Missbrauch?

23. September 2017 20:08; Akt: 23.09.2017 20:08 Print

«Verbiete meiner Tochter ein Praktikum zu machen»

von D. Pomper - Praktikanten würden mit Dumpinglöhnen gestandenen Arbeitnehmern den Job streitig machen, sagt eine Betroffene. Arbeitgeber halten dagegen.

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Cornelia D.* aus dem Kanton Bern ist sauer. Nach vielen Kurzzeiteinsätzen und Kündigungen hatte die 52-Jährige endlich eine Teilzeitstelle in einer Bäckerei gefunden. In der Stunde verdiente sie 20 Franken. Im Sommer aber sei dann die Überraschung gekommen. «Viele Maturaabgängerinnen wollten einen Job oder ein Praktikum, ein bisschen schnuppern, Arbeitserfahrung sammeln. Alles gut, dachten wir, endlich kommt in den Sommermonaten Hilfe», schreibt sie in der Unia-Gewerkschaftszeitung «Work» in einem Leserbrief.

Aber: Die jungen Frauen hätten mit 16 Franken Stundenlohn unter ihrem Stundenansatz gearbeitet. «Wir durften zu Hause bleiben. Das Monatseinkommen war nicht mehr garantiert – für einige von uns ein grosses Problem.» Auch die jungen Frauen hätten von diesem Lohn nicht leben könnten. Ihre Eltern hätten für sie weiterhin die Krankenkasse bezahlt. «Dafür leisteten sich einige ein ‹Reisli› auf ferne Kontinente für Sprachaufenthalte.»

«Besser eine Lehre machen als ein Praktikum»

D. findet: «Wir Eltern sollten den Jungen vor Augen halten, welche schädlichen Nebenwirkungen gewisse Jobs und Praktika haben.» Deshalb hat die Bernerin ihrer Tochter, die gerade die Matura gemacht hat, verboten, ein Praktikum anzunehmen. Wer nicht wisse, was studieren, solle in der Zwischenzeit besser eine Lehre machen.

Für die Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener ist der Fall klar: «Es ist nicht akzeptabel, dass Arbeitgeber Praktikanten als Billigarbeiter einsetzen und so Kosten sparen und Lohndumping betreiben.» Sie rät Betroffenen, sich in solchen Fällen an die Gewerkschaften zu wenden. Generell sollen keine Praktikumsverträge abgeschlossen werden, die keinen Ausbildungszweck beinhalten.

Laut Ziltener nimmt das Thema ‹prekäre Arbeitsbedingungen während Praktika› zu. Einerseits müssten Jugendliche vermehrt schon vor einer Lehre Praktika absolvieren, etwa in Kindertagesstätten. Oder Studenten müssten sich nach Abschluss von Praktikum zu Praktikum hangeln.

«In der Schweiz gibt es keine ‹Generation Praktikum›»

Nehmen Praktikanten gestandenen Arbeitnehmern mit Dumpinglöhnen den Job weg? Fredy Greuter vom Schweizerischen Arbeitgeberverband verneint. «In der Schweiz gibt es – im Gegensatz zu anderen Ländern – keine «Generation Praktikum». Hierzulande würden Praktika den Weg zu einem unbefristeten Arbeitsverhältnis ebnen. «Ziel der Arbeitgeber ist es nicht, mittels Praktikanten Kosten einzusparen», sagt Greuter.

Für ein gelungenes Praktikum müssten im Urteil des Schweizerischen Arbeitgeberverbands Dauer und Ausbildungsziele des Praktikums festgelegt werden. Ein Praktikum dauere häufig zwischen drei und zwölf Monaten. Der Praktikant sollte von einer Ansprechperson betreut werden und habe Anrecht auf ein Zeugnis. Das Kontrollsystem gegen Missbräuche, das auch von den Sozialpartnern getragen wird, funktioniere nachweislich. So könnten in Gesamtarbeitsverträgen Lohnniveaus vorgegeben werden. «Unabhängig davon kontrollieren kantonale Aufsichtsbehörden regelmässig, ob die Löhne in den Unternehmen branchen- und ortsüblich sind», sagt Greuter. Von diesen Kontrollen seien Praktika nicht ausgeschlossen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MU am 23.09.2017 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Pflegefachfrau

    Oh doch...ich arbeite in der Pflege und Ziel der Praktikumsstellen ist es bei uns ganz klar, Geld einzusparen.

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  • anerom am 23.09.2017 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausbeutung

    für mich ist das ganz klar Ausbeutung. kein Wunder haben wir immer mehr Erwerbslose, vor allem ab Ü40. Einfach nur traurig und bedenklich.

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  • ehemalige KiTa Leitung am 23.09.2017 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Fredy Greuter verbiegt die Realität

    Natürlich wird mittels Praktikanten an Lohnkosten gespart und dies insbesondere in sozialen Berufen. Die Arbeitszeiten und die Löhne der Praktikanten sind extrem unfair, allerdings ist es auch Tatsache, dass viele Praktikanten wirklich keine Ahnung von der Arbeitswelt haben und eher unzufriedenstellende Arbeit leisten. Dies ist aber gerade in den sozialen Betrieben vollkommen egal, da es lediglich darum geht, den Personalschlüssel zu erfüllen und dies möglichst günstig. Dass die wenigsten Praktikumeinsätze zu einer Festanstellung oder Lehre führen ist ebenso Tatsache.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sina, 23 am 24.09.2017 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragliche Aussage

    Ist es wirklich so verkehrt, dass Maturanden kein Zwischenjahr machen, in dem sie etwas Geld verdienen und Arbeitserfahrung sammeln? Sonst gibt es immer den Vorwurf "man sei als Kantischüler ja sowieso nur ein theoretischer Akademiker, der im Praktischen nicht weiss wie anpacken" Ausserdem ist es bei vielen Betrieben auch so, dass eben diese Praktikanten dem restlichen Personal eine Last von den Schultern nehmen, weil sie der Grund dafür sind, dass die anderen keine Überstunden machen müssen. Und wie sollte ein junger Mensch lernen mit Geld umzugehen, wenn er nie sein eigenes verdient?

  • Ehemaliger Praktikant (Pflege) am 24.09.2017 19:25 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Gesellschaft....

    Ich habe mich über ein Jahr dreist ausnutzen lassen um eine Ausbildung im "sozialen" Bereich zu ergattern. Dabei durfte ich auf Zahnarzt, Ferien, Auto, Ausgang, neue Kleider wie auch Möbel verzichten. Es gab nicht einmal notwendiges zu ersetzten. Velo kaputt, laufen... Leider auch schwarzfahren. Zum Glück half mir mein Bruder beim essen. Es hiess Miete zahlen, KK zahlen, Militär Abgaben, Steuern, pleite. Meine erster Beruf, weitestgehend wegrationalisiert. Das staatliche Diplom nett anzusehen, jedoch unnütz. Die Menschen (ob jung ob alt), entwertet. Schöne Gesellschaft. Ich, eine Ausnahme....

  • Elmar M am 24.09.2017 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Firmen tun alles für de Erfolg

    Ich durfte/musste in meinem Leben leider schon sehr viele Praktikanten einstellen, welche eine ehemals Festangestelltenposition ersetzten.. Firmen tun alles, um den Shareholder zu befriedigen.

  • Spatz am 24.09.2017 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht erst seit heute

    Das wird nicht nur in der Pflege praktiziert, sondern auch in gewissen Warenhausketten. Nur Praktikant oder nur 50% Job, keine Pensionskassenbeiträge, die der Arbeitgeber übernehmen müsste.

    • Kanone am 24.09.2017 23:10 Report Diesen Beitrag melden

      @Spatz

      Wie kommst du darauf ein Praktikum und eine 50% Stelle zu vergleichen? Das ist ja ein absolut stumpfsinniger Vergleich... Und Pensionskassenbeiträge bemessen sich nicht an den Stellenprozenten, sondern am Jahreslohn. Also können auch Praktikanten Pensionskassenbeiträge erhalten. Bitte informiere dich erstmal...

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  • mik am 24.09.2017 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    immer die anderen

    Wenn du dein ganzes Leben ohne Weiterbildung verbracht hast und mt 50 durch einen ungelernten Praktikanten ersetzt werden kannst. Dann musst du nicht anderen die Schild geben sondern DIR selber!