Reportage aus Asylheim

20. Februar 2016 19:39; Akt: 21.02.2016 08:44 Print

«Besser einsam als im Gefängnis»

von Tanja Bircher - Flüchtlinge weigerten sich zunächst, in ein Heim im Val Müstair zu ziehen. Wie geht es ihnen heute? Eine Reportage aus der abgelegensten Asylunterkunft der Schweiz.

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Das Postauto kämpft sich die schneebedeckte Strasse hinauf. Immer wieder muss der Fahrer anhalten, das Steuer bis zum Anschlag drehen und langsam um die nächste Haarnadelkurve gleiten. Schneeräumfahrzeuge blockieren den Weg und zwingen den Bus mit nur einer Passagierin an Bord, die Geschwindigkeit zu drosseln. Als sich die Passstrasse bergab neigt, taucht ein grosses Schild am Strassenrand auf: Val Müstair.

Weitab von Stadtlärm und Strassenverkehr, umgeben von Wald und Bergen, liegt hier ein kleines Dorf: Valchava, tiefes Tal. Und in diesem Tal steht ein Haus namens Chasa Muntanella. Einst ein Ferienlager, heute ein Asylheim. Eines, das letztes Jahr schweizweit Schlagzeilen machte – weil die Flüchtlinge nicht einziehen wollten.

«Die schlafen lieber»

«Papa Braun ist nicht hier», sagt ein junger Mann, während er barfuss die Holztreppe hinunter rennt. Betreuerin Marie-Theres Tschenett steht am Eingang und schaut verzweifelt: «Wo ist er?» Der Eritreer zuckt mit den Schultern. «Nicht hier.» Ein lautes Blubbern dringt aus dem Aufenthaltsraum nebenan. Zwei Syrer sitzen vor geöffnetem Fenster und rauchen Wasserpfeife. Ansonsten herrscht Stille.

45 Asylbewerber leben derzeit in der Chasa Muntanella. 13 Frauen und 32 Männer. Syrer, Iraker, Afghanen, Somalier, Äthiopier, ein Nigerianer und vor allem Eritreer. Die meisten schlafen noch. An der Tür zum Aufenthaltsraum hängt ein Zettel: «Mittwoch. 10 bis 11 Uhr: Deutsch üben.» Es ist 10.15 Uhr. Doch abgesehen von den Shisha rauchenden Männern ist der Raum leer. «Seit Anfang Jahr ist es immer wieder dasselbe», sagt Tschenett. Sie habe sich freiwillig gemeldet, um mit den Asylbewerbern Deutsch zu üben. «Aber die tauchen einfach nicht auf, sie schlafen lieber, und jetzt ist nicht mal der Werner hier.»

Vier Lehrer unterrichten Deutsch

Nach einer Viertelstunde hastet ein grosser Mann mit einem Plastiksack in der Hand zum Eingang. «Hallo», sagt er aufgestellt. «Sorry für die Verspätung, ich wurde aufgehalten.» Dann erblickt Werner Braun, der Betreiber des Asylheims, die wartende Frau. Tschenett geht auf ihn zu. «Es ist wieder keiner gekommen. Die schlafen alle noch. Das ist respektlos mir gegenüber.» Braun grinst: «Wir verlegen den Kurs wohl besser auf den Nachmittag, die haben halt einen anderen Rhythmus.»

Tschenett komme hin und wieder als Lernhilfe vorbei, sagt Braun. Deutsch lernten die Flüchtlinge aber bei vier ausgebildeten Lehrern. «Und diese Kurse sind gut besucht, zehn bis 15 kommen immer.»

Braun geht jetzt in den oberen Stock und stellt sich vor die Tür des Frauen-Schlafraums: «Ufstah, hopphopp. Jetzt ist fertig geschlafen», ruft er laut. Nichts passiert. «Heimatland, ufstah, hani gseit.» Nach ein paar Minuten schlurfen zwei Frauen, sich die Augen reibend, aus der Tür. «Also, gaht ja», sagt Braun und geht aus dem Raum. Kaum ist er ausser Sichtweite, drehen sich die Frauen wieder um und schleichen zurück ins Bett.

«In einem Krachen verlochen»

«Hier nicht gut», sagte einer der jungen Eritreer damals Anfang Dezember bei der Eröffnung des Asylheims. Was sie denn hier sollten, diese Unterkunft sei viel zu abgelegen. Es gebe keinen Aldi, protestierten andere.

«Die Geschichte wurde falsch erzählt», sagt Braun heute. Die Flüchtlinge seien durch den Vereina-Tunnel angereist, was sie völlig verstört habe. Von Sagliains nach Zernez stünden zudem kaum Häuser, das Dorf sei klein und auf dem Weg zum Asylheim gebe es eigentlich nur noch Bäume. «Sie dachten, die Schweiz wolle sie irgendwo in einem Krachen verlochen.» Mittlerweile habe sich die Situation aber beruhigt, die Flüchtlinge seien zufrieden und fühlten sich wohl.

Coiffeur, Diktator und Papa Braun

«Ja, ich bin glücklich, so unendlich glücklich», sagt Samson, 23, Eritreer. «Wir wollen Frieden. Den haben wir hier.» Aber er habe Angst, keine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Erst sechs hätten bis jetzt einen B-Ausweis. Er zeigt auf ein Poster an der Wand mit Fotos aller Bewohner. Er wolle arbeiten, am liebsten als Coiffeur in St. Moritz. «Hier gibt es nichts», sagt Samson. «Wir schlafen und essen nur.»

Er zittert, wenn er von seiner Heimat spricht. Seine Zähne schlagen aufeinander und er knetet die Hände. In Eritrea herrsche Diktatur. «Zu viel Gefängnis. Weisst du, was Gefängnis ist?» Er legt seine Handgelenke übereinander. «Ich will nicht zurück. Ich glaube nicht, dass ich dort überleben würde. Der Präsident von Eritrea hat keinen Kopf, behandelt uns wie Schafe. Diktator, Diktator, Diktator!» Ganz anders sei da Papa Braun. «Er ist der Beste, wie mein Vater.»

«Gottvergessen die Kappe waschen»

Braun steht im Türrahmen des Büros, ein Fuss draussen, einer drin. «Einem jungen Mann ist jetzt gerade die Mutter gestorben, ich bin mit ihm ins Kloster gegangen, damit er eine Kerze anzünden konnte.» Etwas sei heute im Busch. Irgendwie verhielten sich einige seltsam. «Ich muss der Sache jetzt nachgehen, aber vorsichtig.»

Es sei nicht einfach. Er wisse ja, was die durchgemacht hätten, mit dem «Scheiss-Krieg» überall und der Flucht. Viele seien durch die Hölle gegangen. «Die tun einem leid. Aber ich muss hart sein, damit die Hütte sauber gemacht wird. Sonst pennt die Sache ein.» Er klopfe manchmal schon auf den Tisch, nachtragend sei er aber nicht. «So kommen sie auch zu mir, wenn sie ein Problem haben.» Er habe es gut mit ihnen, auch wenn er ihnen hin und wieder «gottvergessen die Kappe wasche».

Das passiere vor allem dann, wenn er sehe, dass sich die Männer wie Paschas aufführten und sich von den Frauen bedienen liessen. «In diesem Haus werden keine Frauen ausgenützt. Sonst rauschts», sagt Braun. Er erkläre ihnen dann, dass ein solches Verhalten in der Schweiz nicht geduldet werde. «Dann fragen sie mich aus, wollen mehr wissen über unsere Kultur.»

«Ich lasse nicht los»

Das sei wichtig. Die ganze Idee hinter dem, was er tue, sei, sie auf das Leben hier vorzubereiten. Wenn einer einen B-Ausweis bekomme, werde er von einem Hilfswerk in irgendeine Wohnung verlegt, je nachdem auch in ein Mehrfamilienhaus. «Ich muss ihnen vorher beibringen, wie man putzt, kocht, die Wohnung pflegt und dass man den Fernseher nur in Zimmerlautstärke laufen lassen darf», sagt Braun. Sie sollten schliesslich ohne Schwierigkeiten über die Runden kommen.

Er sei gegen Strafen. «Deswegen kommen wir hier nur in ganz kleinen Schritten vorwärts. Aber ich lasse nicht los.» Das Schöne sei, dass sich die Flüchtlinge ausserhalb des Hauses hervorragend verhielten. «Sie grüssen, sind höflich und zuvorkommend.» Die Leute im Dorf würden sich immer freuen, wenn ihnen ein Bewohner der Chasa Muntanella begegne.

Sechs Frauen unten, sechs Frauen oben

Die Eritreerin Hana sitzt mit zwei Landsleuten an einem runden Tisch im oberen Stock. Alle drei starren auf ein Smartphone. Dem Klang nach läuft darauf ein brutales Video. Hana wirkt schüchtern, spricht leise und schaut streng. «Wir schlafen zu zwölft in einem Zimmer, sechs Frauen unten und sechs Frauen oben. Das ist zu viel.» Sie habe nichts zu tun: «So langweilig.» Die 22-Jährige ist seit fünf Monaten in der Schweiz. Über ihre Reise hierher spricht sie nicht gern. Sie zählt nur auf: «Eritrea, Äthiopien, Sudan, Libyen, Italien. Mit Boot, viele Menschen, alle hatten Angst. Aber was können wir machen?»

Ihren Mann habe sie in Äthiopien lassen müssen, weil er krank geworden sei. «Ich habe keine Freunde hier, ich bin einsam und vermisse meinen Mann.» Zurück wolle sie aber nicht. «Never. Besser einsam als im Gefängnis.»

Otto von Bismarck, Vasco da Gama, Joseph Greenberg

Langsam zotteln immer mehr Flüchtlinge aus ihren Schlafsälen. Es ist 11.30 Uhr. Drei Männer mit dicken Wintermänteln, Mützen und Handschuhen schwingen grosse Schneeschaufeln auf dem Eingangsweg. Ale, 26 Jahre alt, Nigerianer, hebt mit der Schaufel ein wenig Schnee auf und lässt ihn auf der anderen Seite des Wegs wieder fallen. Ihm sei langweilig, beschwert auch er sich. «Kein Bahnhof, wo man Leute treffen kann, kein gar nichts.»

Er wolle keine Drogen dealen, sagt er. «Wirklich, auch wenn das viele andere Nigerianer tun. Das will ich nicht.» Aber hier sei einfach nichts los. Er arbeite deswegen extra langsam, damit er länger beschäftigt sei.

In der Küche wird jetzt Reis gekocht. Im oberen Stock wuseln Männer und Frauen hin und her. Ibrahim, 18, Somalier, sitzt am Tisch im Aufenthaltsraum und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Im Hintergrund läuft ein Videoclip im Fernsehen in ohrenbetäubender Lautstärke. «Kennst du Otto von Bismarck? Kennst du Vasco da Gama?», schreit er über die Musik hinweg. «Kennst du Joseph Greenberg? Er hat die afrikanischen Sprachen in vier Gruppen eingeteilt: Afroasiatisch, Niger-Kongo, Nilosaharanisch und Khoisan.» Jedes Wort zählt er an einem Finger ab.

Er spricht gut Englisch und benutzt schwülstige Formulierungen. «Regarding this proposition, I would ask you to listen.» Er lese viel, ihn interessiere vor allem die europäische Geschichte. «Kennst du den Versailler Vertrag?»

«Es blutet? Wirklich? Wieso?»

Ibrahim möchte zurück ins Asylheim nach Chur. Dort habe er in einem Fussballclub gespielt. «Der Trainer hat mich gefragt, ob ich weiterkommen wolle.» Aber er habe ja kein Ticket und der Weg sei so weit. Sein Traum sei, professioneller Fussballer zu werden – oder Lehrer. «Aber das ist alles viel zu unwahrscheinlich, ich darf mir keine falschen Hoffnungen machen.»

Zwei weitere junge Somalier kommen mit einem Teller Reis an den Tisch. Sie sprechen über Frauen, über Liebe und das Single-Dasein. «Und du, hast du einen Freund?», wollen sie wissen. «Und du wohnst mit ihm zusammen, obwohl ihr nicht verheiratet seid?» Die drei schauen sich vielsagend an und schütteln den Kopf. Sie selber seien alle noch Jungfrauen, beteuern sie. «Sex erst nach Heirat», sagt Ibrahim. Er wolle aber gern wissen, wie das denn sei. Dass das erste Mal für eine Frau schmerzhaft sein kann, schockiert die jungen Männer. «Es blutet? Wirklich? Wieso?»

Mit Sandalen ohne Socken im Schnee

Dann folgen Fragen über Fragen: Was der Mann denn tun müsse, damit die Frau es geniessen könne? Wie man in der Schweiz mit seinem Freund zusammenleben könne, ohne verheiratet zu sein? Wie wichtig guter Sex für eine Beziehung sei und ob man das auch während der Ehe noch lernen könne?

Es ist 14 Uhr. Im Aufenthaltsraum dröhnt noch immer der Fernseher. Zwei Somalier starren mit leeren Augen auf den Schirm und warten darauf, dass es Abend wird.

Das Postauto fährt an der Bushaltestelle Valchava cumün vor. Viele Sitze sind besetzt mit Wanderern und Skifahrern. Zwei Eritreer winken von der Strasse her zum Abschied. Einer trägt Sandalen ohne Socken und steht bis zu den Knöcheln im Schnee. Beide lachen und schlurfen einander schubsend zurück zur Chasa Muntanella.