicht ok. Ein Dankeschön würde reichen und enorm motivieren! :) wohlgemerkt, der Lohn ist sehr tief. Schliesslich wird eine abgeschlossene Berufsausbildung und Sprachkenntnisse gefordert. Der Lohn wohlgemerkt nur x12. Einen 13. Gibt es nicht. Die spesen machen den Braten auch nicht feiss, die Verpflegung im Ausland kostet ja auch was. Auch ein freier Tag nach Wunsch ist Fehlanzeige

  • Ehemaliger Swiss MA am 14.07.2015 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aussage bez. freelancer stimmt nicht ganz

    Das wegen den freelancern ist ein witz. Man muss mindestens zwei jahre dabei gewesen sein als FA, damit man in den freelancer (einzelne flüge) wechseln kann. Somit fallen hierbei die meisten aus dem raster raus, da diese nicht zwei jahre bleiben um durchbschnitt!!

  • Ex FA am 14.07.2015 23:06 Report Diesen Beitrag melden

    Darum gehts

    Vielen hier scheint die eigentliche Aufgabe von Flugbegleitern nicht klar zu sein. Der Service ist nur ein ganz kleiner Teil. Ein Flugbegleiter ist in erster Linie für die Sicherheit der Passagiere zuständig. Auch nach einem Langstreckenflug, welcher einem nach einem 12 stündigen Reservedienst (mit der Verpflichtung, innert einer Stunde auf dem Flugzeug zu stehen), muss man mental und physisch in der Lage sein, in einer Notsituation richtig zu handeln und falls nötig, das Flugzeug innert kürzester Zeit zu evakuieren. Medizinische Ausbildung, Brandbekämpfung und Sicherheit - darum gehts