Täter von Rupperswil

13. Mai 2016 16:47; Akt: 13.05.2016 16:52 Print

«Das zeugt von einer enormen Gefühlskälte»

Sexuelle und finanzielle Motive haben den Täter von Rupperswil zum Vierfachmord getrieben. Für Gerichtspsychiater Thomas Knecht ein Beweis von krasser Skrupellosigkeit.

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Die Aargauer Staatsanwaltschaft und die Polizei gaben am 13. Mai 2016 eine Pressekonferenz. Sie gaben bekannt, dass sie den Täter gefasst haben: Einen 33-jährigen Schweizer. Der Student hatte ein sexuelles Motiv: Er wollte sich am jüngeren Sohn von Carla S. vergehen. Er bedrohte die Familie und zwang die Mutter, für ihn Geld abzuheben. Dann verging er sich am jüngeren Sohn. Am Ende schnitt er den vier Opfern die Kehlen durch: Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung am Donnerstag, 12. Mai 2016 einen Rucksack mit Fesselungsmaterialien sowie eine alte Armeepistole. Der Mann hatte seine nächste Tat bereits geplant. Mit diesem Bild einer Überwachungskamera suchte die Polizei nach Zeugen: Carla S. hob am 21. Dezember 2015 in Rupperswil und Wildegg Geld ab. Tiefe Betroffenheit: Gemeindeammann Ruedi Hediger versucht, die Gefühlsage in Rupperswil zu erklären. (Archiv) Der Tatort in Rupperswil AG. (24.12.2015) Mithilfe der Bevölkerung gesucht: Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, hält das Flugblatt mit dem Zeugenaufruf in der Hand. (24. Dezember 2015) Kantonspolizisten befragen an Weihnachten die Bevölkerung von Rupperswil. Die Dorfidylle ist nach der Bluttat vorbei. Über Nacht ist Rupperswil landesweit bekannt geworden. Dorfbewohner hinterlegen Kerzen und Karten an der Stätte des Verbrechens. Auch ihre beiden Kinder zählen zu den Opfern. Etwa der 19-jährige Dion S. Und auch der 13-jährige Davin S. Beim vierten Opfer soll es sich um Simona F. handeln. Die 21-Jährige war die Freundin von Dion S.. Carla und ihre Kinder pflegten ein inniges Verhältnis. Auch Nachbarn beschreiben die Familie als sehr sympathisch und freundlich. Im Ort ist die Anteilnahme gross. Viele kommen vorbei, legen Kerzen oder selbst geschriebene Briefe und Blumen nieder. Besonders die Klassenkameraden von Davin sind entsetzt und verzweifelt über dessen Tod. Am Montag, 21. Dezember kurz nach elf Uhr meldeten Nachbarn, dicker Rauch trete aus einem Einfamilienhaus aus. Die vier Opfer wurden im Innern des Hauses gefunden. Sie waren offenbar alle vier stark verkohlt. Die Identifikation gestaltete sich als schwierig. Die vier Personen weisen Stichwunden auf. Alle vier seien zudem Opfer. Der Täter befinde sich nicht unter den Toten, hiess es vonseiten der Staatsanwaltschaft. In dem Haus wohnte die Mutter mit ihren zwei Söhnen. Gemäss Bekannten der Familie lebte sie getrennt von ihrem Ehemann. Ihr Freund G.M. war jedoch auch an der Adresse gemeldet. Polizisten in einem Feld nahe des Hauses: Offenbar suchen sie etwas. Laut der Polizei gehört die Suche nach Beweismitteln zur routinemässigen Untersuchung dazu. Feuerwehrleute und Polizisten vor der mobilen Einsatzzentrale auf der Lenzhardstrasse in Rupperswil. Die Feuerwehrleute mussten psychologisch betreut werden. Sie sagen, schreckliche Szenen boten sich ihnen im Innern des Hauses. Die Feuerwehrleute drangen mit Atemschutztrupps ins Zweifamilienhaus ein. Als diese das stark verrauchte Haus durchsuchten, stiessen sie auf die toten Personen. Die Ermittler haben sich in Spitälern und Apotheken nach Verdächtigen erkundigt: Eine Kriminaltechnikerin im Einsatz beim Tatort. Spezialisten der Polizei, Rechtsmediziner und Vertreter der Staatsanwaltschaft ermitteln vor Ort auf Hochtouren.

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Herr Knecht, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie hörten, wie der Täter in Rupperswil vorgegangen ist?
Es ist erstaunlich, dass jemand, der zuvor nie strafrechtlich auffällig geworden ist, mit einem Maximaldelikt anfängt. Oft ist es so, dass man sich an solch extreme Fälle herantastet, dass man mit kleineren Delikten anfängt. Aber es kann sein, dass schon viel vorgefallen ist, das nicht unbedingt einen Eintrag ins Strafregister findet.

Was meinen Sie damit?
Da kann viel in der Jugend passiert sein, er kann auffällig gewesen sein und soziale Verhaltensstörungen an den Tag gelegt haben. Es kommt oft vor, dass bei solchen Profilen in der Jugend Tierquälereien oder Brandstiftungen zu finden sind. Solche Kinder balgen sich nicht harmlos wie andere, sondern üben härtere Gewalt aus, beissen vielleicht auch mal zu oder gebrauchen Waffen.

Der Mann hat sich den Buben ausgesucht, die Familie gefesselt, Carla Schauer zum Geld holen geschickt und dann den Buben sexuell missbraucht und danach alle umgebracht. Was ist das für ein Mensch?
All das zeugt von einer enormen Gefühlskälte. Dass jemand eine kombinierte Triebbefriedigung durchführt – also das sexuelle und das finanzielle Motiv kombiniert – ist selten und zeugt von einer hochgradigen Skrupellosigkeit. Dass er während des Risikos, das er während der Tat eingeht, sich so entspannen kann, um seine sexuellen Triebe zu befriedigen, deutet auf eine psychovegetative Stabilität hin.

Der 33-Jährige hatte weitere ähnliche Taten geplant, er hatte alles schon vorbereitet. Reue zeigte er also keine.
Ich vermute, der Täter fühlt sich enorm selbstsicher, was den Verdacht auf Narzissmus nährt. Es dürfte sich um einen manipulativen und sehr kühl kalkulierenden Charakter handeln.

Die Staatsanwaltschaft hat gesagt, er habe keine psychischen Störungen. Wie kann das sein?
Damit meinten sie, dass der Mann nie in offizieller psychiatrischer Behandlung war, was man schnell abklären kann. Dass er aber auf der Ebene Persönlichkeit Abnormitäten aufweist, dürfte klar sein.

Braucht so ein Täter Alkohol oder Drogen, um eine solche Tat durchzuführen?
Das glaube ich nicht. Das hätte ihn nur behindert und hätte ihn davon abgehalten, ruhig Blut zu bewahren. Ich sehe wenig Anhaltspunkte dafür.

Die Tat ist extrem – haben Sie Vergleichbares schon gehört?
Dass «normale» Einbrecher überrascht wurden und ihren Opfern Schaden zufügen, kommt immer wieder mal vor. Das sind dann aber meist mehrere Täter. Dass sich eine Einzelperson so mächtig fühlt und vier Menschen tötet, ist doch eher ungewöhnlich.

(num)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • auch Omi am 13.05.2016 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprachlos

    mit sowas hätte wohl niemand gerechnet, ein unmöglich Ding in der braven Schweiz wird zur traurigen Gewissheit. Mein Beileid gehört den Angehörigen, grossen Dank an alle Polizisten, Fander und Profiler.

  • Hene am 13.05.2016 16:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rupperswil

    Dank und Gratulation der Polizei und allem Beteiligten die zur Aufklärung des schrecklichen Verbrechens beigetragen haben

  • Kim am 13.05.2016 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Zum Glück... endlich ist der grausame Täter dieser Tat gefasst. Wirklich schrecklich zu was gewisse Menschen fähig sind. Danke an alle Ermittler und co die geholfen haben den Fall zu lösen... Ich hoffe es hilft den hinterbliebenen zumindest ein wenig dabei, damit abzuschliessen, auch wenn die Narben immer bleiben werden...

Die neusten Leser-Kommentare

  • jowe am 15.05.2016 23:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..was folgt aks nächstes?

    und nun wird vermutlich in seiner Kindheit Grund gesucht um zu erklären weshalb er so etwas getan haben könnte. Mir graut es jetzt schon vor diesen Begründungen.

  • Tschutschu am 15.05.2016 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schock

    Wurde sogar die Handynummer des Mörders veröffentlicht wo man sieht dass er am Donnerstag morgen zuletzt online war.

  • mo am 14.05.2016 13:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlimm...

    Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen! Das ganze beschäftigt mich sehr! So was könnte jedem passieren!

  • Ewigkeitsstudent am 14.05.2016 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    mit 33 studieren

    was studiert einer mit 33 noch und wie lange wohl noch - etwa Psychologie oder Psychiatrie

    • Mäd Meks am 16.05.2016 14:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ewigkeitsstudent

      Als ich noch Maschinenbau studierte (mit 21 jahren), waren sogar wenige ü50 bei der Vorlesung dabei. Man ist nie zu alt für ein Studium.

    einklappen einklappen
  • Burim am 14.05.2016 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesetz verändenern

    Bei guter Führung ist dieser Psychopath wieder frei, traurig aber wahr