Schlafmangel im Job

28. Oktober 2016 05:45; Akt: 28.10.2016 18:16 Print

Eltern stellen Babys mit Medikamenten ruhig

von B. Zanni - Damit die schreienden Kinder sie nachts nicht ständig wecken, greifen manche Eltern zu gefährlichen Mitteln – auch in der Schweiz.

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Weder Trösten noch der Nuggi hilft: Das Baby schreit die halbe Nacht durch. Das bringt einige Eltern an den Rand der Verzweiflung. «Es gibt solche, bei denen der Leidensdruck mit schreienden Babys so gross ist, dass sie Medikamente gegen Juckreiz wie Fenistil-Tropfen verabreichen», sagt Susanne Fischer, Leiterin der Zürcher Familienpraxis Stadelhofen Schlafberatung. Ihr sei sogar ein Elternpaar bekannt, das sich für sein Kleinkind vom Arzt Ritalin habe verschreiben lassen.

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Auch Patrick Bolliger, Inhaber der Bahnhof-Apotheke Schaffhausen, sagt: «Wir haben sporadisch Kunden, die um ein Medikament bitten, damit ihr Baby doch endlich schlafe.»
Bei manchen Eltern habe er den Eindruck, dass sie ihr Kind einfach ins Bett stecken und Ruhe haben wollen. Kindergerechte Produkte gebe es auf dem Markt aber nicht.

Erfundene Geschichten

Martin Affentranger, Präsident des Vereins der Zuger Apotheken, rechnet mit einer Dunkelziffer von Eltern, die Apothekern erfundene Geschichten vortäuschen. «Es gibt Hustensirups oder Allergiemittel, die müde machen», sagt er trocken.

Auch in Deutschland stellen Eltern die Kleinen laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» etwa mit Sedaplus ruhig – einem starken Schlafmittel. Die Einnahme darf bei Kindern und Jugendlichen nur nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen. Manche Eltern greifen sogar zu Atosil, einem Antipsychotikum, das bei Erwachsenen mit psychischen Leiden eingesetzt wird.

«Kind orientiert sich nicht am Job»

Laut Dagmar Ambass, Psychotherapeutin bei der Stiftung Mütterhilfe, hat die Toleranz für schreiende Babys abgenommen. Heute seien oft beide Elternteile arbeitstätig und Mütter würden meist früh und mit hohen Stellenprozenten in den Job zurückkehren. «Wenn das Baby in der Nacht mehrheitlich schreit, sind viele Eltern nicht mehr fit für die Arbeit.»

Auch Therapeutin Susanne Fischer sagt, oft herrsche das Motto: «Ich beginne wieder zu arbeiten. Was kann ich machen, damit mein Kind durchschläft?» Das sei eine falsche Einstellung. «Ein Kind orientiert sich nicht am Job.»

«Anbieter sollen vor Missbrauch warnen»

Fachleute warnen davor, Babys Schlafmittel oder auch Schmerzmittel zu verabreichen. «Medikamente, die nicht explizit für Kinder geeignet sind, können auch in kleinen Dosen gefährliche Auswirkungen haben», sagt Apotheker Patrick Bolliger. Vor allem die in vielen Husten- und Schmerzmitteln enthaltenen Wirkstoffe könnten zu Atemdepression, Atemstillstand, Müdigkeit und starker Verstopfung führen.

Laut Apotheker Affentranger drohen falsch eingesetzte Medikamente etwa die Gehirnentwicklung zu beeinträchtigen. Er erachtet es als wichtig, dass Ärzte und Apotheker Kunden vor Missbrauch warnen. Und: «Bestellt eine Mutter etwa immer wieder Hustensaft, ist es nicht falsch, sie darauf anzusprechen.»

«Kein Zaubermittel»

Auch ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor bestimmten Mitteln gegen Husten und Erbrechen. Da diese sedierend wirkten, könne man davon ausgehen, dass sie auch «zur Ruhigstellung» genutzt würden. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» führt sieben bisher in Deutschland dokumentierte Todesfälle von Säuglingen und Kleinkindern an. Grund: eine Überdosis von Mitteln gegen Husten und Erbrechen.

Einige Apotheker empfehlen den Kunden zu versuchen, dem Problem mit homöopathischen Mitteln entgegenzuwirken. Laut Dagmar Ambass gibt es aber kein Zaubermittel, um ein Baby nachts zu beruhigen (siehe Box).

Sind Sie verzweifelt, weil Ihr Kind nachts oft schreit? Dann melden Sie sich hier und berichten Sie von Ihren Erfahrungen:


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mama am 28.10.2016 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Soweit sind wir schon! Nur damit man funktioniert wird das Kind ruhig gestellt! Liebe Leute seid ihr eigentlich noch Menschen oder Maschinen?

    einklappen einklappen
  • G.V. am 28.10.2016 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt die Liebe und die Menschlichkeit?

    Wenn diese Kinder mal gross sind, erinnern sie sich nicht mehr daran, wie sie liebevoll in den Schlaf gewiegelt wurden; sondern wie man ihnen eine Pille in den Mund schob, damit sie endlich Ruhe gaben? Sehr, sehr traurig...

    einklappen einklappen
  • Gdeubi am 28.10.2016 06:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören

    Das ist aber unglaublich, Eltern die ihre Kinder so ruhig stellen sind in einem Teufelskreis....was wenn das Kind dann wirklich eines der Medikamete braucht, Wirkung gleich null.Und ja Babys sind keine Smartphon Apps die sich nach Belieben ein und aus schalten lassen. Es war und ist nie einfach aber es lohnt sich sein Baby kennen zu lernen und herausfinden was ihm beim ein bezweise durch Schlafen hilft. Hoffe einige finden den normalen Weg ihrem Baby zu liebe es ist anstrengend am im Vergleich zum ganzem Leben nur eine kurze Zeit!

Die neusten Leser-Kommentare

  • nicht0815 am 28.10.2016 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Spruch

    Kinder machen ist nicht schwer, Kinder haben aber sehr.

  • meisterli am 28.10.2016 08:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverantwortlich

    Unverantwortlich! Geht doch nicht mit Medikamenten... Das Problem lässt sich lösen ohne das Kind zu schädigen: Schalldichtes Kinderzimmer. Muss nicht teuer sein. Einfach mal googeln.

  • Tatütata am 28.10.2016 08:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum tut man so schockiert?

    Früher hat man den Kindern einen Würfelzucker mit Klosterfrau Melissengeist verpasst - da war das Kind auch ruhig - sind immerhin 70% Alkohol drin. Nicht dass ich das befürworte aber neu ist an der Geschichte gar nichts. Übrigens, früher hatte es in fast jedem Hustensaft Alkohol drin (auch die für Kinder).

    • Heinz am 28.10.2016 11:52 Report Diesen Beitrag melden

      Zwei paar Schuhe

      Weil es doch einen gewaltigen Unterschied zwischen Alkohol und Antipsychotika gibt?

    einklappen einklappen
  • Chrisss am 28.10.2016 08:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Boomerang

    Das wird alles wie ein Boomerang zurueck kommen. Wenn man nicht bereit sein will, mit Herz und Seele Papi und Mami sein; dann kann man im hohen Alter auch nicht erwarten dass die eigenen Kinder einem als Papi und Mami erkennen und irgendwo in irgendwelche Heimen untergebracht werden.

  • Mami am 28.10.2016 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschockt

    Jeder, der sein Kind liebt, gibt keine Tropfen ! auch wenn man arbeitet...der Job ist dann sekundär, wenn Baby nachts nicht schläft ... Zumindest für mich ...