Regeländerung

02. Mai 2017 19:23; Akt: 02.05.2017 19:23 Print

Private Igelstationen vor dem Aus

Ein neues Merkblatt des Bundes bringt ehrenamtliche Igelstationen in Bedrängnis. Setzen die Kantone die Regeln so um, müssen die Stationen wohl schliessen.

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Hungernde, kranke oder verletzte Igel werden vielerorts von sehr erfahrenen Freiwilligen in privaten Igelstationen gepflegt. Zu diesen gehört die Winterthurerin Erika Heller. Seit 50 Jahren kümmert sie sich um pflegebedürftige Igel und hat schon 13'000 Tiere aufgenommen. Nun wird die ehrenamtliche Arbeit der 78-Jährigen und vieler weiterer privater Igelstationen im ganzen Land durch verschärfte Vorschriften des Bundes torpediert, schreibt der «Tages-Anzeiger».

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Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen und das Bundesamt für Umwelt haben das Merkblatt überarbeitet, das die «Anforderungen an die temporäre Haltung und Notpflege von Igeln» schweizweit festlegt. Heute gelten je nach Kanton unterschiedliche Regeln. Die überarbeiteten Regeln erlauben es Privatpersonen weiterhin, Igelstationen zu betreiben. Sie müssen dafür aber eine Bewilligung einholen. Andernfalls drohen Bussen von bis zu 20'000 Franken.

«Ich kann Igel nicht stundenlang leiden lassen»

Das neue Merkblatt verlangt von den Betreibern der Igelstationen das Erfüllen zahlreicher administrativer Bedingungen wie das Führen eines individuellen Pflegeberichts mit Fundort, Funddatum oder Krankheit und deren Verlauf und Gewichtsentwicklung des Tiers.

Am strittigsten ist aber die medizinische Versorgung, die unter Punkt 6 des Merkblatts festgelegt wird. So steht da: «Sedationen und Euthanasie sind nur von einer Tierärztin oder einem Tierarzt durchzuführen.» Für die Winterthurer Igelpflegerin Heller ist das absolut unpraktisch. Sie könne Igel nicht stundenlang leiden lassen, bis sie einen Tierarzt finde, der sich um das todkranke Tier kümmere. Die meisten Tierärzte dürften nämlich keine Wildtiere behandeln – und würden diese darum zu den Igelstationen schicken.

Langjährige Igelstationbetreiber sollen Kurs besuchen

Tierärztin Annekäthi Frei vom Igelzentrum Zürich bestätigt, dass rein rechtlich gesehen «ein relativ grosser Teil der Arbeit in einer von Laien betriebenen Igelstaton wohl gar nicht mehr möglich» sei. Frei hat selbst an der Neuauflage des Merkblattes mitgearbeitet. Aus ihrer Sicht macht die neue Regelung Sinn, auch bezüglich der Sedation und Euthanasie. Frei hätte sich aber eine Regelung gewünscht, die bewährten Igelstationen die Arbeit erleichtert. «Ich habe gekämpft, um Praxis und Gesetz in Einklang zu bringen, ich hoffe, dass sich gangbare Lösungen zwischen den Igelstationbetreibern und ihren Kontrolltierärzten finden lassen», sagte sie gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Auch Bernhard Bader vom Artenschutzverein Pro Igel ist über die Lösung nicht glücklich, weil sie zu weit gehe. Er habe «immer davor gewarnt», dass damit den heutigen Igelstationen, von denen es nur rund ein Dutzend gebe, eine Schliessung drohe. Er kritisiert etwa, dass auch langjährige Betreiber von Igelstationen einen obligatorischen Kurs absolvieren müssen. «Da fragt sich dann, wer Experte ist, und wer wem etwas beibringen kann.»

Wann den Igelstationen das Aus droht, ist noch unklar. Das Merkblatt des Bundes ist nur eine Empfehlung. Die Kantone müssen selbst entscheiden, wie sie diese umsetzen wollen.

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kiro am 02.05.2017 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurig

    müssen nun wirklich unzählige Igel sterben müssen, nur weil ein Bürokrat mal wider eine "tolle" Idee auf Papier brachte. dies finde ich tragisch.

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  • Nikki am 02.05.2017 19:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht gar nicht

    Sorry...haben die in Bern mal wieder keine wirklichen Probleme? Das kann es ja wohl nicht sein. Wenn man weiss welche arbeit so eine Igelstation ist, so sollten sie diese unterstützen, nicht ihnen das Leben noch schwerer machen!!!!!!!!

  • Annie am 02.05.2017 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Zuviel

    Man kann auch zuviel regulieren! Ein "Hoch" auf unsere Bürokratie....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • R.K. am 05.05.2017 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Klasse gemacht Herr/Frau Bürokrat

    richtig toll so etwas... hier geht wohl Bürokratie vor Leben und sei es "nur" das leben eines Tieres. Da betreibt Frau Heller seit vielen Jahren die Station und soll jetzt Kurse besuchen und todkranke Tiere erst noch zum Tierarzt schleppen? Erst mal einen finden der ein Wildtier behandeln darf und das arme Tierchen darf solange leiden. Wir können froh sein das es Menschen wie Frau Heller gibt die sich um die Igel und andere notleidenden Tiere kümmern. So haben unsere Kinder noch die Möglichkeit so ein Tier in der Natur zu sehen. Heute sind es die Igelstationen, morgen die Vogelstationen?

  • Rösli Tell am 03.05.2017 20:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nebel im Gehölz

    wenn persöhliche Tierschutzgedanken weit weg von der Realität abheben sind wir da wo heute einige veralteten Pflegestationen hängen.

  • Rose am 03.05.2017 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Igeli

    Aha! Darum werden Abstimmungen so verschleppt. Die müssen an alten Damen Gesetze üben bis zum geht nicht mehr!

  • Igel am 03.05.2017 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein lob an igelstationen

    Schade dass man freiwilligenarbeit einfach so herab würdigt. Es gäbe hierzulande wichtigere probleme zu lösen als den igelstationen solche unnötigen steine in den weg zu legen. Denn in der station wissen sie schon wie man mit den igeln umgehen muss. Sie tun das mit herzblut und mit jahrelanger erfahrung. Habe es selber in einer igelstation erlebt.

  • Bigi am 03.05.2017 12:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sollen die igel aussterben???

    Die igelstationsleiterinnen und die freiwilligen helfer leisten grossartiges. Ich kenne selber eine leiterin die das seit über 30 jahren macht. Somit hat sie genug erfahrung. Sie versucht die igel zu retten. Der tierarzt ist meistens auf haustiere spezialisiert, nicht auf wildtiere, deshalb werden sie dort viel zu schnell eingeschläfert. Da will irgend eine behörde etwas regulieren das seit jahrzehnten gut war. Ich möchte meinen enkelkindern nicht ein bild von einem igel zeigen und sagen müssen: schaut, das war mal ein igel, sie sind leider ausgestorben. Die schweiz hätte wichtigere probleme.