Keimland Schweiz

09. April 2014 13:34; Akt: 09.04.2014 20:23 Print

Wie Thorpe infizieren sich Tausende im Spital

Ian Thorpe wird wegen einer postoperativen Infektion im Arm nie wieder schwimmen. Auch in der Schweiz infizieren sich jedes Jahr 70'000 Personen im Spital. Ein vergleichsweise hoher Wert.

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Wer aus dem Spital entlassen wird, hat das Schlimmste hinter sich. Sollte man zumindest meinen. Doch Zehntausende lesen im Operationssaal erst richtig gefährliche Krankheiten auf. Einer von ihnen ist Ian Thorpe (31). Der Schwimmstar liegt mit einer schweren Infektion in seinem linken Arm auf der Intensivstation einer Klinik in Sydney. Die Ärzte pumpen ihn mit Antibiotika voll. Thorpe wird überleben, aber nie mehr schwimmen können.

Anfänglich berichteten viele Medien, dass sich der Australier die Infektion bei einer Schulteroperation in einem Tessiner Spital geholt haben soll. Dies wurde mittlerweile von seinem Manager dementiert, der Profisportler soll sich die Infektion bei einem Eingriff in Australien zugezogen haben. Fakt ist aber, dass es in allen Schweizer Spitälern zu Infektionen kommt. Und zwar zu vielen.

Mehr Infektionen als in EU und USA

Gemäss einer Hochrechnung von Swissnoso, einer Gruppe von leitenden Ärzten und Spezialisten, sterben landesweit im Schnitt jeden Tag fünf Menschen durch einen Erreger, den sie sich im Spital geholt haben. 70'000 Personen werden demnach jährlich infiziert, 2000 sterben in der Folge – und das sind noch vorsichtige Schätzungen. «Die tatsächlichen Zahlen könnten höher liegen», teilte Swissnoso mit.

Die Schweiz nimmt damit international einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Wie der nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) ermittelte, gibt es in der Schweiz je nach Operationstyp bis zu doppelt so viele sogenannte postoperative Wundinfektionen wie im EU-Schnitt und in den USA. Mit ein Grund: In mehreren Ländern ist es im Gegensatz zur Schweiz öffentlich, in welchem Spital sich wie viele Patienten eine Infektion holen – damit kommen die schwarzen Schafe unter Druck.

Keime auf Händen und Haut

Mindestens ein Drittel der Infektionen könnte vermieden werden, etwa durch bessere Hygiene. Seit 20 Jahren hat sich Swissnoso diesem Kampf verschrieben. Doch die Aufrufe verhallen. Noch immer desinfizieren sich Chirurgen und Pfleger je nach Studie in 40 bis 50 Prozent der Fälle die Hände nicht. Krankheitserreger wie Staphylococcus aureus, Escherichia coli oder Enterococcus faecalis werden so leicht verbreitet.

Viele Infektionen kommen allerdings auch von Keimen, die der Patient selbst mit ins Spital bringt – meistens auf seiner Haut. Wird ihm ein Katheter oder eine Kanüle gesetzt, hat der Eindringling beim durch Operation und Krankheit ohnehin schon geschwächten Immunsystem des Patienten leichtes Spiel.

250 Millionen Franken pro Jahr

Nicht alle Schweizer Spitäler schneiden in den Studien gleich schlecht ab. Welche besonders schlecht sind, erfuhren die Patienten bisher nicht. Die Studien sind anonymisiert. Das soll sich jedoch ändern: Seit 2013 müssen die Kliniken alle Infektionen dokumentieren. Zudem hat der Ständerat vor wenigen Wochen einen Vorstoss angenommen, der mehr Transparenz für Patienten bringen soll. Sobald die Datenqualität genügend sei, würden die Resultate veröffentlicht, versprach Gesundheitsminister Alain Berset.

Er hat angesichts der explodierenden Gesundheitskosten ein grosses Interesse daran, die Zahl der Infektionen zu senken – zumal Massnahmen wie striktes Händewaschen fast nichts kosten. Die Behandlung einer Wundinfektionen kostet schnell mehrere Zehntausend Franken. SP-Nationalrat Thomas Hardegger schätzte in einem Vorstoss die Gesamtkosten pro Jahr auf 250 Millionen Franken.

(hal)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Susi S am 09.04.2014 14:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An die Öffentlichkeit

    Die Liste sollte unbedingt veröffentlicht werden, dann müssten sie nämlich endlich was dagegen tun. Schliesslich können sich viele aussuchen wo die Operiert werden möchten.

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  • lat. dorsi. am 09.04.2014 15:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chefarzt

    Durfte ich auch am eigenen Leib erfahren. Als 15 Jähriger mit normalem Beinbruch ins Spital eingeliefert. Vom Chefarzt persönlich operiert. Dabei wurden 2 infekte (staphilococus aureus & similae) eingeschleppt. Das halbe Schiebein starb ab, ebenso die ganze Haut auf dem Schienbein. Heute 5 Jahre & 30 Operationen(Vollnarkose) später konnte das Bein knapp durch eine aufwändige Lat. Dorsi. Transplantation vom amputieren bewahrt werden... Fazit halbwegs zusammengeflicktes Bein, kapputer Rücken, kaputte Hüfte und keiner der verantwortung dafür übernimmt.

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  • Nirosh Kailasanathan am 09.04.2014 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    Schulmedizin!!!

    Leider geht es hier in der ersten linie ums Geld und dann an der 2. Stelle wieviel umsatz machen Krankenkassen!! Irgend wannkommt mal der Mensch !!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nick am 10.04.2014 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Meine betagten Eltern sind öfters

    im Spital. Meine Beobachtungen als außenstehender, können viele Aussagen hier nur Bestätigen. Durch den Kostendruck wird schlampig gearbeitet. Die Kommunikation Arzt-Patient-Hausarzt ist aber der größte Schwachpunkt. Meine Eltern z.B. können den Diagnosen der deutschen Ärzte gar nicht folgen und umgekehrt haben die Ärzte Mühe mit unserem "Schwyzerdüdsch". Auch die Kommunikation Spital-Hausarzt ist ungenügend. Als Hauptleistung werden die Patienten in die Röhre geschoben und danach mit Medi's abgefüllt ...(ist natürlich zugespitzt formuliert;)

  • J. Meyer am 09.04.2014 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Restrisiko gibt es immer

    Denke mal, gänzlich lässt es sich nicht vermeiden, vielleicht, wenn man wie in einem High Tech Labor mit mehreren Schleusen u Desinfektionskammern die Spitäler ausstattet, wo es auch keine Besucher u sonstige Dritte geben darf. Aber auch dann bleibt ein Restrisko. Man kann also nur versuchen, mit gängigen Methoden dieses Risiko immer wieder zu minimieren, sofern man sich auch dran hält, als Arzt, Pflegepersonal oder Besucher.

  • suzanna am 09.04.2014 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    ist leider so

    als mein Mann eine schwere bakterielle Infektion an einer offenen Wunde mit Eindringen in den Blutkreislauf hatte, meinte der Hausarzt, er würde ihn lieber mit einer Infusion nach Hause schicken als ins Spital, denn da bestünde eine extrem hohe Gefahr, dass die Entzündung sich noch verschlimmert..

  • Esther Aemisegger am 09.04.2014 17:20 Report Diesen Beitrag melden

    Transparenz zum Wohl des Patienten?

    Transparenz währe vor allem für Qualitätsmanagement und Folgerungen/Maßnahmen erwünscht,nicht aus Interesse für den Patienten.Die beste Genesung des Patienten steht bei jeder Med. Institution an oberster Stelle wobei die Hygiene selbstverständlich ist und das Personal gut ausgebildet wird.Wir sind auf einem sehr hohen Level,was die Hygiene sowie allgemeine Infrastruktur der Pflegeinstitutionen betrifft,weder in der EU noch in der USA habe ich dies so erlebt.Am Ende findet die Natur ihren Weg, ob Verursacher oder Empfänger der "schuldige" ist- und Evolution/ Wissenschaft wird spannend bleiben.

  • Helmut Fischer am 09.04.2014 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Die verkehrte Welt

    Da kommen einem schon dumme Gedanken. Auf der Strasse sterben ca. 400 Peasonen bei uns. Und was wird alles unternommen um weniger Tote zu haben? In den Spitälern (bei nur 2000) schaut man einfach weg. Aber hier kann man halt kein Geld mit Bussen holen.