Neue Entwicklung

14. Mai 2014 13:31; Akt: 25.02.2016 11:35 Print

Männer erkranken vermehrt an Magersucht

von Tanja Bircher - Die Magersucht gilt als Frauenkrankheit. Doch auch Männer leiden an der Essstörung. Und die Zahl der Erkrankten in der Schweiz steigt.

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Bei zehn Prozent der Magersucht-Patienten handelt es sich um Männer. (Bild: Screenshot youtube.com)

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Die Essstörung Magersucht, die Anorexie, ist ein omnipräsentes Thema in den Medien – in Präventionskampagnen, in Video-Clips von bekannten Sängern. Gezeigt werden spindeldürre junge Mädchen, die Botschaft zielt praktisch immer auf Frauen. Doch auch Männer leiden an dieser Krankheit, und es werden immer mehr. Im Englischen existiert bereits ein Wort für die Magersucht bei Männern: «Manorexia».

Gemäss einer Studie des Bundesamts für Gesundheit haben 2012 in der Schweiz rund 40'000 Frauen (1,2 Prozent) und knapp 8000 Männer (0,2 Prozent) angegeben, in ihrem Leben an Magersucht erkrankt gewesen zu sein oder derzeit daran zu kranken. Weltweit sind zehn Prozent aller magersüchtigen Menschen Männer, wie «Le Matin» schreibt.

Laut Sandra Gebhard, der leitenden Ärztin am Waadtländer Zentrum für Magersucht und Bulimie, sind es in Tat und Wahrheit aber viel mehr Männer, die an Magersucht leiden. Die Dunkelziffer auf diesem Gebiet sei gross: «Diese Krankheit wird derart extrem den Frauen zugeschrieben, dass man es schlicht nicht erwartet, sie bei einem Mann vorzufinden.» Auch der Patient selbst bringe diese Krankheit nur mit Frauen in Verbindung, deshalb könne er sie bei sich selbst kaum erkennen. Laut Alain Perroud, Psychiater an der Klinik Belmont in Genf, handelt es sich um ein «echtes Problem»: Die Magersucht bei Männern werde oft viel zu spät diagnostiziert, dies führe zu einer gefährlichen Verzögerung beim Start der Therapie.

«Magersucht ist ein Tabuthema bei Männern»

Dass die Zahl an magersüchtigen Männer zunimmt, beschäftigt auch Pro Juventute. «Im Vergleich zu den Mädchen ist die Zahl junger Männer mit einer Essstörung zwar viel kleiner. Doch auch bei ihnen steigt die Anzahl tendenziell», schreibt die Organisation auf ihrer Website.

Lesly Luff, Coach für Personen mit Essstörungen und Redaktorin der Pro-Juventute-Elternbriefe, sagt, schuld an der wachsenden Ausbreitung dieser Krankheit bei Männern seien die steigenden Anforderungen: Sie sollten einen guten Job haben, ein super Familienvater und ein perfekter Liebhaber sein und obendrein auch noch toll aussehen. «Essstörungen sind ein emotionales Ventil. Betroffene versuchen damit, inneren Belastungen oder unausgelebten Bedürfnissen zu begegnen», so Luff. Bei jungen Männern könne auch der Anspruch an einen perfekten Body durch «überdosiertes» Training und mangelnde Ernährung in einer Magersucht enden. «Essstörungen sind immer noch tabuisierte Themen – bei Männern noch mehr als bei Frauen.» Viele Betroffene hielten die Krankheit deshalb so lange wie möglich geheim oder verharmlosten sie. Sich zu «outen», brauche Mut, doch gerade bei der Behandlung von Magersucht sei es enorm wichtig, sich so früh wie möglich professionelle Hilfe zu holen.

Schlankheitsideal und unsicherer Charakter

Silvia Frei, leitende Fachpsychologin für Psychotherapie am Zentrum für Menschen mit Essstörungen in Zürich, sieht die Ursache im veränderten Männerbild. Das heute geltende Schlankheitsideal sei nicht mehr nur für Frauen ein erstrebenswertes Ziel, sondern habe auch zur Zunahme der Zahl von magersüchtigen Männern geführt.«Menschen, die magersüchtig werden, haben oft einen sensiblen und unsicheren Charakter, sie hinterfragen sich und ihren Körper konstant.» Männer hätten zudem immer noch die Vorstellung, sie müssten stark sein. Eine Erkrankung an Magersucht könnten sie als Schwäche auslegen und sich dafür schämen.

Gabriella Milos, Leitende Ärztin am Zentrum für Essstörungen am Universitätsspital Zürich, sieht im Bezug auf die gewünschte Schlankheit noch eine weitere Entwicklung: «Was sich am Körperbild des Menschen und daher auch des Mannes am meisten geändert hat, ist, dass Schlanksein heute mit Gesundsein gleichgestellt wird.» Um in eine Magersucht zu geraten, reiche oft das simple Vorhaben, einfach ein paar Kilos abzunehmen. Irgendwann gerate man in eine Spirale, die fast nicht mehr aufzuhalten sei.

«Sie haben Angst vor einer Gewichtszunahme»

Ein häufiger Grund für eine männliche Magersucht sei der Sport: Der Geschwindigkeit oder Effizienz zuliebe wollten Männer ein paar Kilos verlieren. «Doch ehe sie sich versehen, sind sie krankhaft dünn», so Milos. Auch der Wunsch nach einer Freundin, nach Aufmerksamkeit oder Zuneigung könne einen Mann in die Magersucht treiben. Oft komme irgendwann eine verzerrte Wahrnehmung hinzu: «Diese Menschen sehen sich im Spiegel als normal oder sogar dick, das verhindert natürlich das Ziel wieder zuzunehmen.» Bei der Behandlung von Magersucht sei das ein Hauptproblem: «Die Menschen haben eine so grosse Angst vor einer Gewichtszunahme, dass sie immer noch mehr abnehmen.»

Sind Sie ein Mann, der an Magersucht leidet? Wären Sie bereit, über Ihre Krankheit zu sprechen? Schreiben Sie uns ein E-Mail an feedback@20minuten.ch.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Helena am 14.05.2014 15:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gab es schon immer...

    Magersucht wird immer ein Tabu-Thema bleiben, ob bei Mann oder Frau! Das gab es schon anno 1982!!! Dahinter stecken enorme Probleme. Leider gibt es Eltern, die wegschauen... statt helfen wollen. Oder, man kommt nicht an die Magersüchtige an. Weil es diese nicht einsehen, eingestehen wollen. Was mich aber stört, wenn man ungewollt mager ist (es gibt auch Krankheiten die einem mager machen können) dass man von Aussen immer wieder angesprochen wird ; ob man an Magersucht leide? In meinem Alter nehmen Menschen normalerweise zu. Ich werde immer dünner. Bis das aber ein Arzt einsehen will, dass man einer organischen Krankheit leidet - braucht es sehr viel Kraft! Schnell wird man in den psycho Topf geworfen. Schade! Beidseitig schwieriges Thema.

  • Claudia am 14.05.2014 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Vater

    Mein Vater hat Essstörungen und ist extrem dünn. Die Ursachen kann ich mir nicht erklären, die oben genannten Gründen treffen nicht auf ihn zu. Niemand sagt direkt was, alle schauen weg. Ich weiss nicht, wie ich das Thema ansprechen soll, denke aber, dass er es sowieso ableugnet und auch nicht bereit ist, Hilfe anzunehmen.

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  • Brumm am 14.05.2014 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaftskrankheit

    Ist Fakt und viele werden daran verdienen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Asterix am 15.05.2014 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Diese Krankheit nistet sich so sehr im Gehirn ein, dass jegliche Wahrnehmung völlig verschoben wird. Ich kenn gleich mehrere Fälle in meinem weiteren Umfeld, 1x Bulimie, ansonsten Magersucht. Und verschiedene Therapien wurden probiert. Es ist extreeem schwer diesen Menschen zu helfen. Eine wirklich schlimme Krankheit und man ist so machtlos als Aussenstehender.

  • Brumm am 14.05.2014 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaftskrankheit

    Ist Fakt und viele werden daran verdienen.

  • Ken am 14.05.2014 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu dick ...

    ... sind aber die meisten Männer und verursachen so höhere Kosten. Aber viele Fressen auch einfach drauf los, machen keinen Sport oder bewegen sich höchstens vom Sofa zum Auto.

  • ... am 14.05.2014 17:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    krass

    gott sei dank hab ich kein problem mit sowas geh gym pumpe auf und esse 7-9 am tag dass macht spassssss ich hoffe die finden denn richtigen weg wieder

  • t.g. am 14.05.2014 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unverständlich

    dass sollte nicht als krankheit sondern als dummheit gelten. ich könnte nie im leben auf essen verzichten oder es wieder rauslassen. sorry, aber solche leute tun mir keineswegs leid, selber schuld.