«Melde verräterische Posts!»

20. Juli 2016 06:58; Akt: 24.07.2016 14:33 Print

Erdogan-Anhänger jagen Kritiker in der Schweiz

von D. Pomper - Erdogan-Anhänger rufen in der Schweiz auf Facebook dazu auf, Regimekritiker zu melden. Ein Betroffener spricht von einem «Klima der Angst».

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Auf Facebook kursiert unter Türken in der Schweiz folgender Post: «Wir werden gemeinsam die Höhlen der Parallellen und Putsch-Symathisanten stürmen. Wer möchte denn die terroristischen Landesverräter nicht anzeigen? Europa, bleib nicht stehen! Wollt ihr die Terroristen nicht rauskotzen! Melde die verräterischen Posts an folgende E-Mail-Adressen. In der Türkei wird man auf sie waren, um sie auf besondere Art und Weise willkommen zu heissen. Melde sie um ihnen die Grenzen aufzuzeigen! Und ihre Zungen zu drosseln!! PS: Melde die schweren Fälle direkt bei mir. Diese erwartet in der Türkei eine besondere Behandlung.» Terroristische Tätigkeiten auf Social Meida können Sie hier melden. Auf einem weiteren Post wird die Schliessung einer Schule gefordert, die von Gülen-Anhängern im Jahr 2009 in Zürich gegründet wurde. Auf dem Post ersichtlich sind ein Foto der Schule, die Adresse und die Telefonnummer. Die Überschrift: «Das ist eine Gülen-Schule in der Schweiz. Man sollte sie sofort schliessen. Wer hier seine Kinder zur Schule schickt, sollte sofort damit aufhören. Vertraut der Schule nicht eure Kinder an ...» In der Türkei werden Putsch-Sympathisanten massiv gejagt. Gewalt auf der Bosporus-Brücke: Anhänger des türkischen Präsidenten schlagen auf Soldaten ein (16. Juli 2016). Es gibt Berichte über misshandelte und sogar gelynchte Soldaten. Putschgegner umzingeln die Soldaten. Rufe wie «Gott ist gross!», «Ungläubiger!» und «Krepier!» waren laut Berichten zu hören. Ein Regierungsanhänger nimmt seinen Gürtel und schlägt Soldaten. Die dem Militär nahestehende Zeitung «Sözcü» berichtete, ein aufgebrachter Mob habe einem Soldaten in Istanbul die Kehle durchgeschnitten. Regierungskreise bestätigten den Bericht zunächst nicht. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte seine Anhänger in der Nacht auf Samstag dazu aufgerufen, auf die Strasse zu gehen und gegen den Putsch zu protestieren. Mehrere Männer treten auf einen Man am Boden ein. Auch Medienvertreter wurden angegriffen. Rund 6000 Menschen wurden inhaftiert. Um sie zu demütigen, wurden einige von ihnen am Ort ihrer Verhaftung gezwungen, sich auszuziehen. Erdogan liess verlauten, dass die Putschisten einen sehr hohen Preis zahlen würden. Sämtliche Oppositionelle aus den Reihen des Militär würden entfernt. Bereits wurden 2745 Richter im ganzen Land abgesetzt. Diese Soldaten haben sich ergeben: Helme, Gewehre und Uniformen liegen auf der Strasse. Ministerpräsident Binali Yildirim denkt schon laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe ein. Erdogan-Anhänger freuen sich über den missglückten Putschversuch. «Wir können nicht ausschliessen, dass jene, denen nun auch das Gefängnis droht, in der Schweiz oder einem anderen europäischen Land Asyl beantragen werden», sagt die grüne Nationalrätin Sibel Arslan. Doris Fiala, links, und Ruedi Noser, rechts, Nationalräte des Kantons Zürich, an einer Medienkonferenz anlässlich ihrer gemeinsamen Wahlkampagne in Zürich am Mittwoch, 19. August 2015. (KEYSTONE/Walter Bieri ) Andreas Glarner, Asyl-Verantwortlicher der SVP, sieht die Schweiz nicht in der Pflicht, bedrohten Türken Asyl zu gewähren: «Erdogan wurde demokratisch gewählt. Wer ihn wegputscht, der gehört eingebuchtet.» Dass der eine oder andere unschuldig im Gefängnis lande, sei möglich. Aber das sei dann halt so. Er wolle sich nicht in die innenpolitischen Diskussionen der Türkei einmischen. Glarner betont: «Wir müssen den Ärmsten dieser Welt Asyl in der Schweiz bieten. Denjenigen, die nichts dafür können, dass sie an Leib und Leben bedroht sind - und nicht Soldaten, die selber für ihr Schicksal verantwortlich sind.»

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht weltweit Jagd auf seine Kritiker. Auch in der Schweiz rufen seine Anhänger auf Facebook und auf Whatsapp dazu auf, Regimekritiker zu melden.

«Wir werden gemeinsam die Höhlen der Putsch-Sympathisanten stürmen. Wer möchte diese terroristischen Landesverräter denn nicht anzeigen? Melde die verräterischen Posts. In der Türkei wird man auf sie warten, um sie auf besondere Art und Weise willkommen zu heissen.» (Ganze Übersetzung siehe Box) Es folgen E-Mail-Adressen des türkischen Sicherheitsministeriums. Auf einem weiteren Post wird die Schliessung einer Schule gefordert, die im Rahmen der Gülen-Bewegung im Jahr 2009 in Zürich gegründet wurde. Auf dem Post ersichtlich sind ein Foto der Schule, die Adresse und die Telefonnummer. Darüber steht unter anderem: «Wer hier seine Kinder in die Schule schickt, sollte sofort damit aufhören.» Auf einem inzwischen gelöschten Post hiess es: «Wir werden Gülenisten auch in der Schweiz jagen.»

«Türkische Hexenjagd in der Schweiz»

Der Prediger Fethullah Gülen ist türkischer Staatsfeind Nummer eins. Erdogan wirft ihm vor, hinter dem Putschversuch zu stecken. In der Türkei hat Erdogan am Montag 15'200 Bildungsbeamte suspendiert, weil er ihnen Verbindungen zu Gülen vorwirft.

Ein besorgter Bürger, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, hat die Facebookposts bereits der Kantonspolizei Zürich gemeldet. «Die türkische Hexenjagd hat nun auch in der Schweiz begonnen», sagt er. Erdogan-Kritiker würden in der Schweiz via E-Mail oder Facebook persönlich kontaktiert. Man drohe ihnen, sie der türkischen Regierung zu melden. Unter Regime-Kritikern herrsche ein Klima der Angst. Kaum jemand traue sich, die Entwicklungen in der Türkei noch kritisch zu kommentieren. Niemand wolle Probleme haben, wenn die Familie in der Türkei besucht werde. «Wir wissen nicht, was uns hier passieren kann. Denn das, was in der Türkei gepredigt wird, findet auch unter vielen Türken in der Schweiz Anklang.»

Angriffe auf Gülen-Anhänger in ganz Europa

Auch in Deutschland gibt es laut dem Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland, Ali Toprak, eine Kampagne von Erdogan-Anhängern und seiner Partei AKP, beleidigende Beiträge der türkischen Cyberpolizei zu melden. Toprak spricht von Denunziantentum.

Noch am Montag hatte der Präsident der Türkischen Gemeinschaft Schweiz, Kahraman Tunaboylu, gegenüber Radio SRF gesagt, er glaube nicht, dass die Lage auch hierzulande eskalieren könnte. Er verspüre keine Unruhe unter seinen Landsleuten in der Schweiz. Auf die hetzerischen Facebook-Posts angesprochen, sagt Tunaboylu: «Dazu möchte ich keine Stellung nehmen.»

Gülen-Anhänger stehen in verschiedenen europäischen Ländern unter Beschuss. In Deutschland und in Italien wurden am Wochenende Lokale der Gülen-Bewegung angegriffen. In Belgien stehen Gülen-Anhänger unter Polizeischutz.In den Niederlanden ist der lange Arm Erdogans ebenfalls spürbar, schreibt «Der Westen». In einem E-Mail bittet das türkische Konsulat Vertreter von türkischen Organisationen und Vereinen, an eine offizielle E-Mail-Adresse all jene zu melden, die sich über die Türkei oder das türkische Volk im Allgemeinen und den «geehrten Präsidenten» abfällig oder beleidigend äussern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ich am 20.07.2016 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    geht gar nicht

    Diese Stasi Methoden müssen mit aller Entschiedenheit bekämpft werden, wir dürfen auf keinen Fall zu lassen, das fremde kämpfe auf Schweizer Boden ausgetragen werden.

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  • amarone am 20.07.2016 07:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht bei uns

    Wenn diese Hetzjagd auch in der Schweiz Einzug halten sollte, würde ich die sofortige Rückführung der dafür verantwortlichen Personen in ihr Heimatland begrüssen. Extremisten wollen und brauchen wir bei uns nicht. Wir sehen leider täglich wohin das führen kann.

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  • pepe roncini am 20.07.2016 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmmm...

    Ich sag es nur ungern, aber liebe Erdogan Anhänger: wenn doch alles so gut ist, warum geht ihr dann nicht zurück in Eure so tolle Heimat? Spricht eigentlich nichts dagegen, aber rein gar nichts! Hier in der CH anders Denkende einschüchtern zu wollen geht gar nicht, sorry!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • sb am 21.07.2016 23:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    In der Schweiz darf von solchen Anhängern und anderen rein garnichts ausgerufen werden. Solche sind sofort an die Grenze zu stellen oder zu verhaften.

  • Polizist am 20.07.2016 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechtsstaat

    Wir leben hier in der Schweiz. Bei uns gilt die freie Meinungsäusserung. Dazu gehört auch, dass man Regierungen kritisch beäugen darf. Es kommt wie es kommen musste. Die Grundrechte aller Menschen werden durch diese Vorhergehensweise der Türkei mit Füssen getreten. Möchten wir wirklich, dass die Türkei freien Zugang zur EU und damit zu uns Erhält? Meine Badeferien in der Türkei sind definitiv gestrichen. Einen solchen Staat unterstütze ich nicht!

  • Urs Lanz am 20.07.2016 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ferien

    - wer jetzt noch in dieses Land in die Ferien verreist, sollte mal ein bisschen sein Tun hinterfragen

  • Escobar am 20.07.2016 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armes Land

    Erdogan wirde mit einem F16 Jet gejagt, klar. Ein F16 trifft ein Bierdeckel aus 50km und der will hier Märchen erzählen. Wacht auf

  • payassli am 20.07.2016 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diktatur

    Das macht jetzt aber alles schon etwas Angst. Auch die DDR nannte sich demokratisch. Bei Allah, pfeifft sie zurück.