Hinter der Maske

11. September 2014 12:11; Akt: 11.09.2014 17:12 Print

Wer ist Anonymous?

von Gabriel Brönnimann - Seit rund zehn Jahren sorgt das Hacker-Kollektiv Anonymous für Aufsehen – mit kindischen Streichen, aber auch mit politischen Aktionen. Die Geschichte eines Phänomens.

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Menschen hinter Masken: Das wohl bekannteste Markenzeichen von Anonymous sind die Guy-Fawkes-Masken nach der Comic-Vorlage von «V For Vendetta» von Alan Moore (Text) und Michael Lloyd (Zeichnungen). Einer der Leitsprüche und gleichzeitig eine Warnung, oft an Videos und Botschaften angehängt: «Wissen ist frei. Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.» Eine der Flaggen der Bewegung: kopflos - ohne Anführer und erkennbare Identität. Dieses Ende 2007 geleakte Scientology-Video sorgte für Aufregung. Tom Cruise sagt darin über Scientology-Kritiker: «Eines Tages werden wir über sie in den Geschichtsbüchern lesen», dann lacht er hysterisch. Scientology versuchte, das Video aus dem Internet zu löschen. Das rief Anonymous auf den Plan. So sah die Website von Scientology im Januar 2008 oft aus: «Seite derzeit nicht verfügbar.» Massive DDoS-Attacken von Anonymous zwangen die Server in die Knie. Jetzt lachten die Hacker. Eine Protestbewegung formierte sich. Die Folge waren koordinierte Proteste rund um den Globus, die ein grosses Medienecho auslösten: Hier im australischen Sydney ... ... in Washington, D.C ... ... in Hamburg ... ... oder wie hier in London, am grossen Protesttag vom 10. Februar 2008. Die Proteste kamen immer wieder auf und rückten Scientology ab 2008 in ein schiefes Licht. Erstmals seit Jahren berichteten diverse US-Medien in langen Artikeln kritisch über Scientology. Operation Payback: Anonymous steht auch für Online-Piraterie. Als Ende 2010 Tauschbörsen wie Limewire dichtgemacht wurden, stiess das vielen sauer auf. Urheberrechtsverbände wie die RIAA bekamen das zu spüren. Das amerikanische Copyright-Office wurde bei der Operation Payback ebenfalls Ziel der Attacken. Eine Aktion, die auch in der Schweiz zu reden gab: die Fortsetzung Operation Payback (is a bitch!). Anonymous war «not amused» darüber, dass Kreditkarteninstitute, Paypal und die Postfinance den Geldhahn für Julian Assange und Wikileaks zudrehten - da wurden Server lahmgelegt. Occupy Wall Street: Diese Bewegung wurde ebenfalls unterstützt von Anonymous - mit Internet-Support, aber auch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor Ort. Schülerinnen und Schüler protestieren neben dem Londoner Stock Exchange vor der St. Paul's Cathedral am 27. Oktober 2011: Sie wollten als «Mini-Anons» ein Statement gegen Armut und Unterdrückung abgeben. Dieser Sir wurde spätestens im Februar 2011 berühmt. Der Mann mit Monokel war das Markenzeichen der Anonymous-Gruppe LulzSec. Die traute sich mit frecher Schreibe und ebensolchen Taten auch an grosse Fische ran - «for the lulz», für die Lacher. Das bekam die US-Computersicherheits-Bude HBGary zu spüren: Nachdem deren CEO sich damit brüstete, Anonymous enttarnt zu haben, hackte LulzSec kurzerhand seine Firma. Die von Anonymous veröffentlichen Mails - darunter ein Plot gegen Wikileaks - führten zum Rücktritt des CEO. Auch dieser Coup war ausserordentlich und sorgte für rote Köpfe, «lulz» und böses Blut: LulzSec verkündete, die Website der Zeitungen «Sun» und «News of the World» gehackt zu haben. Und tatsächlich: Für kurze Zeit verkündete einer der grössten Boulevard-Titel der Welt, die Leiche von Medien-Mogul und «Sun»-Besitzer Rupert Murdoch sei aufgefunden worden. Alle Hacker von LulzSec wurden später nach einer Unterwanderung duch das FBI verhaftet. Operation Tunisia: Wie auch in Ägypten versuchte Anonymous, die Demonstranten während des arabischen Frühlings zu unterstützen. Mit der Operation Blitzkrieg gelang deutschen Anons ein beachtlicher Klaps auf den Hintern der rechtsextremen Szene: Sie legten mehrere deutschsprachige und US-amerikanische Nazi-Seiten lahm, veröffentlichten Mails und Interna. So konnte laut Anonymous nachgewiesen werden, dass der US-Politiker Ron Paul noch 2011 regelmässig mit Neonazis in Kontakt stand. Mit OP Darknet (2011) und OP Darknet V2 (2012) hackten Mitglieder von Anonymous Server mit Kinderpornografie. Viele Seiten wurden einfach gelöscht - Informationen über die Nutzer der Seiten veröffentlichte Anonymous im Internet. Die Aktion wurde aus Polizeikreisen kritisiert, weil es kaum mehr möglich war, gegen die Pädophilen vorzugehen. Soziales Bewusstsein mit der Operation Safe Winter (seit 2013): Anonymous-Mitglieder in den USA, in England und der Türkei ... ... fordern alle dazu auf, den Armen und Bedürftigen im Winter mit Decken und Nahrung zu helfen. Niemand soll im Winter frieren und hungern müssen. Anscheinend war die Aktion ein Erfolg: Im Internet kursieren zahlreiche Fotos von Nahrungsmittel-, Kleidungs- und Möbelverteilungsaktionen an Bedürftige. Eine der aktuellen Anonymous-Operationen läuft im US-Städtchen Ferguson nach der Erschiessung des Afroamerikaners Mike Brown durch die Polizei. Bei OP Ferguson drohte Anonymous der Stadt mit Vergeltung und legte zwischenzeitlich Server der Verwaltung lahm. Am 14. August 2014 veröffentlichte Anonymous den Namen des Polizisten, der Mike Brown getötet haben soll. Dumm nur: Es war der falsche Mann. Der Unschuldige brauchte Polizeischutz, er erhielt Hunderte Morddrohungen. Diese und ähnliche Geschichten entbehren nicht der Ironie: Auch Mitglieder von Anonymous, die gerne als Kämpfer gegen geheime Machenschaften und für die öffentliche Verantwortung auftreten, schiessen zuweilen, bevor sie nachfragen. Aus dem Hinterhalt, anonym - und meist, ohne die Konsequenzen für ihr Handeln tragen zu müssen. Dieser Anon nennt sich «Vendetta» - er ist rechtsextremer Co-Moderator einer deutschen Neo-Nazi-Show im Internet und verkörpert so ziemlich das Gegenteil dessen, wofür andere Anonymous-Mitglieder einstehen. Auch in der Schweiz aktiv: Anonymous hat am Montag, 8. September 2014, den Server des IZRS lahmgelegt und angeblich entwendet. Der Islamische Zentralrat wird damit erpresst - er hat Anzeige gegen unbekannt erstattet.

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Wann es genau begonnen hat, kann niemand sagen. Sicher ist nur: Die Geburt der Bewegung, die heute als Hacker-Kollektiv Anonymous bekannt ist, war ein Prozess, der 2003 auf sogenannten Imageboards im Internet ins Rollen kam – besonders auf 4Chan. Dort tauschen User Bilder und Nachrichten aus – anonym, unzensiert, ohne Moderator. Das ist ohne Login möglich, und so heisst jeder Nutzer «Anonymous», kurz «Anon».

Zum Repertoire der gegenseitigen Unterhaltung gehören auch Bubenstreiche, wie man sie auch aus analogen Zeiten kennt – anonyme Telefonanrufe, verbale Belästigungen fremder Menschen zur eigenen Belustigung oder Verschandelung fremden Eigentums (hier etwa: Lahmlegen oder Hacken von Websites, Überschwemmen von Foren mit primitiven Einträgen oder das Kapern von Profilen fremder Nutzer). Derlei Heldentaten teilten die Verursacher stolz mit anderen Anons – und alle lachten mit. Der Hauptantrieb für das lustige Treiben war denn auch der Spass – oder, wie oft explizit geschrieben wurde: «We are doing it for the lulz» (Wir tun es für die Lacher).

Die anonymen Schadenfreudigen erhielten denn auch erstmals grössere mediale Beachtung, als sie 2006 die finnische Social-Media-Plattform Habbo Hotel stürmten und dort den Eingang zum virtuellen Pool versperrten mit der Nachricht, dieser sei «wegen Aids geschlossen». Im Jahr darauf berichtete ein US-Sender der Fox-TV-Gruppe erstmals ausführlich über Anonymous und machte sie so in ganz Nordamerika berühmt – als «Terroristen» und «Hassmaschine des Internets».

Aus Spass wird lustiger Ernst

Mit dem Ruhm und dem daraus resultierenden Zustrom vieler weiterer Fans gelangten einige Anons zur Einsicht, dass sie ihr Können für mehr als blosse «lulz» einsetzen sollten. Das führte anfangs zu heftigen Diskussionen in den einschlägigen Foren und IRC-Chats – die politisch motivierten Anons wurden lange als «moralfags» («Moralschwuchteln») verhöhnt. Bei Anonymous dürfe es nur um «lulz» gehen, alles andere verstosse gegen die einzige Regel – dass es keine Regeln gebe.

Das Gegenargument der Aktivisten: Es gebe mächtige Kräfte, die genau gegen diesen Geist ankämpften. Sie stünden für alles, was Anonymous – bewusst oder nicht – bekämpfe: Die Zensur des Internets, die freie Meinung, den Spass an der Freude. Anonymous sollte sich die Gegner bei den Mächtigen suchen – nicht zuletzt, weil gerade bei würdigen Gegnern besonders viele «lulz» zu holen seien.

Was folgte, ging 2008 als Project Chanology in die Geschichte ein – eine epische Grossattacke gegen Scientology. Was mit DDoS-Attacken auf die Server der Sekte begann, verwandelte Anonymous in eine globale Protestbewegung. Eine Bewegung, die es – eine Premiere – schaffte, junge Internetnutzer weg von ihren PCs auf die Strasse zu bringen: Die viral gefeierten Angriffe und via Social Media verbreiteten Protestaufrufe führten zu koordinierten Demonstrationen rund um den Globus.

Überall das gleiche Bild: Junge Menschen mit Masken aus dem von Alan Moore geschriebenen und von David Lloyd gezeichneten, antifaschistischen Comic «V for Vendetta» säumten die Strassen vor Scientology-Gebäuden. Der Comic beruht lose auf der Geschichte des englischen Bombenverschwörers Guy Fawkes, seine Maske wurde zum Symbol von Anonymous. Abertausende protestierten gegen die «menschenverachtende Sekte» und machten auf Skandale in der langen Geschichte der umstrittenen Organisation aufmerksam. Medien berichteten darüber, Scientology war wütend. Es gab «lulz» ohne Ende.

Hinter den Masken

Seither kennt man Anonymous und die vielen Aktionen des Kollektivs (siehe Bildstrecke) – doch niemand kennt die Menschen hinter den Masken. Jede und jeder kann sich dahinter verstecken. Verhaftungen – und davon gab und gibt es viele – zeigen, dass das Phänomen quer durch die sozialen Schichten geht: Vom Lastwagenchauffeur bis zum Programmierer aus der oberen Mittelklasse, von den USA über England bis nach Australien haben Fahnder bereits Mitglieder verhaftet.

Das liegt am Grundprinzip der Anonymität: Kaum jemand kann nachweisen, wer hinter den einzelnen Aufrufen, Operationen und Hacks steht. Es könnte je nach Fall auch nur eine Einzelperson sein – oder eine bereits bestehende Organisation. Letzteres war etwa dann der Fall, als die erfolgreiche Anonymous-Hackergruppe LulzSec 2012 aufflog und ihre Mitglieder auf der ganzen Welt verhaftet wurden: Es hatte sich herausgestellt, dass ein Mitglied monatelang mit dem FBI kooperiert hatte, um sein Strafmass zu mildern.

Politisch homogen ist die Bewegung daher auch nicht: Während insgesamt ein Misstrauen gegenüber Staaten, grossen Firmen, Geheimdiensten, Sicherheitsunternehmen, Politikern, Lobbyisten, ja grundsätzlich gegenüber fast allen Institutionen auszumachen ist, gab es etwa Streit im Gaza-Konflikt: Anonymous griff mehrmals israelische Server an, aber Anonymous distanzierte sich auch von diesen Aktionen und verteidigte Israel. Mittlerweile gibt es sogar vereinzelt Rechtsextreme, die sich mit Anonymous-Symbolen schmücken. Kurz: Anonymous kann jeder sein – folglich sind Anonymous alle und doch niemand.

Vergessen bei all den politischen Dingen sollte man eines nicht: Kindische Troll-Angriffe finden weiterhin statt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Arsene am 11.09.2014 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anonymus

    Eine der ehrwürdigsten Organisationen überhaupt, sofern Ihre Ziele tatsächlich die Freiheit und Gleichberechtigung fördern.

  • Anon am 11.09.2014 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anon

    We all are Anonymous! We know, you know! Because we change the World in a better Place!

  • /b/ am 11.09.2014 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kompliment

    Sehr gut recherchiert 20min

Die neusten Leser-Kommentare

  • JayZ am 12.09.2014 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    pffff, hahaha

    schon nur die Frage: Wer ist Anonymus?.....ich kann nicht mehr :D

  • ein#Anonymer am 12.09.2014 18:33 Report Diesen Beitrag melden

    Behauptungen

    Behaupten kann jeder viel. Wikipedia behauptet etwas anderes und kann es im Gegensatz zu 20 Minuten auch belegen. Also, ich warte auf Links.

  • rita am 12.09.2014 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    spass und ernst, gute kombination

    Gut das es die Anonymous gibt! Da wird an Institutionen gerüttelt wo es sonst niemand wagt, weiter so.

  • Yolomat am 12.09.2014 13:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    We are Legion

    Ob man Anonymous nun gut oder schlecht findet: an dieser Stelle wäre mal eine Filmempfehlung angebracht: 'We are Legion'. Rund 1.5 stündiger Film über Anonymous und Interviews mit ehemaligen Anons, die unter anderem beim Project Chanology mitgewirkt haben. Sehr interessante und unterhaltsame Dokumentation!

  • Titanic am 12.09.2014 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Lächerlich!

    Eine Ansammlung von Skript-Kiddies die sich für toll halten, aber nicht wirklich was können und niemals was erreichen werden. Heisse Luft.