Personenfreizügigkeit

05. Juli 2016 22:47; Akt: 05.07.2016 22:47 Print

Osteuropäer lösen deutsche Einwanderer ab

Der Bund hat den neuesten Bericht zur Personenfreizügigkeit veröffentlicht. Fazit: Mehr Arbeitskräfte aus Süd- und Osteuropa, tiefere Qualifizierung.

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Das Ja zum Brexit war für viele Kommentatoren ein Votum gegen die Personenfreizügigkeit. Auch in der Schweiz gerät das Prinzip, das EU-Bürgern eine freie Wahl des Arbeits- und Wohnorts erlaubt, zunehmend unter Druck. So will die SVP die Personenfreizügigkeit notfalls kündigen, falls das Parlament die Masseneinwanderungsinitiative nicht nach ihrem Gusto umsetzt.

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Personenfreizügigkeit – Segen oder Fluch für die Schweiz?
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Gestern nun veröffentlichte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) einen neuen Bericht dazu, welche Auswirkungen die Personenfreizügigkeit vergangenes Jahr auf den Schweizer Arbeitsmarkt hatte. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse:

Weniger Zuwanderer
Die Frankenstärke hatte Folgen für die Zuwanderung aus EU-Staaten: In den ersten fünf Monaten des Jahres wanderten fast ein Viertel weniger Menschen in die Schweiz ein als im selben Zeitraum des Vorjahres. 2015 war dieser Effekt allerdings erst schwach zu spüren.

Mehr Osteuropäer
Kamen in den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommen vor allem Zuwanderer aus Deutschland und nord- und westeuropäischen Ländern, entfielen letztes Jahr 65 Prozent auf Süd- und Osteuropa.

Leicht tiefere Qualifikation
Damit verbunden war ein leichter Rückgang der durchschnittlichen Qualifikation der Zugewanderten. Laut Seco kamen etwas weniger Studierte in die Schweiz als davor. Allerdings verfügen immer noch 55 Prozent der Zuwanderer über einen tertiären Bildungsabschluss.

Tiefere Löhne
Der Durchschnittslohn der Zuwanderer ist gesunken. Laut Seco liegt dies daran, dass die neuen Zuwanderer eher in Branchen, Berufen und Regionen mit tiefen Lohnniveaus arbeiteten. Im Zuge der Frankenstärke habe sich die Sorge um einen zunehmenden Druck auf die Löhne verschärft, heisst es im Bericht. Bei den Grenzgängern im Tessin und im Jurabogen haben sich die Befürchtungen teilweise bewahrheitet: Grenzgänger verdienten dort im Schnitt 6 Prozent weniger als ansässige Arbeitskräfte. Insgesamt sei das Lohnwachstum in der Schweiz in den letzten Jahren aber «robust» ausgefallen, heisst es.

«Es kommen nicht nur Fachkräfte»

Für SVP-Nationalrat Heinz Brand weisen die neuen Erkenntnisse darauf hin, dass sich die Personenfreizügigkeit in der Schweiz in eine problematische Richtung entwickelt. «Die Annahme, dass nur Fachkräfte kommen, war und ist eben falsch.» Die Verschiebung der Herkunftsländer der Immigranten in Richtung Süd- und Osteuropa werde der SVP und ihrer Kritik an der überbordenden Einwanderung in die Hände spielen, glaubt er.

SP-Nationalrat Eric Nussbaumer hingegen betont: «Es kommen immer noch vor allem qualifizierte Zuwanderer, aber in anderen Branchen.» Zudem sei nun aufgrund der Entwicklung des Arbeitsmarktes die Nachfrage nach Arbeitskräften aus dem Ausland gesunken. «Das zeigt, dass niemand einfach kommen kann. Die Zuwanderung ist eine Folge der Bedürfnisse in den Schweizer Wirtschaftsbranchen.»

Auch das Seco hält fest: «Die generell positive Bilanz in Bezug auf die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit bleibt weiterhin gültig.» Angesichts der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt müsse die weitere Entwicklung der Zuwanderung jedoch im Auge behalten werden. «Kritisch zu beurteilen» wäre nicht nur eine weitere Abnahme der durchschnittlichen Qualifikation der Einwanderer, sondern auch eine «hohe Zuwanderung in Branchen mit schlechten Beschäftigungsaussichten.» Aktuell seien dies Sektoren, die stark vom Frankenkurs abhängig sind.

(jh)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 2lbox am 05.07.2016 23:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweischneidiges Schwert...

    Die Personenfreizügigkeit ist einfach ein zweischneidiges Schwert. Die Gewinner: 1. die Migranten, die in den reichen Ländern viel mehr verdienen. 2. Die Inhaber/Aktionäre der Firmen, die aus einem grösseren Pool von Talenten auswählen können, und das erst noch günstiger. Die Verlierer: die Arbeitnehmer in den reichen Ländern, die grössere Konkurrenz und Lohndruck spüren. 2. die ärmeren Länder, die ihre ganze Elite verlieren. Welcher junge Arzt oder Ingenieur in Rumänien will schon für 300-400 Euro arbeiten, wenn er in DE/CH 8000 verdienen kann?

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  • löser am 05.07.2016 23:08 Report Diesen Beitrag melden

    Lösung

    Die Personenfreizügigkeit mit der EU ist sofort zu beenden. Stattdessen soll jedes Unternehmen klar den Bedarf für eine Fachkraft klar ausweisen müssen. Wenn der Bedarf da ist und kein Inländer gefunden werden kann, der die Anforderungen zu mindestens 90 % erfüllt, dann soll das Unternehmen auf der ganzen Welt suchen dürfen, nicht nur in der EU. Aber nur dann. Ist der Unternehmung der bürokratische Aufwand zu gross, um den Bedarf auszuweisen, dann hat die Unternehmung schlicht keinen wirklichen Bedarf.

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  • P.Meier am 06.07.2016 01:28 Report Diesen Beitrag melden

    Universität ist nicht gleich Universität

    Da werden Ausbildungen miteinader verglichen, die nicht gleichwertig sind. Ein Universitätsabschluss von einer Deutschen Universität ist um einiges höher einzustuffen, als von Rumänien, Bulgarien, Griechenland &co

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Beat Bachmann am 06.07.2016 14:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    einmal besetzt immer besetzt!!!!!

    ein arbeitsplatz der durch eine ausländische arbeitskraft besetzt wird, bleibt rund 30 jahre auch so besetzt. also rund 30 jahre unerreichbar für eine schweizerische arbeitskraft............

  • Ammon am 06.07.2016 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was nun?

    35'000 Einwanderer total weniger in d. 2. Jahreshälfte 2015 bis heute. Vielleicht sollte man das Wort 'Masse' einmal aus der Massen-Einwanderungsinitiative streichen. Denn von den noch einwandernden Personen decken fast 90% einen bestehenden Bedarf und sind qualifiziert bis hochqualifiziert. Sie sorgen für Wohlstand und AHV. Oder doch lieber rückwärts m. d. Wirtschaft?

  • K.Ritiker am 06.07.2016 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Brauchen wir noch mehr Fachkräfte???

    Mein Sohn mit eidg. Diplom findet seit über einem halben Jahr keinen Job! Auf welchem Stern lebt der BR und das SECO? Macht endlich den Hahn zu!!

    • Strupi am 06.07.2016 11:55 Report Diesen Beitrag melden

      @K.Ritiker

      Ja brauchen wir, schliesslich findet die Baubrache, die Gastronomie oder das Gesundheitswesen so viele Eidgenossen, wie es Edelmetalle am Strand gibt, also praktische keine. Traurig aber wahr. Oder möchten sie solche Zustände im Gesundheitswesen, dass man von Genf nach Zürich fahren muss um zum Arzt zu gehen zu können?

    • Serge am 06.07.2016 12:03 Report Diesen Beitrag melden

      @ K. Ritiker

      Ich musste sogar mit einem Uni Abschluss etwa ein halbes Jahr suchen, bis ich nach dem Studium eine Stelle gefunden habe. Hat sich aber gelohnt, heute bin ich ins mittlere Kader aufgestiegen und verdiene sehr gut. Also bloss nicht aufgeben! Ein halbes Jahr ist nichts, auf ein Leben gerechnet.

    • Tim am 06.07.2016 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Strupi

      Tja, ausgerechnet Genf... dort sind viele Zuwanderer angesiedelt, die auch einen Arzt aufsuchen - deshalb sind vermutlich Spitäler und Arztpraxen total ausgebucht, um als Schweizer einen Termin zu bekommen! Die Mär mit der Behauptung, dass sich durch die Personenfreizügigkeit NUR bestens (??) ausgebildete Zuwanderer in der Schweiz niederlassen, ist Lug und Trug!

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  • LaunederNatur am 06.07.2016 10:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Als nächstes...

    ...kommen die Asiaten. Die kamen nach Deutschland, als da die Osteuropäer abwanderten.

  • Rene W am 06.07.2016 10:24 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wieder

    Wie ich es schon vermutet habe: Wir vergraulen zuerst unsere Nachbarn und holen dann die Leute aus dem Osten. Haben wir schon mal getan, anscheinend will man nichts dazulernen

    • Mike am 06.07.2016 10:40 Report Diesen Beitrag melden

      Ost doch fast dasselbe

      Auch unser Nachbar kam zur grossen Mehrheit aus dem ehemaligen Osten.

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