Korruptionsbarometer

15. November 2016 23:07; Akt: 16.11.2016 02:00 Print

Warum Schweizer zu Missständen schweigen

Jeder zweite Schweizer würde einen Korruptionsfall nicht melden – wie würden Sie handeln?

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Wer Missstände am Arbeitsplatz melden will, kann die Rechtmässigkeit seines Vorgehens nur schwer im Voraus einschätzen: Ein Mann in einem Geschäftshaus in Bern. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

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Die Schweizer Bevölkerung gibt ihrem Land in einer Umfrage gute Noten bezüglich Korruption. Doch auch hierzulande werden Probleme wahrgenommen: Einerseits der grosse Einfluss von Einzelpersonen auf die Politik, andererseits drohende Konsequenzen nach Whistleblowing.

Zwei Drittel geben an, vermögende Einzelpersonen beeinflussten die Regierungstätigkeit zu stark. Sie befürworten deshalb strengere Lobbying-Regeln. Das zeigt das Korruptionsbarometer von Transparency International, das in der Nacht auf Mittwoch veröffentlicht wurde.

Noch ungenügend ist in den Augen der Organisation auch der Umgang mit Whistleblowern. Jeder zweite der 1000 Befragten gibt an, Schweizer meldeten Korruptionsfälle nicht, weil sie sich vor den damit verbundenen Konsequenzen fürchteten. Vor drei Jahren war erst rund ein Drittel dieser Meinung, im internationalen Durchschnitt sind es dieses Jahr 30 Prozent.

Bundesrat muss über die Bücher

Heute ist es Sache der Gerichte, über eine allfällige Bestrafung von Whistleblowern zu entscheiden. Sie müssen abwägen zwischen dem Recht auf freie Meinungsäusserung und den vertraglichen Pflichten des Arbeitnehmers einerseits und den Geheimhaltungsinteressen des Arbeitgebers andererseits. Wer Missstände am Arbeitsplatz melden will, kann die Rechtmässigkeit seines Vorgehens darum kaum im Voraus einschätzen.

Das Parlament hat sich schon verschiedentlich mit neuen Regeln für Whistleblower befasst. Eine vom Bundesrat ausgearbeitete Gesetzesänderung scheiterte im Herbst vor einem Jahr. Das Parlament kam zum Schluss, die geplanten Regeln seien zu kompliziert. Es beauftragte den Bundesrat, den Gesetzesentwurf verständlicher und einfacher zu formulieren. Das Gesetz soll regeln, unter welchen Umständen Meldungen über Missstände am Arbeitsplatz zulässig sind.

Positive Wahrnehmung von Politikern

Insgesamt gibt die Bevölkerung den Schweiz Verantwortungsträgern gute Noten hinsichtlich Korruption: Regierung und Politiker, aber auch Polizei und Richter werden als integer eingeschätzt.

Am korruptesten werden Unternehmensmanager eingeschätzt: Nur 8 Prozent denken, dass in dieser Gruppe niemand korrupt ist. Ein Viertel gab an, die meisten oder alle Führungskräfte in der Wirtschaft seien korrupt. Zum Vergleich: 20 Prozent sind der Ansicht, in der Regierung sei niemand korrupt. 11 Prozent halten die meisten oder alle Regierungsmitglieder für korrupt.

Der globale Korruptionsbarometer (Global Corruption Barometer GCB) misst die Wahrnehmung der Korruption durch die Bevölkerung. Die diesjährige Ausgabe umfasst 42 Länder in Europa und Zentralasien. Deutschland und Schweden liegen dabei an der Spitze, während Länder wie Russland, Serbien und die Ukraine die Schlusslichter bilden. Mehr als die Hälfte der erfassten Länder erhält eine schlechte Bewertung.

Transparency International Schweiz ist eine Sektion von Transparency International und arbeitet nach eigenen Angaben mit Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, den Medien und einem Netzwerk von Experten und Behörden zusammen. Sie finanziert sich massgeblich durch Mitgliederbeiträge, Spenden und staatliche Unterstützung.

(woz/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Realist am 16.11.2016 03:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der weisse Fleck auf der Landkarte?

    Wer glaubt dass wir keine Korruption haben, glaubt auch dass der Zitronenfalter Zitronen faltet! Bei uns wurde die Korruption schon längst institutionalisiert, siehe Politiker, fast keiner ist unabhängig , die meisten sind in irgend welchen Verwaltungsräten, Verbänden, IG's, usw. und halten ihre Hände auf!

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  • Rudinio am 16.11.2016 03:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hier alles sauber

    Naja ist doch glasklar dass hier was nicht stimmt. Schweizerbanken werden auf der ganzen Welt verurteilt, nur hier in der Schweiz nicht. FIFA soll ja angeblich eine Non-profit-organisation sein , und bezahlt keine Steuern. Nestlé muss 10 Jahre lang keine Steuern bezahlen....usw. Korruption in der Schweiz? Nöööö

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  • Karsten von Burg am 16.11.2016 02:21 Report Diesen Beitrag melden

    Korruption im StGB ?

    Die Korruption in der Schweiz existiert nicht im privatwirtschaftlichen Sektor. Der Grund ist ganz einfach, er wurde nie in das StGB aufgenommen. Korruption in der Privatwirtschaft kann höchstens als "unlautere Geschäftsführung" bestraft werden. Es ist richtig, dass CH-Behörden im Vergleich zum Ausland sehr seriös arbeiten... aber... leider wird Korruption in der Schweiz für die Wirtschafts-Elite geduldet (gefördert...?). Als Normalo-Bürger darf ich keinen Beamten bestechen, in der Wirtschafts-Elite wird dem gleichen Beamten gesagt, was er zu tun hat, sonst verliert sein Chef den Job.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ChickenPie am 16.11.2016 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    In der Schweiz gibt es keine Korruption!

    Sondern man kennt sich! :-)

    • @an Chicken Pie am 17.11.2016 12:27 Report Diesen Beitrag melden

      und wenn Zivilcourage da ist?

      Wenn man sowas meldet, kommt man nicht durch und Beschwerde wird abgeschmettert und die Betreffenden spielen die Ahnungslosen (Antwort: schwer zu beweisen und vor Gericht keine Chance). Und die "Glücklichen", lachen sich eins in`s Fäustchen, weil sie die Lücken zwischen den Gesetzen besser kennen als Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und allem, was sonst noch dazugehört, ohne Rücksicht auf Verluste, die werden mal eben schnell abgestempelt.

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  • Peter Mueller am 16.11.2016 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Frage von Zivilcourage

    Ist schon klar, weshalb kaum jemand etwas sagen würde: es ist die falsch verstandene Konkordanz. Nicht auffallen, keinen Streit, Kopf einziehen und freundlich lächeln, selbst dann, wenn es ein falsches Lächeln ist. Zivilcourage heisst anders.

  • Ralph Hotz am 16.11.2016 16:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Täumer

    Ich glaube nicht das der Bundesrat etwas ändern möchte. Wer schmeißt denn schon Steine in den eigenen Garten! Es lebe unsere Demokratie!!!

  • Crigs am 16.11.2016 16:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SWISS MADE = ETIKETTEN SCHWINDEL

    Ich musste sehr oft meinen Arbeitgeber wechseln, weil ich schlicht nicht schweigen konnte. Die Schweizer Unternehmen mogeln mit Qualitätskontrolle und Zertifizierung. Die "Dr. Titel" sind oft Maulkörbe, um doch noch einen Broterwerb zu erhalten. Eingebildet ist besser als ausgebildet. Das Fundament der Arbeiter in der Schweiz verschwindet und der Sumpf von Korruption breitet sich aus. Kein Land hat pro Kopf so viele Juristen wie die Schweiz ! Nirgends gibt es so viele Leichen im Keller wie... Was meint der Wilhelm Tell ? Er jammert über schlechte Geschäfte. SWISS MADE kommt aus dem Englischen.

  • cycling_alex am 16.11.2016 15:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz ist klein

    Die Furcht vor den Konsequenzen ist real. Letztes Jahr habe ich Unregelmäßigkeiten bei einer Ausschreibung des Bundes festgestellt und wollte an die Öffentlichkeit treten. Informell wurde mir mitgeteilt, dass ich das zwar tun kann, aber dass das Risiko sehr hoch sei, dass ich nie mehr für einen Auftrag beim Bund berücksichtigt werde. Also habe ich nichts getan.