Gewaltprävention

17. Mai 2015 14:01; Akt: 17.05.2015 14:01 Print

In der Schweiz leben 2000 potenzielle Amoktäter

Die Bluttat von Würenlingen zeigt, wie wichtig es ist, gewalttätige Eskalationen zu verhindern. Viele Kantone führen deshalb neu Namenslisten über gefährliche Personen.

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In einem Wohnquartier in Würenlingen kam es in der Nacht auf Sonntag, 10. Mai 2015, zu einem Tötungsdelikt. In diesem Haus am Langackerweg tötete Simon B. drei Personen mit mehreren Schüssen. Insgesamt starben fünf Erwachsene. Unter den Toten ist auch der Täter selbst. Das Haus (rechts im Bild) gehört den Schwiegereltern des Täters. Es handle sich um ein «aussergewöhnlich schlimmes Verbrechen», sagt ein Kapo-Sprecher. Der Tatort befindet sich in einem beschaulichen Quartier mit Einfamilien- und kleinen Mehrfamilienhäusern. Die Bluttat spielte sich an zwei Tatorten ab. Der zweite befand sich im Freien, wo der Täter sein Auto parkiert hatte. Er erschoss dort einen Nachbarn seiner Schwiegereltern, den 46-jährigen verheirateten Thierry K. Danach richtete er sich selbst. Laut Polizei war Thierry K. ein Zufallsopfer und befand sich vermutlich im Garten, als es zum Delikt kam. Die Angehörigen widersprechen: Es sei wenige Wochen zuvor zu einer Auseinandersetzung zwischen Simon B. und Thierry K. gekommen bei der die Polizei kommen musste. Drei Tage später wurde Simon B.s Wohnung durchsucht und er in die Psychiatrie eingewiesen. An der Pressekonferenz am Sonntagnachmittag informierte die Polizei über die Tat: Michael Leupold, Polizeichef Kanton Aargau (l.), Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken und Kripochef Markus Gisin (r.). Nach Angaben der Polizei tötete der 36-jährige Täter am ersten Tatort seine Schwiegermutter (57), seinen Schwiegervater (58) und seinen Schwager (32). Danach traf er am zweiten Tatort auf einen 46-jährigen Nachbarn, erschoss diesen und richtete sich dann selbst. Ob es sich bei dem vierten Opfer um ein Zufallsopfer handelt, weiss die Polizei zurzeit noch nicht. Anwohner informierten die Polizei am Samstag kurz nach 23 Uhr über Schüsse. Im Freien sowie in einem Wohnhaus entdeckten die Beamten daraufhin mehrere leblose Menschen. Beim Tötungsdelikt handelt es sich um ein Beziehungsdelikt. Der Täter war der Polizei «einschlägig» bekannt. Laut Polizei fiel eine grosse Anzahl Schüsse. Die Kantonspolizei war die ganze Nacht mit einem Grossaufgebot im Einsatz und hat intensive Ermittlungen aufgenommen. Der im Kanton Schwyz wohnhafte Täter ist verheiratet und hat drei Kinder. Er lebte getrennt von seiner Frau und seinen Kindern. Sowohl der Täter als auch seine Familie waren fürsorgerisch untergebracht.

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Simon B.* hat vergangene Woche in der ganzen Schweiz für Entsetzen gesorgt, als er in Würenlingen vier Menschen und schliesslich sich selbst erschoss. Schnell wurde klar: B. war bereits ins Visier der Polizei geraten. Kurz vor der Tat wurde die Wohnung des 36-Jährigen nach Waffen durchsucht, gefunden wurde jedoch keine. Doch Simon B. ist nicht der einzige, der als potentiell gefährlich eingestuft wurde.

Bei der Kantonspolizei Solothurn stehen derzeit 74 Namen auf einer Liste gefährlicher Personen, wie der «Sonntagsblick» berichtet. Einer Hochrechnung von Experten zufolge gibt es in der Schweiz rund 2000 Personen, die als hochgefährlich eingestuft werden. In vielen Kantonen wird über sie neu eine Liste geführt. Das Ziel: Gewaltdelikte verhindern. Polizei und Psychologen suchen mit den betroffenen Menschen das Gespräch. Zudem würden Waffen beschlagnahmt. Nütze dies nichts, werden die potentiellen Amoktäter präventiv in Haft gesteckt, so die Zeitung.

Fälle nehmen zu

Laut dem emeritierten Soziologieprofessor Walter Hollstein fordern Familiendramen in der Schweiz mehr Opfer als etwa in Deutschland. Doch man hat offenbar aus der Vergangenheit gelernt: «Bei vielen Gewalttaten in der Vergangenheit gab es im Vorfeld Warnzeichen, die zu wenig beachtet oder im Gesamtzusammenhang nicht ernst genommen worden sind», sagt Thomas Zuber, Kommandant der Kantonspolizei Solothurn, zum «Sonntagsblick». Deshalb wolle man durch aktives Handeln Gewaltdelikte verhindern.

Auch in Zürich wird eine Namensliste geführt. «Die Bevölkerung erwartet, dass die Polizei Gewaltdelikte nicht nur aufklärt, sondern auch verhindert», sagt Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung bei der Kapo Zürich, zur Zeitung. Im vergangenen Jahr habe man 293 Fälle bearbeitet, Tendenz steigend. Pro Tag gingen bei der Zürcher Fachstelle mehrere Gefährdungsmeldungen ein. In Luzern, Schwyz und Glarus ist das Bedrohungsmanagement noch im Aufbau.

(vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hope am 17.05.2015 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem ist..

    Wir haben zwar immer mehr Mobilität, Technik zum teil auch Geld und Fortschritt, aber die Anforderungen werden immer grösser. Überal ist Lärm, Stress und Druck, die Menschen haben verlernt auf ihre Körpersignale und auf ihre Gefühle zu achten und entsprechend damit umzugehen. Wir wissen alles über Mord und Totschlag, aber über uns selber wissen wir meist nichts. Wer nicht spürt wer oder was er ist, kann auch nicht die Gefahr erkennen, die sich anbahnt. Was überall fehlt ist LIEBE vorallem die zu sich selber. Darum umarme ich Euch Heute alle ganz herzlich. :-)

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  • Hamlet am 17.05.2015 14:08 Report Diesen Beitrag melden

    es sind 6 Millionen

    SO wie sich die Behörden verhalten, werden es irgendwann 6 Mio. sein.

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  • NB am 17.05.2015 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Vielen Dank für die Info, fühle mich superwohl jetzt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ueli am 18.05.2015 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    mich wunderts

    Das es nicht noch viel mehr sind, wenn man anschaut, wie mit einem Umgegangen wird, selbst bei Abhängigkeitsverhältnissen.

  • Amokimmun am 18.05.2015 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Dorf

    Also ich bin mir ganz sicher, dass alle Bewohner unseres Dorfes auf diese "Amok-Liste" gehören. Außer mir selbstverständlich. Ich habe als Einziger den Durchblick.

  • An dreas am 18.05.2015 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    wer hilft wirklich?

    Unser Nachbar mutiert auch zu einem und Hilfe zu finden ist gar nicht so leicht.

    • Daphne am 18.05.2015 12:41 Report Diesen Beitrag melden

      Meine Nachbarin

      möchte einen metallic-weissen BMW, aber ihre Pensionskasse berechnet ihr auf ihrem Alterskapital vielleicht einmal (und evt. schon bald...?) Negativzinsen mit Negativ-Zinseszinsen. Könnte meine Nachbarin desahlb irgendwann zur hysterischen Amoktäterin werden?

    • Informant am 18.05.2015 12:58 Report Diesen Beitrag melden

      @ An Dreas

      Um Himmels Willen, hast du denn in deiner Gemeinde immer noch keine Bürgerwehr, die in allen Liegenschaften sytematisch kontrolliert, ob es Meldungen über besondere Vorkommnisse, Auffälligkeiten und Querulanten gibt?

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  • objekt am 18.05.2015 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ist, eigentlich, gut. ABER

    Macht Sinn. Aber wer garantiert, dass hier nicht jemand zu etwas gemacht wird, dass er nicht ist? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass sich hier viele wünschen würden, dass bei Gefahr die Person direkt aus dem Verkehr gezogen wird. Bin ich der einzige, der das irgendwie bedenklich findet?

  • patrick h. am 18.05.2015 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    keine absolute Sicherheit

    Es gibt keine absolute Sicherheit. Je eher wir das akzeptieren und verstehen desto besser wird es uns gehen. Jeder von uns kann jede Sekunde sterben. Ob an Organversagen, Drogenmissbrauch, auf dem Fussgängerstreifen, auf der Autobahn oder halt bei einem Amoklauf. Geniesst den Moment, lebt Euer Leben ohne Angst und akzeptiert das es jederzeit fertig sein kann. Egal auf welche Art. Tot ist Tot.