Schutz vor Radikalisierung?

12. Januar 2015 07:29; Akt: 12.01.2015 10:30 Print

Islam soll in der Schweiz zur Landeskirche werden

von J. Büchi - Schweizer Muslime fordern eine öffentliche Anerkennung ihrer Glaubensgemeinschaft in der Schweiz. So lasse sich die Radikalisierung Jugendlicher besser bekämpfen.

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Die Schweizer Muslime erfahren nach dem Attentat von Paris viel Aufmerksamkeit: Sie nehmen an Solidaritätsdemos teil, grenzen sich immer wieder von der Bluttat ab. Viele sehen die eigenen Organisationen in der Pflicht, die Radikalisierung von Mitgliedern zu verhindern. In der SRF-Sendung «10vor10» forderte der Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, Farhad Afshar, allerdings auch ein Entgegenkommen: Der Islam müsse als öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft anerkannt werden.

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Auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt Afshar, dies sei schon seit geraumer Zeit ein Anliegen der Muslime in der Schweiz. Eine öffentlich-rechtliche Anerkennung würde die muslimische Gemeinschaft den Landeskirchen gleichstellen. Dies würde es ihnen erlauben, bei Muslimen Steuern zu erheben, die für öffentliche Aufgaben in der islamischen Gemeinschaft eingesetzt würden. «Es wäre möglich, in den Schulen Religionsunterricht zu erteilen sowie in Spitälern und Gefängnissen seelsorgerisch tätig zu sein.»

«Imame, die unsere Kultur kennen»

Besonders wichtig sei, dass die muslimischen Geistlichen – die Imame – in der Schweiz ausgebildet würden. «Es ist ein grosses Problem, wenn Imame aus dem Ausland kommen, die unsere Sprache, unsere Gesetze und die Kultur unserer Jugendlichen nicht kennen», so Afshar. Man brauche Geistliche, die die politischen Gegebenheiten der Schweiz kennen – so könne verhindert würden, dass Teenager von schwarzen Schafen radikalisiert werden. Weiter verspricht sich Afshar eine demokratischere Entscheidungsfindung in den muslimischen Organisationen und damit mehr Transparenz.

Diese Bestrebungen begrüsst der grüne Nationalrat Ueli Leuenberger, der schon 2009 vom Bundesrat einen Bericht über die Muslime in der Schweiz verlangt hatte. «Der Bericht zeigt, dass wir mehr Kenntnisse über die muslimischen Gesellschaften in der Schweiz brauchen und den Dialog verstärken müssen.» Die Anerkennung des Islam in der Schweiz könnte ihm zufolge ein Schritt auf diesem Weg sein.

Für Lukas Reimann (SVP) ist die Forderung zum jetzigen Zeitpunkt völlig deplatziert: «Ich sehe grundsätzlich keinen Grund, in der Schweiz eine fremde Religion anzuerkennen, die hier nicht historisch verwurzelt ist.» Zwar sei auch er der Meinung, dass die muslimischen Organisationen in der Schweiz demokratischer und transparenter werden müssten. Das müssten sie aber selber hinbekommen. «So uneinheitlich, wie sich die Sunniten, Schiiten und anderen muslimischen Gruppierungen im Moment präsentieren, können sie eh keine Landeskirche werden.»

Kantonale Testwahlen

Einen ähnlichen Vorbehalt äussert eine Studie, welche drei Dozenten der Universität Luzern im Auftrag der Föderation Islamischer Dachverbände verfasst haben. Das Gutachten vom vergangenen März kommt zwar zum Schluss, dass der Islam als anerkannte Religionsgemeinschaft den Friedensauftrag besser erfüllen und den Staat stärker unterstützen könnte. Allerdings stelle die starke Fragmentierung der muslimischen Religionsgemeinschaften derzeit tatsächlich ein Problem dar. Es wäre unklar, welche Gruppe die neue «Landeskirche» repräsentieren würde.

Die Schweizer Muslime nehmen sich diese Kritik zu Herzen. Afshar sagt, man arbeite derzeit an einem Modellstatut, wie die islamischen Gemeinden analog den Kirchgemeinden demokratisch aufgebaut werden könnten. Wenn dieses fertiggestellt sei, werde man voraussichtlich in einem Kanton erste demokratische Testwahlen durchführen und die Anerkennung beantragen (siehe Box).

Zurückhaltender ist Hisham Maizar, der Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz. Ihm ist die Anerkennung des Islams in der Schweiz ebenfalls ein grosses Anliegen. Er warnt jedoch: «Zurzeit sind die Gemüter so stark erhitzt, dass nicht der richtige Zeitpunkt ist für eine solche Debatte.»