Minderjährige Asylsuchende

02. Juni 2017 11:52; Akt: 02.06.2017 11:52 Print

Ärzte weigern sich, Alter von Flüchtlingen zu klären

Knochenanalysen seien unbrauchbar, um das Alter von Asylsuchenden zu ermitteln, kritisieren Ärzte – und rufen ihre Kollegen zum Boykott auf. Die Behörden kontern.

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«Zu ungenau»: Schweizer Kinderärzte üben Kritik an Altersbestimmungen bei Asylbewerbern, etwa durch Handknochenanalyse. Ärzte sollten sich deshalb weigern, solche Abklärungen vorzunehmen. «Es gibt heutzutage keine wissenschaftliche Methode, die erlauben würde, das Alter eines 15- bis 20-Jährigen genau zu bestimmen und sicher zu entscheiden, ob er voll- oder minderjährig ist», schreibt die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie in der aktuellen «Ärztezeitung». Arzt und SP-Nationalrat Angelo Barrile unterstützt den Boykott seiner Berufskollegen: «Auch ich würde solche Untersuchungen verweigern.» Doch wie sollen die Behördenärzte, die ihre Arbeit nicht niederlegen, vorgehen? «Die einzig akzeptable Lösung bei medizinischen Altersschätzungen wäre, in jedem Fall das tiefere Alter zu berücksichtigen.» SVP-Migrationsexperte Heinz Brand hingegen betont, dass etwa die Handknochenanalyse jeweils nur ein Teil der Abklärungen bei der Altersbestimmung sei. Trotzdem sei das Signal, das diese medizinischen Tests aussenden würden, wichtig: «Es kann nicht sein, dass aufgrund zu lascher Kontrollen jeder sein Alter erfinden kann und damit durchkommt.» Das Staatssekretariat für Migration erklärte letztes Jahr auf Anfrage von Parlamentariern, man wisse um die Kritik an der Zuverlässigkeit dieser Methode und sei sich bewusst, dass die Ergebnisse einer Untersuchung der Handknochen keinen verlässlichen Altersnachweis lieferten. Deshalb erfolge immer eine Gesamtbeurteilung, die etwa Identitätsausweise oder die glaubhafte Darlegung des Alters stärker gewichte als medizinische Checks.

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Minderjährige Flüchtlinge geniessen in der Schweiz besonderen Schutz: Ihre Gesuche werden prioritär behandelt, sie erhalten einen Beistand und die Hürden für die Ausschaffung sind höher. Da die Flüchtlinge beim Asylantrag ihr Alter aber selbst deklarieren, ist für die Behörden nicht immer klar, ob dieses auch stimmt. Deshalb setzt das Staatssekretariat für Migration (SEM) unter anderem auf medizinische Untersuchungen des Knochen- oder Zahnwachstums, um das Alter zu bestimmen.

Doch nun ruft die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie ihre Mitglieder und überhaupt alle Ärzte dazu auf, solche Untersuchungen zu verweigern – sie seien zu ungenau: «Es gibt heutzutage keine wissenschaftliche Methode, die es erlauben würde, das Alter eines 15- bis 20-Jährigen genau zu bestimmen und sicher zu entscheiden, ob er voll- oder minderjährig ist», schreibt der Verband in der aktuellen «Ärztezeitung».

Ungenaue Schätzung mit «schwerwiegenden Folgen»

Da ein Asylbewerber ab dem Alter von 18 Jahren kein Anrecht mehr auf Betreuung oder auf Schulbildung habe, könne eine gestörte Entwicklung die Folge einer zu hohen Alterseinschätzung sein, begründen die Ärzte ihre Position.

Arzt und SP-Nationalrat Angelo Barrile unterstützt den Boykott seiner Berufskollegen: «Auch ich würde solche Untersuchungen verweigern», sagt er zu 20 Minuten. Doch wie sollen die Behördenärzte, die ihre Arbeit nicht niederlegen, vorgehen? «Die einzig akzeptable Lösung bei medizinischen Altersschätzungen wäre, in jedem Fall das tiefere Alter zu berücksichtigen.»

SVP: «Medizinische Checks haben Signalwirkung»

Bei SVP-Nationalrat Heinz Brand stösst die Verweigerung der Ärzte auf Unverständnis. Ihm gehen die heutigen Methoden zur Altersabklärung bei Flüchtlingen sogar zu wenig weit. Laut Brand wird die SVP-Fraktion deshalb einen Vorstoss einreichen, der strengere Altersabklärungen fordert.

Brand betont, dass etwa die Handknochenanalyse jeweils nur ein Teil der Abklärungen bei der Altersbestimmung sei. Trotzdem sei das Signal, das diese medizinischen Tests aussenden, wichtig: «Es kann nicht sein, dass aufgrund zu lascher Kontrollen jeder sein Alter erfinden kann und damit durchkommt.»

Gerade hätten Untersuchungen in Schweden gezeigt, dass viele Asylbewerber ihr Alter gegen unten korrigieren würden, so Brand. Statt die Arbeit zu verweigern, sollten Ärzte sich an international anerkannten Methoden zur Altersbestimmung orientieren.

Knochenanalyse entscheidet nicht über Alter

Das SEM erklärte letztes Jahr auf Anfrage von Parlamentariern, man wisse um die Kritik an der Zuverlässigkeit dieser Methode und sei sich bewusst, dass die Ergebnisse einer Untersuchung der Handknochen keinen verlässlichen Altersnachweis lieferten. Deshalb erfolge immer eine Gesamtbeurteilung, die etwa Identitätsausweise oder die glaubhafte Darlegung des Alters stärker gewichte als medizinische Checks.

Im Testbetrieb in Zürich werde zudem ein neues medizinisches Modell getestet, erklärt ein SEM-Sprecher auf Anfrage: «Dabei werden neben dem Knochenalter auch das Zahnalter und die körperliche Entwicklung berücksichtigt.» Die Begutachtung der körperlichen Entwicklung diene auch dem Ausschluss altersrelevanter Entwicklungsstörungen.

Bis Ende April sind laut SEM insgesamt 300 Personen nach diesem Modell untersucht worden. Bei der Hälfte der Personen hätten die medizinischen Gutachten eine Volljährigkeit mit «hoher bis an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» ergeben. Und es sei noch nie vorgekommen, dass sich ein Arzt geweigert habe, die Altersbestimmung vorzunehmen.

(pam)