Eis go zieh mit... Cédric Wermuth

31. Dezember 2014 12:27; Akt: 21.08.2015 09:33 Print

«Bundesrat? Das könnt ich der Familie nicht antun»

von Romana Kayser - Es tut sich so einiges im Leben von Cédric Wermuth. Abschlussprüfungen, Umzug, Baby. Beim Mittagessen mit 20 Minuten erzählt der SP-Nationalrat, was ihn antreibt, Nationalrat zu sein.

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Cédric Wermuth montiert sich leicht geniert eine grüne Serviette als Lätzli – wäre ja schade um das weisse Hemd. Die Szene hat etwas Belustigendes. Da sitzt der ehemalige Juso-Präsident, bekannt geworden als Provokateur, der sich vor laufenden Kameras einen Joint angezündet hat oder zu einer Hausbesetzung aufgerufen hat, und sorgt sich um Saucen-Flecken auf seinem Hemd.

Der SP-Nationalrat steckt mitten im Prüfungsstress. Ende März schliesst der «ewige Student», als der er von politischen Gegnern oft hämisch bezeichnet wird, sein Liz-Studium in Politikwissenschaften ab. Doch neben dem Parlamentsbetrieb ist die Zeit zum Lernen knapp. «Ich sollte mich endlich mal an die Literaturliste machen», sagt Wermuth seufzend. Aber erst wird gegessen. Hungrig gabelt er ein paar Knöpfli mit Sauce auf und erzählt von seinen politischen Anfängen.

«Ich hatte das Gefühl, ich bewege etwas»

Als 15-jähriger Kantischüler schrieb Wermuth einen Leserbrief. Darin regte sich er sich über einen Zeitungsartikel auf, der seiner Meinung nach die rechtsnationale Szene in seinem Wohnort, dem aargauischen Freiamt, völlig verharmloste. «Der Brief hat eine regelrechte Bewegung ausgelöst», erzählt der heute 28-Jährige. Er erhielt mehrere anonyme Drohanrufe und eines Nachts wurde sogar der Garten seiner Familie umgegraben. «Ich fühlte mich wahnsinnig toll damals», sagt der Aargauer, «ich hatte das Gefühl, ich bewege etwas.»

Der Leserbrief sollte den Startpunkt zu einer steilen politischen Karriere markieren. Mit 22 wurde der aufmüpfige Aargauer 2008 Präsident der Juso sowie Vizepräsident der SP Schweiz und seit 2011 sitzt er für die SP Aargau im Nationalrat. Das Gefühl, etwas verändern und bewirken zu können, prägt ihn bis heute. «Ohne diese Überzeugung hältst du es hier in Bern nicht aus», sagt Wermuth. Allein mit der parlamentarischen Arbeit wäre der umtriebige SP-Politiker in der nationalen Politik kaum glücklich. Wermuth schlägt sich nicht gern mit den «mühsamen Sitzungen» im Rat und den Kommissionen rum.

«Das Schöne am Nationalratsmandat ist, dass daneben sehr viel läuft und man viel herumkommt», sagt er. Unterschriften sammeln, Podiumsdiskussionen, Auftritte bei Schulklassen – das mache er alles viel lieber als an Sitzungstischen zu sitzen. Hauptsache, er sei unterwegs und bei den Leuten. Nationalrat sei aber auf jeden Fall der richtige Job für ihn, schiebt er schnell nach: «Es gibt wohl nicht viel, das ich besser könnte.»

«Meine Eltern hatten Angst»

Die Politisierung des jungen SP-Nationalrats begann schon früh im Elternhaus. Am Familientisch wurde stets viel über Politik diskutiert. Seine Mutter hatte sich in einer Atomstopp-Kampagne engagiert, sein Vater war in der SP und beide waren Mitglieder im Netzwerk Asyl. Sie hätten Wermuth stets dazu ermuntert, sich für die eigene Überzeugungen einzusetzen und sich zu wehren, wenn er etwas ungerecht findet.

Trotzdem waren Wermuths Eltern – im Gegensatz zu ihm – alles andere als begeistert von der Drohwelle, die sein Leserbrief damals im Freiamt ausgelöst hatte. «Sie hatten wirklich Angst.» Die Sache hatte sich bald wieder beruhigt, die Ambivalenz der Eltern aber blieb. Sie seien zwar sehr stolz auf seine politische Karriere, «gleichzeitig leiden sie mit, wenn ich öffentlich angegriffen werde oder etwas Schlechtes über mich geschrieben wird», sagt Wermuth. «Für meine Eltern ist es hart, dass sie in solchen Situationen nichts tun können.»

Wermuths Mutter ist in diesem Jahr verstorben. Er spricht viel von ihr. «Ich habe von meinen Eltern immer einen sehr starken Rückhalt verspürt», sagt er. «Das will ich meinem Kind auch mal mitgeben.» Schon bald wird der SP-Nationalrat die Rolle des elterlichen Beschützers selbst kennenlernen: Im Frühling wird er zum ersten Mal Vater. Er strahlt und freut sich auf das neue Abenteuer. Das sei aber noch «sehr weit weg». Bis zur Geburt ist Wermuths Programm dicht gedrängt: Liz-Prüfungen ab Januar und Frühlingssession im März. Und wenn das Kind mal da ist, steht auch noch der Auszug aus der 5er-WG und der Zusammenzug mit der Freundin an.

«Es ist gut, dass es ruhiger wird»

Studienabschluss, neue Wohnung, Familie: Es wird ruhiger in Wermuths Leben. «Das ist auch gut so, ich will Zeit für mein Kind haben», sagt er, «als Juso-Präsident wäre dies nicht möglich gewesen.» Seine Freundin, eine Lehrerin aus Luzern, wird nach der Geburt des Kindes weiter arbeiten und Wermuth will zwischendurch Hausmann sein. «Wir wollen kein klassisches Familienmodell», sagt der Nationalrat. Zudem hat er vor, sich neben dem Nationalratsmandat noch ein zweites berufliches Standbein aufzubauen. Was und ab wann, das wisse er aber noch nicht.

Wie wärs mit Bundesrat? Wermuth winkt entschieden ab: «Man muss auch seine Grenzen kennen.» Vor diesem Job habe er wahnsinnig Respekt. Ausserdem sei es unmöglich, als Bundesrat jemals etwas richtig zu machen. «Irgendjemand findet immer, was man da mache, sei das Hinterletzte», so Wermuth. Und fügt grinsend hinzu: «Das könnte ich meiner Familie nicht antun.»