Kündigung wegen Einsatz

18. Juli 2017 21:57; Akt: 18.07.2017 21:57 Print

«Das Verständnis für die Feuerwehr schwindet»

Viele Arbeitgeber sehen es nicht gern, wenn ihre Angestellten sich in der Feuerwehr engagieren. Dabei seien Feuerwehrleute besonders wertvolle Mitarbeiter, heisst es bei deren Verband.

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Freiwillige Feuerwehrleute bei einer Übung in Genf. Arbeitgeber stehen dem Engagement ihrer Angestellten in der Feuerwehr zunehmend kritisch gegenüber, sagt Urs Bächtold, Direktor des Schweizerischen Feuerwehrverbands. Ein Angehöriger der Feuerwehr Uerkental im Aargau erhielt gar die Kündigung, nachdem er nach dem Einsatz beim Unwetter vom 8. Juli übermüdet am Arbeitsplatz erschienen war. Uerkheim, gut 10 Autominuten von Zofingen entfernt, hat es am 8. Juli 2017 besonders schlimm erwischt. Dort sind die Schäden immens. Der Dorfbach verwandelte sich durch den starken Regen zum reissenden Fluss. «Im Zentrum sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet», meint ein Feuerwehrmann. Besonders schwer hat es etwa das Lebensmittelgeschäft von Elsbeth Byland getroffen. So sah es aus, nachdem die Wassermassen in den Laden gedrungen waren. Das Wasser habe die Tür aufgebrochen und vermochte gar den 300 Kilo schweren Ladentresen umzuwerfen. Schliesslich sei es hüfthoch zum Stehen gekommen. Erst als der Pegel sank, wurde das Schadensausmass vollends ersichtlich. Die ganze Familie von Byland packte am Sonntag bei den Aufräumarbeiten mit an. Praktisch alles sei zerstört worden: «Wir haben bereits eine 40-Kubik-Mulde gefüllt», sagt Byland. Hinter dem Haus von Byland sieht es nicht viel Besser aus. Kein Stein steht dort mehr auf dem anderen. Im ganzen Dorf liegen Schutt und Gerümpel. Ständig fahren Lastwagen mit vollen Mulden aus Uerkheim. Die Spuren des Unwetters sind überall erkennbar.

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Herr Bächtold, der Einsatz bei der Feuerwehr während eines Unwetters soll einen Aargauer die Stelle gekostet haben. Wie reagieren Sie auf diesen Fall?
Wir sind bestürzt und befremdet. Als Verband der Schweizer Feuerwehrleute werden wir den Betroffenen nicht im Stich lassen. Wir werden ihm juristische Unterstützung bieten, um gegen eine allfällig missbräuchliche Kündigung vorzugehen.

Kommt es oft vor, dass Angehörige der freiwilligen Feuerwehr mit ihrem Arbeitgeber Ärger bekommen?
Dass das Engagement in der Feuerwehr zu einer Kündigung führt, ist ein krasser Einzelfall. Aber tendenziell ist es tatsächlich so, dass die Bereitschaft, das Mitwirken der Angestellten in der freiwilligen Feuerwehr und die damit zusammenhängenden Absenzen zu dulden, abgenommen hat. Die Zahl der Arbeitgeber, die dem kritisch gegenüberstehen, hat zugenommen, das Verständnis für die Feuerwehr schwindet.

Kürzlich geriet eine Firma in die Schlagzeilen, die keine Personen anstellen wollte, die Militärdienst leisten. Gibt es auch Firmen, die Feuerwehrleute im Vornhinein aussortieren?
Ein solcher Fall wäre mir nicht bekannt. Aus unserer Sicht spricht sowieso mehr dafür, Feuerwehrleute zu bevorzugen. Denn sie verfügen über eine Zusatzausbildung, sie wissen, wie man mit brenzligen Situationen umgeht. Von diesen Qualifikationen kann auch der Arbeitgeber profitieren – und zwar nicht nur, wenn es mal in der Firma brennen sollte. Früher haben mehr Firmen diese positiven Aspekte erkannt als heute.

Dass es für eine Firma ärgerlich ist, wenn ein Angestellter plötzlich vom Arbeitsplatz verschwindet, weil er irgendwo ein Feuer löschen muss, ist doch verständlich.
Letztlich entscheidet der Feuerwehrmann selber, ob er ausrückt, wenn er aufgeboten wird. Wenn er sieht, dass sein Fehlen für die Firma in diesem Moment nicht zumutbar ist, kann er auf das Ausrücken verzichten.

Hat er dann nicht wiederum Ärger mit dem Feuerwehrkommandanten?
Nein. Als Milizorganisation müssen wir immer damit rechnen, dass einige unserer Leute nicht kommen können, zum Beispiel, wenn sie beruflich unterwegs sind und nicht innert nützlicher Frist am Einsatzort eintreffen können. Wir bieten jeweils genügend Personal auf, so dass wir einen Einsatz auch bewältigen können, wenn einige fehlen. Sagen muss man aber auch: Ein solcher Einsatz dauert in der Regel nicht lange. Ich habe gerade heute Morgen einen Einsatz der Feuerwehr Burgdorf geleitet. Nach einer Dreiviertelstunde war er erledigt und ich zurück am Arbeitsplatz. Dass die Feuerwehr ein ganzes Wochenende im Einsatz ist wie beim Umwetter im Raum Zofingen ist die Ausnahme.

Werden Firmen entschädigt,wenn ihre Angestellten während der Arbeitszeit in der Feuerwehr sind?
Nicht direkt. Das muss der Feuerwehrmann individuell mit seinem Arbeitgeber klären. Die einen geben der Firma jene Entschädigung weiter, die sie von der Gemeinde für ihren Feuerwehreinsatz bekommen. Andere stempeln vor dem Ausrücken aus und holen die Arbeitsstunden dann nach. Um diese Frage zu regeln, braucht es Eigenverantwortung und den Dialog mit dem Arbeitgeber.

(lüs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pitri am 18.07.2017 22:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    no go

    ich hoffe, dass sich der Verband für den Feuerwehrmann einsetzt. Klar man kennt nicht die ganze Wahrheit, aber wenn es wirklich deswegen ist, dann ist es absolut verwerflich. Ich hoffe sein Ex-Arbeitgeber braucht nie die Feuerwehr.

  • fafi am 18.07.2017 23:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jede Münze hat zwei Seiten

    Es scheint eine krasse einseitge Angelegeheit zu sein diese Kündigung. Ich glaube da muss schon vorher mit dem Arbeitsverhältnis nicht alles im Lot gewesen sein. Welcher Arbeitgeber würde sonst den ehrwürdigen Einsatz eines Feuerwehrmannes missbilligen und auf diese krasse Art Abstrafen?

  • Amina123 am 18.07.2017 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurig traurig

    ein trauriges beispiel,wie es NICHT sein sollte... bin gespannt auf die stellungnahme der firma... im ersten artikel sagten sie,es wäre nicht deswegen... mal schauen. und wenns wirklich so ist,wie der gekündigte sagt : absolutes NO GO!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Justus100 am 19.07.2017 16:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ansichtssache

    Wir hatten auch mal einen der zwei mal am tag alles fallen gelassen hat und mit dem warnblinker bei rot über die kreuzung raste um ins depot zu gelangen. Kundentermine nie abgesagt. Klar war der schnell wieder weg bei uns

  • Marcel H am 19.07.2017 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweischneidiges schwert

    Ich leiste seit 20 jahren feuerwehrdienst und bin selbstständig mit 20 mitarbeitern. Bei notfällen ist jeder froh wenn ihm geholfen wird, so ist es meiner meinung nach übergeordnet. Werden feuerwehrkeute aber während der arbeit für bagatellen gerufen, weil gemeidearbeiter kein dienst leisten dürfen ist es extrem fragwürdig. In unserer gemeine dürfen gemeindeangestellt nicht in die feuerwehr aber privatunternehmen müssen dies tragen. Als ob es jetzt lebenswichtig ist ob die strasse jetzt oder in 2 stunden gewischt wird, oder ob ein schalter mal eine stunde nicht besetzt ist.

  • TAIFUN_2107 am 19.07.2017 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Back to the 80ties

    In letzter Zeit liest man nicht mehr viel Gutes über Arbeitgeber. Frauen wird nach dem Mutterschaftsurlaub gekündigt, ab ü45 ist man zu alt, Militärkarrieren zählen auch nichts mehr. Nun kommen noch Feuerwehrleute hinzu, die auch nicht geschätzt werden. Vergleiche ich Heute mit den 80gern werde ich sentimental und wünsche sie mir zurück. Noch keine (fast) Computer, keine Natels, am Mittag nahm man sich Zeit zum Essen, Parkieren fast überall gratis und eben Arbeitgeber schätzten einem noch. Manchmal möchte ich back to the 80ties!

  • FW Of Oblt am 19.07.2017 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    wer bezahlt zukünftig die Berufsfeuerweh

    Ich war selber 26 Jahre in der Feuerwehr, davon 20 Jahre als Offizier. Es sind aber nicht nur die Arbeitgeber: Bei Interviews mit potentiellen Kandidaten für den Feuerwehrdienst habe ich haarsträubende Sachen gehört, weil man mit Freunden ins Kino oder Skifahren gehen wolle, da habe Feuerwehrdienst keinen Platz. Heisst das, dass Feuerwehrleute keine anderen Hobbies haben? Im vorliegenden Fall, hat der Arbeitgeber schlecht gehandelt. Wenn immer weniger Leute bereit sind, Feuerwehrdienst zu leisten und die Arbeitgeber nicht bereit sind die Leute freizustellen, wer bezahlt die Berufsfeuerwehr?

  • Grischun am 19.07.2017 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Soll, hätte, sei....

    Das Wort "soll" ist eben nicht gleichbedeutend mit dem Wort "wegen". Es ist nirgendwo gestanden, dass er wegen dem Einsatz entlassen worden ist. Das kann auch nur eine Behauptung sein. Man müsste auch den Chef anhören.