Leben ohne Deutsche

02. März 2012 09:07; Akt: 02.03.2012 09:44 Print

«Wänn gönd die eigetli hei?»

von Philipp Dahm - Intimrasur, Kommandokultur und serbische Alternativen: Regisseur Julian Grünthal lässt deutsche Pfleger auf Schweizer Senioren los. «Die neue Schweizer Welle» feiert heute Premiere.

Alberto Ruano und Evelyne Gugolz kämpfen im Theater-Trailer um Deutungshoheit und Identität. Quelle: YouTube
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Was heisst heute schon Heimat? Wer sind wir? Und was bedeutet Zuwanderung für unser Selbstverständnis?

Das kleine Zürcher Spiegeltheater hat sich eines grossen Themas angenommen: «Die neue Schweizer Welle – Läbe ohni Dütschi» feiert am 2. März in der Limmatstadt Premiere. Das Stück zeigt Szenen aus dem Alltag, in denen die Kulturen aufeinanderprallen – und stellt Fragen, die heute viele Leute stellen. Insgeheim oder ganz offen.

«So, dann werden wir mal konkret», beginnt der Supervisor im «Durchsetzungskurs», der die Schweizer Kader-Frau quasi auf Zack bringen soll. Ihr freundliches Personalgespräch mit der kleinen Angestellten wird vom Berater immer wieder unterbrochen, weil sie zu lieb ist. Am Ende wirds persönlich, wenn auch die Intimrasur kein Tabu mehr ist: Effizienz ersetzt Wohlfühlklima. Das vermisst auch Frau Schlegel im Altersheim.

Wenn der Guisan mit dem Adolf

Ihre deutsche Pflegerin weiss nicht, was sie meint, als sie sagt, sie sei keis Tüpfi mehr. Die Ansage «Jetzt mal ein bisschen zackig» quittiert sie mit der Frage: «Wänn gönd die eigetli hei?» Der Arzt muss vermitteln. «Sie verstaht keis Wort», zetert die Alte. «Tüütschi kommandiered nur ume.» Doch der Mediziner heisst Schröder und kommt ebenfalls aus dem Norden. Grosis Alternativen? Es gäbe da noch serbische Pflegerinnen!

Nicht zuletzt im Ensemble bricht der Kampf der Kulturen aus: Der Streit entzündet sich nach einer vielsagenden Szene, in der Utz Bodamer gleichzeitig den lebensmüden Adolf Hitler und einen General Guisan spielt, der sich selbst kasteit. «Ich wollte nie einen deutschen Regisseur», empört sich Darstellerin Evelyne Gugolz auf der Bühne und fragt: «Wo sind unsere Wurzeln? Wer sind wir?»

Bis zum Identitätseid

Wenn der Zugang zur Herkunft verloren gehe, münde das in Instinktlosigkeit. Kollegin Sascha Lara Bleuler sagt: «Ich will läbe ohni Lüt, wo mir d' Arbet wegnehmed.» Die Einwände von Alberto Ruano, dass die Schweizer Unternehmen ohne Ausländer bluten würden, wischt die sinnsuchende Gugolz beiseite. «Warum reded ihr alli über Wirtschaftswachstum?» Der Blick müsse nach innen gerichtet werden: «Da flüsst keltischs Bluet.»

Was sind also die Alternativen? Ausländische Unternehmen ausweisen? Mehr Kartoffel- und Weizenäcker? Mehr grüne Energie? Vom Tourismus leben? Die Alten loswerden? «Jede Krankheit ist auch ein Zeichen genetischer Schwäche», heisst die neue Devise. Denn die Frage stellt sich: «Wollt Ihr die totale Unabhängigkeit?» Die «NSIP», die Neue Schweizer Identitätspartei, könnte es zukünftig richten. Bis auch der letzte Deutsche, der nicht Mundart spricht, seinen finalen Eid leistet.

Deutsch-Schweizer «Kulturschock»

Bei der kurzweiligen Suche nach der Schweizer Identität aus der Reihe «Kulturschock» führt ausgerechnet der Deutsche Julian M. Grünthal Regie, der bei der Inszenierung von der Brienzerin Bettina Glaus unterstützt wird. Doch was da gespielt wird, ist in Teamarbeit entstanden, erklärt der Freiburger. Cory Looser, die Autorin des Stückes, erarbeitete die Texte, die dann vom Ensemble weiterentwickelt wurden, dem neben deutschen und Schweizern auch ein Russe und ein Finne angehören.


Evelyne Gugolz «lästert» über den deutschen Regisseur. Tatsächlich lebt die Schweizerin aber jenseits der Grenze. «Es ist nicht so, dass ich die direkte Art negativ finde. Es ist eben etwas anderes, und man muss lernen, damit umzugehen.» Quelle: YouTube

«Das Stück will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Deutschen-Thematik nur ein Symptom ist», so Grünthal. «Die Ursachen für den Konflikt liegen viel tiefer: Es geht um Ausgrenzung anderer zum Wohle der inneren Sicherheit. Es geht um eine Angst vor dem Hintergrund einer vernetzten, globalen Welt.»


«Die neue Schweizer Welle – Läbe ohni Dütschi» ist dem Nigerianer Joseph gewidmet, der am 17. März 2010 im Alter von 29 Jahren bei seiner Abschiebung am Flughafen Zürich starb. Die Premiere am 2. März ist ausverkauft. Weitere Aufführungstermine im Zürcher Theater Stok sind am 3., 4., 28., 29., 30. und 31. März. Im Kleintheater Luzern spielt die Truppe am 18. Mai. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Wir sind vor fünf Jahren als Deutsche in die Schweiz gekommen, und für uns ist es von Anfang an selbstverständlich gewesen, uns integrieren zu wollen ohne unsere eigene Kultur aufzugeben. Wir haben Schweizer Freunde, fühlen uns wohl und planen vielleicht hierzubleiben. Es tut aber schon manchmal weh, wenn wir sehen, dass einem immer wieder so ein fremdenfeindlicher Wind entgegenbläst; da stellt man sich gerne einmal die Frage, ob der Grossteil der Schweizer wirklich so weltoffen und kultiviert ist wie er sich gibt. Wir sagen, wohl eher nicht... – Marcus

die offenen Stellen werden an die richtigen Leute vergeben und damit hat sich das! Ob Schweizer, Deutscher oder was auch immer! Wann versteht ihr endlich, dass wir alle Menschen sind, dass hat doch nichts mit der Nation zu tun! Wenn es ein "Schweizer" nicht bringt und ein deutscher aber schon, dann wuerde ich auch den zuerst in Betracht ziehen. Es geht hier um meine Firma und nicht um persoenliche Argumente. Hoert endlich mit eurem kleinkarierten Denken auf! Ihr werdet naemlich am Schluss die Verlierer sein! – Manuel C

Dies zeigt wieder einmal aufs Neue wie überheblich die Schweizer sind. Wir bringen unser Wissen und unsere Arbeitskraft hier ein und besetzen zum Teil Stellen, für die es hier keine Fachkräfte gibt. Zum Dank erhalten wir dann sowas...Es wäre tatsächlich gut, wenn wir alle von heute auf morgen "heim gehen" würden, dann würde sich zeigen was das in der Realität bedeutet...die Versorgung in den Spitälern wäre nur ein Bereich der einbrechen würde. – Anja Lepinat

Die neusten Leser-Kommentare

  • Schwiizer am 04.03.2012 01:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viel

    Man sieht einfach überall wo man hin geht nur noch Deutsche.Ganz ehrlich,mir macht das langsam Angst.

  • basler am 03.03.2012 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Von allem zuviel ist nicht gut!

    Die Deutschen passen sich teilweise überhaupt nicht an, keine einziges Schweizerdeutsches Wort nach Jahren in der Schweiz zeugt nicht gerade von Integration!

    • Js am 04.03.2012 01:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Genau so ist es!!!!

    • John Durchblick am 04.03.2012 15:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Deutsch

      ....es gibt nicht nur Deutsche die nicht schwitzerisch reden. Auch sehr viele andere Ausländer sprechen auch nach Jahren kein Deutsch bzw. CH-Deutsch!!!

    einklappen einklappen
  • D. R. Zuellig am 03.03.2012 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Hoch auf die Deutschen

    Ich verstehe die Attacken in Richtung Deutsche kein bisschen. Ich studiere an der HSG und habe auch bereits mit Deutschen in einer Firma gearbeitet. Kann hiervon eigentlich nichts Negatives berichten. Wir sind selbst Schuld, wenn wir uns ihnen gegenüber als minderwertig fühlen (hat viel mit dem Auftreten zu tun). Wir sollten uns folglich nicht gegen die Deutschen sperren, denn was langfristig mehr Probleme bereiten wird sind uns gänzlich fremde Kulturen (Osteuropa/Afrika) und religiös bedingte Konflikte (Islamophobie, welche ich persönlich zu weiten Teilen teile obschon Atheist).

  • Sarkas Mus am 02.03.2012 18:05 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht schubladisieren

    Es gibt Schweizer die ich nicht mag und Deutsche die ich nicht mag. Daraus mache ich keinen Hehl. In den Augen der Schweizer bin ich dann arrogant, bei den Deutschen ein Rassist. Das war dann aber auch schon der ganze Unterschied, mit demselben, einfachem Ziel. Abwehr. Es ist und war nie mein Ziel von allen gemocht zu werden. Ich habe nämlich auch Schweizer Freunde und deutsche Freunde und die sind mir gleich viel Wert. Wenn keiner euch mag liegt es an euch selber, wenn einige euch nicht mögen ist das ganz normal. Egal, welche Farbe ihr habt und woher ihr kommt.

  • Ivana am 02.03.2012 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Ausländer

    Mit den "Sch...ausländer" Betittelung bin ich leider aufgewachsen. Bin gut ausgebildet und habe einen Hammerjob. Zahle 10x mehr Steuern als mein CH-Nachbar, bin aber seit diese Hetzerei vor ein paar Jahren angefangen hat, wieder der Parasit aus dem Ausland.(Ich zitiere). Man wir leider hier nur auf seine Herkunft reduziert, das war nicht immer so. Alle sagen, dass wir uns anpassen müssen, dann stört es niemanden. Denkste. Die Schweizer wollen nicht, dass wir uns anpassen. Sie wollen nur, dass wir nicht stören. Denkt mal darüber nach...

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