Ärzte

24. Mai 2017 15:53; Akt: 24.05.2017 15:53 Print

«Bersets Plan wäre das Ende der Notfall-Praxen»

von Nikolai Thelitz - Spital statt Notarzt, keine Zeit für Patienten: So warnen Ärzte vor Anpassungen im Ärztetarif, die 700 Millionen Franken einsparen sollen.

Die Ärzte gehen in Bern auf die Strasse (Video: ZVG)
Zum Thema
Fehler gesehen?

In Bern gingen heute Ärzte mit einer Riesenspritze auf die Strasse, mit der sie Gesundheitsminister Alain Berset «eine Dosis Weisheit» verabreichen wollten, wie Josef Widler, Präsident der Zürcher Ärtzegesellschaft sagt.

Umfrage
Soll man bei den Ärzte-Tarifen sparen?
17 %
26 %
25 %
32 %
Insgesamt 1707 Teilnehmer

Die Mediziner stören sich an Bersets Plänen, das Tarifsystem Tarmed anzupassen und so im Gesundheitsbereich das Kostenwachstum zu bremsen. «Unter dem Strich führt dieser Tarifeingriff zu höheren Kosten und nicht zu den versprochenen Einsparungen von 700 Millionen Franken», sagt Widler.

«Spital-Notfall kostet dreimal so viel wie ein Notarzt»

Er kritisiert vor allem, dass Notfallzuschläge für Notärzte und 24-Stunden-Kliniken gestrichen werden sollen. Weil diese Dienste hohe Kosten und eine geringe Auslastung hätten, sei ein Betrieb ohne die Zuschläge nicht möglich. «Bersets Plan wäre das Ende der Notärzte und -praxen.» Allein bei den Kinderpermanencen in Zürich und Winterthur müssten jährlich 25'000 Fälle neu von den Spitälern übernommen werden. «Eine Ambulanz und Behandlung im Spital kosten aber dreimal so viel wie ein Notarzt.» Ausserdem würden im Spital stundenlange Wartezeiten entstehen.

Auch könne der Arzt künftig nur noch 20 Minuten Sprechzeit verrechnen – zu wenig, wie Widler findet. «Besonders bei einer komplizierten Krankengeschichte ist diese Grenze schnell erreicht.» Ärzte müssten jedoch jeden Fall genau abklären und Vertrauen aufbauen. «Passiert dies nicht, holt sich der Patient noch eine zweite und eine dritte Meinung bei anderen Medizinern ein und treibt so die Kosten in die Höhe.»

Weniger Lohn für Ärzte

Bersets Tarifeingriff würde auch die Löhne der Ärzte um rund 4 Prozent schmälern, sagt Widler. Mit 145'000 Franken verdiene ein Arzt bereits heute 17 Prozent weniger als noch 2004. Mit den zusätzlichen Einschnitten würde der Arztberuf weniger attraktiv. «So kommen wir nicht gegen den Haus- und Kinderärztemangel an.»

Für SVP-Gesundheitspolitiker Sebastian Frehner sind die Ärzte an den Vorgaben von Berset selbst schuld. «Die Ärzte hatten 14 Jahre lang Zeit, sich mit den Tarifpartnern auf neue Tarmed-Ansätze zu einigen. Wenn sie dies nicht auf die Reihe bringen, muss halt der Bundesrat einschreiten.» Die Vorgaben aus dem Innendepartement seien vergleichsweise massvoll. «Wir müssen das Kostenwachstum bremsen. Ansonsten laufen die Gesundheitskosten aus dem Ruder und unser Gesundheitssystem wird an die Wand gefahren.»

«Irgendwo muss gespart werden»

Die Ärzteverbände würden sich zudem gegen alle Vorschläge aus der Politik wehren, die ihr Tarifsystem betreffen würden. «Irgendwo muss angesichts der Prämienexplosion aber gespart werden.» Dass es nun die Sprechzeit und die Notfall-Praxen treffe, sei für die Betroffenen zwar nicht erfreulich. Der Fehler liege aber im Tarifsystem.

Die Mediziner sind laut Frehner privilegiert, als einzige Berufsgruppe in einem geschützten Tarifsystem zu arbeiten. Besonders als schlechter Arzt könne man davon profitieren. «Das System lässt sich auspressen wie eine Zitrone, indem man unnötige Behandlungen vornimmt.» Gute und sparsame Ärzte hingegen würden für ihre Leistungen nicht belohnt werden. Frehner plädiert deshalb für die Auflösung des Tarifsystems. An seine Stelle soll ein marktwirtschaftlich orientiertes System eingeführt werden. «So haben die guten Ärzte Erfolg und die schlechten verschwinden.»

Dieses Modell geht Krankenkassenexperte Felix Schneuwly zu weit. Auch er glaubt aber, dass die Kosteneindämmung von Berset noch nicht ausreicht. «Die Krankenkassen brauchen mehr Freiheiten bei den Prämien für alternative Versicherungsmodelle wie Telemedizin, Hausarzt und HMO. Versicherte mit diesen Modellen sparen Kosten, wenn sie krank sind, ohne schlechtere Medizin zu bekommen. Wer mit der normalen Grundversicherung unbedingt drei Spezialisten oder mit Bagatellen den Spitalnotfall aufsuchen will, soll für diesen Komfort auch entsprechend bezahlen.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • film am 24.05.2017 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Zahnärzte Tarife zu teuer

    Es sind die Zahnärzte die, die Tarife senken müsste! eine Behandlung kostet mehr als komplett check beim Arzt!!!

    einklappen einklappen
  • Gandalf am 24.05.2017 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    Sparen immer am falschen Ort

    Wie wäre es besser beim Asylwesen und der Armee zu sparen anstatt bei Spitälern und Bildung.

    einklappen einklappen
  • Knaller am 24.05.2017 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Aber etwas muss gehen..

    Dass alle in den Notfall rennen ist wirklich nicht Sinn der Sache, denn die es wirklich brauchen, sind dabei die geprellten und die, die Krankenkasse ohne Verbilligung bezahlen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Medizinstudi am 25.05.2017 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Zweifel

    Ich bin derzeit noch im Studium, habe gerade 1 von 6 Jahren geschafft. Zuvor habe ich schon Gymi und den Eignungstest bestanden, um mein Wunschstudium beginnen zu können. Nach dem Studium warten dann nochmals mind. 5 Jahre Facharztweiterbildung auf mich. Ich wollte schon als Kind Arzt werden, deshalb nehme ich den langen Ausbildungsweg gerne auf mich. Noch bin ich mit grosser Freude und Begeisterung dabei, aber so viele missgünstige und teils auch unverschämte Kommentare bei solchen Themen, lassen mich manchmal auch daran zweifeln, ob ich mir das spätere Berufsleben wirklich antun will...

  • Tüechlidrugger am 25.05.2017 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwer, Irgendwann

    Irgendwer, Irgendwann, ich glaube es waren die Väter der Demokratie, sie warnten uns doch vor dem Tage wenn wir anfangen an der Medizin und an der Bildung zu Sparen. Die folgen sind uns doch bewusst, wir lassen uns einfach durch die Parasiten ins Chaos steuern damit sie möglichst ungeschoren davonkommen. Tut dies allein all denen welche ihr Blut für die Demokratie gaben nicht an, ihr zerstört alles woran sie glaubten und was sie aufbauten.

  • urschweizer am 25.05.2017 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wie wär's mit ...

    ... Selbstbehalt für Spital-Notfälle mind. 1000.- solange nicht klar ist, dass es wirklich ein Notfall war. Mehrheitlich die "Zugezogenen" rennen dahin, weil es zu wenig Ärzte gibt, die sich solcher Klientel annimmt und dann auf den Kosten sitzen bleiben. UND die KrK sollen endlich eine Arztliste erstellen, mit denen sie zusammen arbeiten. Dann verschwinden sofort 50% der Praxen mit zugewanderten (schlechter ausgebildeten?) Ärzten. Wiedereinführung der reduzierten Praxisbewilligung für Spezialärzte und Kostenübernahme von Medikamenteneinkäufen und Kuren im Ausland. NUR SO GEHT'S...

  • Tarifler am 25.05.2017 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Systembedingte Anpassungen notwendig

    In diesem Fall gebe ich Bundesrat Recht. Ich kann nicht eine Notfallpraxis eröffnen und dann gleichzeitig noch zusätzliche Leistungen verrechnen, vor allem wenn ansonsten noch Abend-, Nacht- und Sonntagszuschläge dazukommen. Für übrige Praxen machen Notfalltarife Sinn, aber nicht für speziell ausgerichtete Notfallpraxen.

  • peter am 25.05.2017 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Psychotherapie

    Und Psychotherapeuten dürfen noch immer nicht über die Grundversicherung abrechnen. Trotu Universitätsstudium und langjähriger fachpsychologischer Ausbildung. - Es geht nur angestellt bei einem Arzt und einem Tarif, der etwa jenem einer Coiffeuse entspricht.

    • Igel am 25.05.2017 11:50 Report Diesen Beitrag melden

      Nur normale Grundversicherung

      Dann werden die Prämien noch teurer. Hört endlich auf mit neuen Forderungen. Es sind sowieso schon zuviele schi schi angenommen worden.

    • peter am 25.05.2017 12:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Igel

      Schischi? Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen einfach, dass Sie nie eine psychische Erkrankung erleiden. Die Wahrscheinlichkeit dazu ist nämlich sehr sehr hoch.

    • NaDia am 25.05.2017 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @peter

      Das Problem ist, dass man psychische Erkrankung nicht nachweisen kann, darum wird es nicht angenommen.

    • Kevin K. am 25.05.2017 14:22 Report Diesen Beitrag melden

      Stimme Peter zu

      Mit früher angesetzter Psychotherapie liesse sich langfristig viel Geld sparen. Es könnten Arbeitsausfälle verkürzt, Familiensysteme besser geschützt (Weitergabe der Handicaps an Generationen) und die bodenlosen Kosten von Substanz-/Medikamenten-missbrauch und nur Tabletten Schlucken ohne die eigentlichen Probleme anzugehen vermieden werden. Richtige Psychotherapie sollte gerade desshalb weit besser bezahlt werden und vom KVG übernommen werden da es die Probleme individuell an den Wurzeln angeht ohne nur Symptome zu bekämpfen.

    einklappen einklappen