In der Schweiz behandelt

05. August 2009 10:57; Akt: 05.08.2009 14:04 Print

Juschtschenko rascher entgiftet als erwartet

Fünf Jahre nach der Dioxinvergiftung des heutigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Juschtschenko, haben Schweizer Forscher erstmals medizinische Daten des Falles in einem Fachmagazin präsentiert.

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Der Körper Juschtschenkos habe innert nicht einmal 16 Monaten das Dioxin zur Hälfte abgebaut, teilte die Eidg. Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa, die an den Untersuchungen beteiligt war, am Mittwoch mit. Bislang sei man von einer Halbwertszeit von fünf bis zehn Jahren ausgegangen.

Die hohe Dosis habe den Körper offenbar veranlasst, die Produktion von Enzymen zu erhöhen, welche für den Dioxinabbau verantwortlich sind. Die Dioxinkonzentration, die Ende 2004 in Juschtschenkos Blut gefunden worden war, lag 50 000 Mal höher als jene in der normalen Bevölkerung.

Unter der Leitung von Jean-Hilaire Saurat vom Universitätsspital Genf, der den ukrainischen Präsidenten behandelte, untersuchten die Forscher auch, wie das Dioxin ausgeschieden wurde. Insgesamt liess sich Juschtschenko dafür über einen Zeitraum von drei Jahren über 100 Proben von Blut, Urin, Stuhl, Schweiss, Haut, Hautzysten und Fettgewebe nehmen.

Abbauprodukte identifiziert

Der grösste Teil des Giftes verliess den Körper über den Verdauungstrakt, wie die Forscher im Fachmagazin «The Lancet» berichten. Dem Team gelang es zudem, erstmals zwei Abbauprodukte des Dioxins im Stuhl, Blut und Urin zu identifizieren und zu quantifizieren.

Von dem in den drei Untersuchungsjahren abgebauten Dioxin verliessen rund 60 Prozent den Körper Juschtschenkos in seiner ursprünglichen Form. Die restlichen 40 Prozent wandelten sich zu Abbauprodukten um. Bei Dioxinvergiftungen müssten deshalb auch Abbauprodukte im Auge behalten werden, schliessen die Forscher daraus.

Dioxine sind Gifte, die als Nebenprodukte bei Verbrennungsprozessen beispielsweise in der Kehrichtverbrennung entstehen. Das im Körper Juschtschenkos nachgewiesene TCDD ist das giftigste der über 2000 bekannten Dioxine. Laut dem Empa-Communiqué muss - weil lediglich reines TCDD gefunden wurde - von einer absichtlichen Vergiftung ausgegangen werden.

Entstelltes Gesicht

Der damalige Oppositionsführer Viktor Juschtschenko erkrankte im Wahlkampf 2004 plötzlich schwer. Erst nach drei Monaten fanden Ärzte heraus, dass es sich um eine Dioxinvergiftung handelte. Auf die richtige Spur führte die Mediziner dabei die Chlorakne im Gesicht des Politikers, erkennbar an auffälligen Geschwulsten und Zysten.

Juschtschenko musste sich am Universitätsspital Genf und in anderen Kliniken auch rund 25 hautchirurgischen Eingriffen unterziehen. Wer für die Vergiftung verantwortlich ist, konnte bislang nicht geklärt werden. In der Ukraine wird oft Russland verantwortlich gemacht, weil Juschtschenko bei den Wahlen 2004 gegen einen von Moskau unterstützten Bewerber antrat.

(sda)