Tessin

08. April 2014 17:49; Akt: 09.04.2014 04:26 Print

Lehrer wegen Missbrauch vor Gericht

Ein wegen Kindesmissbrauchs verurteilter Lehrer aus Lugano TI steht seit Dienstag vor dem Tessiner Gericht. Verteidigung und Staatsanwaltschaft fochten das erstinstanzliche Urteil an.

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Der Fall des pädophilen Lehrer wird hier neu aufgerollt: Justizgebäude in Lugano. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

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Die beanstandeten Punkte stehen im Zentrum des neuen Prozesses. Der Beschuldigte widersprach am Dienstag dem ihm zur Last gelegten Straftatbestand der Nötigung. Seiner Einschätzung nach übte er keinen Zwang auf seine Opfer aus. Die Anklage hingegen verlangte eine höhere Strafe, als im ersten Prozess ausgesprochen wurde.

Der pensionierte Primarschullehrer wurde am vergangenen 7. Juni vom Strafgericht Lugano wegen sexuellen Missbrauchs, Nötigung und Pornografie zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Der heute 62-Jährige gab zu, sich in den Jahren 1998 bis 2012 an einer Primarschule in Lugano an zwölf Buben im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren vergriffen zu haben.

Missbräuche in Schule und auf Schulreisen

Die sexuellen Missbräuche ereigneten sich während des Unterrichts in Nebenräumen, in den Pausen, in der Sporthalle und auf Schulreisen, wie aus der Verhandlung hervorging. Das Schweigen der Kinder erkaufte sich der Lehrer durch kleine Geschenke. Er soll sich unter anderem Lernschwache ausgewählt haben, die er bei den Hausaufgaben unterstützte.

Er versprach gute Noten, verteilte Süssigkeiten sowie Geld und liess Einzelnen im Unterricht mehr Freiheiten. Den Opfern versuchte er zu suggerieren, dass seine sexuellen Übergriffe normal seien. Häufig begannen die Missbräuche mit dem Zeigen von Pornovideos und endeten mit intimen Berührungen und sexuellen Handlungen.

Lehrer: «Ich war immer freundlich zu ihnen»

«Ich habe nie die Stimme oder die Hand gegen einen der Buben erhoben», sagte der frühere Lehrer am Dienstag. «Ich war immer freundlich und sanft zu ihnen.» Er ergänzte, jedes der Opfer hätte die Freiheit gehabt, sich den Annäherungen zu entziehen. Er bereue die Taten. Den Vorwurf der Nötigung würde er aber von sich weisen.

Ganz anderer Meinung war Staatsanwältin Chiara Borelli, die wie schon im ersten Prozess eine Haftstrafe von zehn Jahren forderte. Sie versuchte in ihrem Plädoyer für jedes der zwölf jungen Opfer aufzuzeigen, in welcher ausweglosen Situation sich diese befanden. Rhetorisch fragte sie: «Wie soll ein Kind sich gegen Übergriffe wehren, wenn es gleichzeitig Süssigkeiten erhält?»

Opfer zu jung zum Verstehen

Die Aussagen mehrerer Opfer - Jahre nach den Taten - wurden im Prozess zitiert. «Ich war zu jung, um zu verstehen, was passierte», sagte einer. «Ich ging auf seine Aufforderung hin sogar mehrfach zu ihm. Ich schämte mich dafür.» Ein Betroffener gab an, seinen Widerwillen auch geäussert zu haben, der Lehrer habe sich aber nicht abwehren lassen.

Der Fall flog im Jahr 2012 nach Ausscheiden des Mannes aus dem Schuldienst auf. Ein inzwischen erwachsenes Opfer fand den Mut und meldete sich bei den Strafbehörden. Der Prozess ist über mehrere Tage angesetzt. Der Termin der Urteilsverkündung ist noch nicht bekannt.

(sda)