Arbeitsbedingungen

22. Mai 2017 13:42; Akt: 22.05.2017 17:38 Print

Schweizer klagen über physische Belastung

Laut Seco sind neun von zehn Arbeitnehmern mit ihrer Situation zufrieden. Dennoch liegt die Schweiz in manchen Punkten nicht mehr vorne.

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Physische Belastung im Arbeitsalltag: Büros im Glashaus der Ernst & Young AG in Zürich. (Archiv) (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

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Im europäischen Vergleich arbeiten Angestellte in der Schweiz weiterhin unter guten Bedingungen. Doch hat die Schweiz in mehreren Aspekten ihre Spitzenposition eingebüsst. So haben körperliche Belastungen zugenommen und der Gestaltungsspielraum abgenommen.

«Die guten Neuigkeiten sind, dass sich die Schweizer Arbeitnehmer guter Gesundheit erfreuen – im europäischen Vergleich liegen die Werte über dem Durchschnitt», sagte Maggie Graf vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Montag vor den Medien in Bern.

Zufriedenheit weiterhin hoch

Dort stellte die Leiterin des Ressorts Grundlagen Arbeit und Gesundheit die Ergebnisse der 6. Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen vor. Die Schweiz nimmt seit 2005 daran teil.

Die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist weiterhin hoch: Knapp neun von zehn Befragten gaben an, mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Allerdings hat die Schweiz in mehreren Aspekten ihren Vorsprung eingebüsst.

Mehr schmerzhafte Körperhaltungen

Besonders ungünstig entwickeln sich die physischen Belastungen. 2015 klagten mehr Beschäftigte als noch 2005 über schmerzhafte Körperhaltungen und stets gleiche Hand- oder Armbewegungen. Diese Belastungen nahmen im zweistelligen Prozentbereich zu, wie aus der repräsentativen Befragung von 1006 abhängig Beschäftigten hervorgeht. Im europäischen Vergleich hat die Schweiz damit ihren Spitzenplatz aus dem Jahr 2005 verloren.

Weiter haben die Arbeitnehmenden heute markant weniger Gestaltungsspielraum bei der Arbeit als noch vor zehn Jahren. So hat mit 48,8 Prozent weniger als die Hälfte die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen. 2005 waren es noch 61,9 Prozent. Ebenso können die Pausen sowie das eigene Arbeitstempo seltener frei gewählt werden.

Auch bei der Qualität der Arbeit haben die Angestellten Abstriche gemacht. Jede dritte Person gibt an, dass ihre Arbeit eintönige Aufgaben beinhaltet, 2005 war es noch jeder vierte bis fünfte.

Verbesserungen bei Druck

Allerdings gab es auch positive Entwicklungen in den letzten zehn Jahren. Verbessert haben sich die Arbeitsbedingungen in der Schweiz bei psychosozialen Faktoren wie Termindruck. Diese haben sich dem europäischen Mittel angenähert. Psychosoziale Aspekte der Gesundheit wie Stressmechanismen und die Arbeitsorganisation bilden derzeit einen Vollzugsschwerpunkt bei der Gesundheit am Arbeitsplatz. Die kantonalen Arbeitsinspektoren wurden diesbezüglich geschult und auf das Thema sensibilisiert. Bei ihren Kontrollen sollen sie darauf ein besonderes Augenmerk legen. Zusätzlich wurde Informationsmaterial für die Unternehmen erstellt.

«Wir glauben, dass ein Zusammenhang besteht zu den Verbesserungen», sagte Pascal Richoz, Leiter des Leistungsbereichs Arbeitsbedingungen und Mitglied der Geschäftsleitung beim Seco. Trotz Verbesserungen: Mehr als 60 Prozent der Erwerbstätigen geben an, mindestens ein Viertel der Zeit mit hohem Arbeitstempo oder unter Termindruck zu arbeiten.

Gewerkschaften schlagen Alarm

Gewerkschaften zeigen sich über die Entwicklungen beunruhigt. Der hohe Druck auf die Arbeitnehmenden manifestiere sich in hoher zeitlicher Belastung bei gleichzeitig abnehmender Mitbestimmung, schreibt die Unia. Sie beklagt eine einseitige Flexibilisierung zu Lasten der Arbeitnehmenden.

Die Unia, der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und der Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse bekräftigten, parlamentarischen Vorstössen wie der Lockerung der Arbeitszeiterfassung den Kampf anzusagen. Der SGB kritisiert zudem, dass in der Schweiz seltener als in der EU Massnahmen zur Prävention beispielsweise von Stresserkrankungen getroffen würden.

Auch beim Seco sieht man Verbesserungsbedarf bei der Prävention. Mit Verweis auf die demografische Entwicklung warnt das Seco, dass in Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit mehr Leute mit nicht optimalem Gesundheitszustand arbeiten würden, wenn die Gesundheit nicht besser geschützt werde als heute. Denn gemäss der Umfrage stufen fast neun von zehn Erwerbstätigen ihre allgemeine Gesundheit als gut oder sehr gut ein – bei den über 55-Jährigen sind es jedoch nur rund acht von zehn.

Prävention als Nebensache

Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz werde hierzulande noch viel zu häufig als Nebensache oder gar als überflüssige Reglementierung betrachtet, schreibt Richoz in einem Dossier zum Thema in der jüngsten Ausgabe von «Die Volkswirtschaft». Anders als bei der Unfallprävention bestehe etwa bei den psychosozialen Risiken zwischen der Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz und den Kranken- und Sozialversicherungen keine Zusammenarbeit.

Richoz schlägt deshalb vor, das Mandat der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (Ekas) auszuweiten. Diese ist bisher für die Kontroll- und Präventionstätigkeiten gemäss dem Unfallversicherungsgesetz zuständig. In dieser Frage müsse jedoch zuerst ein minimaler Konsens zwischen den Sozialpartnern und auf politischer Ebene gefunden werden.

(oli/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy am 22.05.2017 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ja klar...

    9 von 10 sind zufrieden.. ach ja die Zahlen kommen vom Seco... Alles klar. Aber es wird sicher sein, dass ich nur alle Unzufriedenen kenne (unterschiedliche Bereiche, unterschiedliche Demografien etc.). Wir werden von A-Z veräppelt... Wie lange es wohl noch gehen wird, bis Hinz und Kunz verstanden hat, dass unsere Pro-Wirtschaft Abstimmungen nur einseitig ausgenutzt wurden und die Wirtschaft eh bald weg sein wird.. Wie sagte der CEO eines vergangenen Jobs so schön: "In Deutschland gibt es Gewerkschaften und in Frankreich ist der Arbeitnehmerschutz viel besser.. DARUM sind wir hier." (zur NZZ)

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  • Snooker am 22.05.2017 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

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    Die Schweiz besser darstellen als sie ist. Aussen Hui innen Pfui.

  • Sünneli68 am 22.05.2017 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    1 von 10?

    Pause am Arbeitsplatz - was ist das? Überzeit kompensieren - auch illusorisch

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sben am 23.05.2017 15:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Urlaub wäre die Lösung

    Hättet ihr Schweizer halt mal für mehr Urlaub abgestimmt und dann wäre viel schon besser. Sorry 4 Wochen Ferien ist einfach ein Witz. Vorallem in Berufen mit Schichtdienst wie Pflege usw. geht das gar nicht. Da sind gesundheitliche Folgen und Unzufriedenheit kein Wunder. Und kommt mir jetzt nicht wieder, dass die kleinen Firmen darunter Leiden, die geben meistens eh schon 5 Wochen.

  • W Goetze am 23.05.2017 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Jammerlappen

    Wir haben früher mehr gearbeitet, auch körperlich. Aber im Gegensatz zu heute gab es nicht so viele Abwechslungen. Die Hand und Armbeschwerden und auch Haltungsbeschwerden kommen sicherlich vom vielen Rumdaddeln mit dem Handy. Sollten vielleicht umsteigen auf die Zehen als Schreibhilfe.

  • Klaus am 23.05.2017 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ETH-Student

    In der Schweiz wird immer mehr gearbeitet, Arbeitsdruck, Konkurrenzmentalität (was zum Druck führt) und alles in allem Leistungsdruck. Überlege mir schon genau, wo und wie ich arbeiten soll. Ich werde mein Mobiltelefon am Samstag Nachmittag und am Sonntag das Mobiltelefon ausschalten. Auswandern nach Skandinavien ist auch notfalls eine Option. Mal schauen.

  • Das Propagandaministerium am 23.05.2017 11:44 Report Diesen Beitrag melden

    Fiktion vs. Realität

    Es ist wie immer. Das Seco behauptet, 9 von 10 wären zufrieden. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher.

  • tina am 23.05.2017 11:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unzufriedene Arbeitsnehmerin

    9 von 10 sind zufrieden? Bei uns eher das Gegenteil. Die Motivierten Arbeitnehmer möchte ich gerne mal kennenlernen, die bei der Studie der Seco mitgewirkt haben.