Affäre Mörgeli

19. November 2012 14:07; Akt: 23.11.2012 16:14 Print

Staatsanwalt ermittelt gegen Institutsleitung

von S. Marty und L. Mäder - Gegen die stellvertretende Leiterin des Medizinhistorischen Instituts läuft ein Strafverfahren. Der Instituts-Chef gibt die Leitung ab, obwohl kein Tatverdacht besteht.

Bildstrecke im Grossformat »
Erfreuliche Nachricht für Christoph Mörgeli: Das Verwaltungsgericht entschied, dass die Universität Zürich ihm 17 Monatslöhne zahlen muss. (15. Dezember 2015) Am 10. September entschied das Bundesgericht, dass die Staatsanwaltschaft gegen Flurin Condrau ermitteln darf. Es wird eng für die entlassenen Professorin Iris Ritzmann: Sie muss sich wegen mehrfacher Amtsgeheimnisverletzung vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat am 12. Juni 2014 gegen die ehemalige wissenschaftliche Mitarbeitern des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich (MHIZ) Anklage erhoben. Nicht nur Professorin Iris Ritzmann steht unter Beschuss: Regierungsrätin Regine Aeppli soll die Entlassung von Christoph Mörgeli laut der «Weltwoche» gefordert haben. In einer Medienkonferenz am 9. Juni 2014 wies sie die Vorwürfe allerdings zurück. In einer eigens einberufenen Pressekonferenz nimmt Christoph Mörgeli Stellung zur Kritik gegen seine Amtsführung generell und zum jüngsten Vorwurf der «Rundschau», er habe als Professor minderwertige Dissertationen durchgewunken. Insgesamt sind es nicht weniger als 76 Punkte, die Mörgeli am Rundschau-Beitrag kritisiert. Den Medienschaffenden wirft er eine linke Gesinnung vor. In einer eigens einberufenen Pressekonferenz nimmt Christoph Mörgeli Stellung zu den Vorwürfen gegen seine Amtsführung und kritisiert die Medienschaffenden scharf. Der über die schweren Vorwürfen gegen den Titularprofessor unter dem süffisanten Titel «Leichen im Keller des Professors». Das : Seine Vorlesung «Medizinische Museologie» fand mangels Interessenten noch nie statt. Wahl in den Nationalrat (Bild). (Bild) zum neuen Professor für Medizingeschichte. Kandidat Christoph Mörgeli kam nicht mal in die engere Auswahl. informiert die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli erst am 19. September 2012 in der «Rundschau». Einen Tag nach der Publikation von Auszügen aus dem vernichtenden Bericht legt der «Tages-Anzeiger» nach: Fachkollegen aus der Medizingeschichte kritisieren Mörgelis wissenschaftlichen Leistungsausweis: Er sei weder in der Fachliteratur noch in den aktuellen Debatten präsent. Mörgeli spricht von «Brotkorbterror» seiner «linken» Kollegen, die SVP von einer «Schmutzkampagne». Mörgelis Vertraute gibt bekannt, an einem Burnout zu leiden. Daraufhin entbrennt eine Debatte, ob Parlamentarier neben ihrem Mandat, das einer 50- bis 70-Prozent-Stelle entspricht, noch seriös ihren eigentlichen Beruf ausüben können. Mörgeli bezeichnet den Bericht über seine Leistungen als fehlerhaft und verleumderisch. Zudem beschwert er sich, dass der Bericht dem «Tages-Anzeiger» zugespielt worden ist und fordert die Uni auf, ein Disziplinarverfahren gegen seinen direkten Vorgesetzten Flurin Condrau wegen Persönlichkeitsverletzung einzuleiten. Die Uni winkt ab. Auf «Tele Züri» erklärt Mörgeli, er überlege sich, seinen Vorgesetzten Flurin Condrau zu verklagen. Gegenüber 20 Minuten Online spricht er von einem Deal, den er 1999 mit dem damaligen Bildungsdirektor (Bild) über die Arbeitszeit getroffen habe. Buschor dementiert. Die «NZZ am Sonntag» schreibt, . Gleichtags schreibt «Der Sonntag», Mörgeli werde wegen seiner Mobbingvorwürfen gegen den Vorgesetzten Condrau noch im Lauf der Woche fristlos entlassen. Die Uni widerspricht. Und die «SonntagsZeitung» macht publik, dass Berufskollegen das ehemalige Vorstandsmitglied Mörgeli aus der Fachgesellschaft SGGMN ausschliessen wollen. Mörgeli betont, dass er bis zum Erscheinen des Artikels im «Tages-Anzeiger» nichts von den harschen Vorwürfen in Condraus Bericht gewusst habe. In der «Rundschau» sagt die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli (Bild), dass Mörgeli schon im November 2011 von den Vorwürfen gegen ihn ins Bild gesetzt worden sei. Ausserdem könne Mörgeli nach dem Ablauf der Gnadenfrist am 21. September seinen Job verlieren, wenn die Beurteilung seiner Leistungen negativ sei. Mörgeli widerspricht und ... ... bekommt Recht: «10 vor 10» und «Blick.ch» veröffentlichen ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass Mörgeli selbst dann noch bekommt, wenn die Mitarbeiterbeurteilung am 21. zu seinen Ungunsten ausfällt. Doch nach Ansicht des (Bild) ist eine Entlassung Mörgelis am heutigen Tag theoretisch dennoch möglich: Das Personalgesetz des Kantons Zürich sehe vor, dass auf eine Bewährungsfrist von sechs Monaten in gewissen Fällen verzichtet werden kann. «Von einer Bewährungsfrist kann ausnahmsweise abgesehen werden, wenn feststeht, dass sie ihren Zweck nicht erfüllen kann», so das Personalgesetz. Die Universität Zürich kündigt Christoph Mörgeli per 31. März 2013 und stellt ihn per sofort frei. (Bild) erläutert an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz, das Vertrauensverhältnis sei unwiederbringlich zerstört. Noch während der PK kündigt Mörgelis Anwalt an, gegen den Entscheid zu rekurrieren. Parodie auf Schäfchen-Plakat: Kaum war die Entlassung von Christoph Mörgeli am 21. September beschlossen, geisterte diese Satire durchs Internet. Urheber der Karikatur: die Werbeagentur «Feinheit», die auch gelegentlich Auftrage für die Uni Zürich übernimmt. Es gibt es nicht mehr den klitzekleinsten Zweifel: Die Uni Zürich entlässt Christoph Mörgeli und stellt ihn per sofort frei. Das Arbeitsverhältnis wird unter Einhaltung der sechsmonatigen Kündigungsfrist per 31. März 2013 aufgelöst, wie die Universitätsleitung mitteilt. Zuvor hatte sie Mörgeli noch rechtliche Gehör gewähren müssen. Christoph Mörgeli will Rektor der Universität Zürich werden, wie er an einer eigens einberufenen Pressekonferenz verkündet. Mörgeli verlangt vor dem Zürcher Verwaltungsgericht, dass Uni-Rektor Andreas Fischer bei seiner definitiven Entlassung am 28. September hätte in den Ausstand treten, weil er sich bereits im Vorfeld zum Thema geäussert hatte. Bekommt Mörgeli Recht, wäre seine Entlassung nicht rechtens. Die «Rundschau» erhebt neue Vorwürfe gegen Christoph Mörgeli: Dieser soll zusammen mit Beat Rüttimann, dem langjährigen Direktor des medizin-historischen Instituts der Uni Zürich, zwischen 1994 und 2012 mehrere Dissertationen einfach durchgewunken haben. Laut einem anonymen Informanten der «Rundschau» genügte es, Texte zu übersetzen. Die Uni Zürich (Bild) will die neuen Vorwürfe gegen Mörgeli und Rüttimann untersuchen. Mörgeli seinerseits verkündet am 31. März, er werde gegen das Schweizer Fernsehen rechtliche Schritte einleiten. Am 10. April schaltet sich die «Weltwoche» ein: Der Informant der «Rundschau» sei ein Zahnarzt ohne Doktortitel, der als Doktorand bei Christoph Mörgeli kläglich gescheitert sei. Das SRF wiederum bezeichnet die Behauptung umgehend als «Falschmeldung»: Bei ihrem Informanten handle es sich «definitiv nicht um den von der Weltwoche genannten Zahnarzt». Die Universität entlässt die stellvertretende Leiterin des Medizinhistorischen Instituts, Iris Ritzmann. Sie soll der Presse vertrauliche Informationen zugespielt haben. Die Betroffene bestreitet die Vorwürfe. Andreas Fischer, der Rektor der Uni Zürich, gibt sein Amt per sofort ab. Otfried Jarren wird interimistische Rektor der Universität Zürich. Gutachter Heinrich Koller, ehemaliger Direktor des Bundesamtes fuer Justiz, bestätigt die Kündigung von Titularprofessorin Iris Ritzmann.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Ermittlungen im Falle der Affäre Mörgeli kommen voran. Konkret stehen zwei Mitarbeiter des Medizinhistorischen Instituts der Uni Zürich im Fokus. Die Universität hat die beiden freigestellt. Sie stehen im Verdacht, zwei geheime Berichte über das von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli geleitete Museum weitergegeben zu haben. Laut Staatsanwaltschaft hatten die beiden offenbar von Amtes wegen Zugang zu den Berichten.

Bei einer der Verdächtigen handelt es sich um die stellvertretende Leiterin des Instituts, wie 20 Minuten Online weiss. Damit bekommt der Vorwurf Mörgelis neue Nahrung, dass er Opfer einer institutsinternen Mobbing-Kampagne sei. So haben die bisherigen Ermittlungen auch den Institutsleiter und Mörgelis Chef, Flurin Condrau, noch nicht entlastet. Wie der zuständige Staatsanwalt Andrej Gnehm sagt, könnten die Ermittlungen noch auf weitere Institutsmitarbeiter ausgeweitet werden.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen steht auch die vorübergehende Amtsniederlegung Condraus. Er habe die Universitätsleitung darum ersucht, die Institutsleitung temporär abzugeben, heisst es in einer Mitteilung von Montag. Der offizielle Grund: die derzeit schwierige Situation, dass Strafverfahren gegen Mitarbeiter laufen. Bis Ende des Frühjahrssemesters 2013 ist eine Vertretung gefunden. Condrau wird weiterhin in der Forschung und Lehre tätig sein.

Eine Nacht in Haft verbracht

Ob die beiden Mitarbeiter geständig sind, wollte der zuständige Staatsanwalt Andrej Gnehm auf Anfrage der SDA nicht bekannt geben. Sie wurden am 14. und 15. November befragt, nachdem an ihrem Wohn- und Arbeitsort Hausdurchsuchungen durchgeführt worden waren. Sie wurden eine Nacht wegen Verdunklungsgefahr in Haft genommen.

Die beiden stehen im Verdacht, das Amtsgeheimnis verletzt zu haben, indem sie den Akademischen Bericht 2011 und den Bericht der internationalen Expertenkommission an die Medien weitergegeben haben. Diese Unterlagen brachten die Affäre Mörgeli ins Rollen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 19.11.2012 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die Leute müssen sich keine Gedanken...

    machen. Die Staatsanwaltschaft ist so unfähig ( siehe z.B. Hells Angels Prozess ), dass sich kaum etwas ergeben wird und falls doch, wird wahrscheinlich ein Verfahrensfehler passieren.

    einklappen einklappen
  • P.Bollschweiler am 19.11.2012 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Mörgeli

    Jeden Tag Mörgeli zum Zmörgeli,wird langasam langweilig

    einklappen einklappen
  • schweizer am 19.11.2012 16:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    so schön...

    .., dass man einfach die mitarbeiter jetzt beschuldigt. denn jetzt können die armen reichen sich wieder in szene setzten und bekommen alles! ich hoffe, dass es hier nicht um ein machtspiel geht der zwei typen mit dem grinsen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Werner am 20.11.2012 07:26 Report Diesen Beitrag melden

    Bildungsdirektion

    Dem Bildungsdepartement ZH sei empfohlen, der Ausstandsregelung, sowie auch der strikten Gewaltentrennung und den unabhängigen Untersuchungen auch in der Praxis nachzuleben!

  • Pedro am 20.11.2012 03:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Welt

    Die ganze Welt steht Kopf! Und wir Schweizer haben so scheint mir nur ein Problem! Der Fall des Herrn M. Uns geht es doch schon gut!

  • Oliver am 19.11.2012 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    Whistleblower

    ich möchte jetzt mal eines von den kommentierern hier wissen: warum sind die beiden MA whistleblower? definition: Informant, der Missstände wie illegales Handeln (z.B. Insiderhandel und Menschenrechtsverletzungen) oder allgemeine Gefahren an die Öffentlichkeit bringt. Und was für Missstände sollten jetzt die MA an die Öffentlichkeit gebracht haben?

  • Sämi Huber am 19.11.2012 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Whistleblowing...

    Interessant: Whistleblowerinnen im ZH-Sozialdepartement werden von SVP-Seite heroisiert. Allfällige Whistleblower von der Uni ZH werden inhaftiert...

  • BeBa am 19.11.2012 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine unrühmliche Angelegenheit

    Die Gerechtigkeit soll ermittelt werden! Dass ehemalige ArbeitskollegInnen involviert sind gibt einem schon zu denken! Wieso konnten die nicht an einen Tisch sitzen und miteinander die Ungereimtheiten bereinigen! Aber eben, wenn man die Mitarbeiter hinten durch schlecht macht wird von den eigenen Schwächen abgelenkt.