Kollegen geschockt

05. Juni 2012 12:03; Akt: 06.06.2012 08:11 Print

«Unser Arbeiter ist unter dem Fels begraben»

von Antonio Fumagalli - Nach dem Felssturz von Gurtnellen liegt ein Arbeiter immer noch unter den Trümmern. Sein Chef gibt die Hoffnung nicht auf, ihn lebend zu bergen. Eine zweite Firma hatte Riesenglück.

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Am Dienstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, ereignete sich in Gurtnellen UR ein Felssturz. Der 29-jährige Bauarbeiter, der dabei verschüttet worden war, konnte am frühen Samstagmorgen (9. Juni) nur noch tot geborgen werden. Zwei weitere wurden mit Verletzungen ins Spital gebracht. Frontalansicht des Abbruchs am Berg. 2500 Kubikmeter Geröll donnerten auf das Bahntrassee. Hier ereignete sich das Unglück. Die Geröllmasse verschüttete die Bahnlinie. Hier ist der Berg abgebrochen. Im Bereich der Absturzstelle befand sich eine Baustelle. Gemäss einem Sprecher der Kapo Uri seien zum Unglückszeitpunkt Hangsicherungsarbeiten im Gange gewesen. Neben der Rega ist auch Heli Gotthard im Einsatz. Suchhunde werden via Helikopter zum Felssturzgebiet geflogen. Der Felshang ist nach wie vor labil. Der Verschüttete wurde deshalb noch nicht geborgen. Für die Sicherheit der Bergungsmannschaften müssen zuerst geologische Abklärungen durchgeführt werden. Damit wolle man verhindern, dass Nachstürze weitere Personen verletzten, erklärte ein Polizeisprecher. Die Wahrscheinlichkeit, den Verschütteten lebend bergen zu können, sei klein, sagte der Bauführer und Chef der Arbeiter. «Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.» Für Adrian Pfiffner, Geologe und Professor für Tektonik an der Uni Bern, steht fest: Die Regenfälle der letzten Tage haben die Katastrophe ausgelöst. «In das zerklüftete Gestein läuft Wasser, dadurch verlieren sie ihren Halt», so Pfiffner. Die Kantonsstrasse ist gesperrt. Ein gestrandeter Güterzug bei Gurtnellen: Die Gotthardstrecke bleibt mindestens drei Tage gesperrt. Glücklicherweise war kein Zug auf der Strecke, als der Fels ins Tal donnerte. «Es wurden keine Wagen getroffen und somit keiner unserer Passagiere verletzt», sagte SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Die Gotthardstrecke bleibe aber laut Pallecchi bis mindestens Mittwoch unterbrochen. Es verkehren Bahnersatzbusse zwischen Flüelen und Göschenen. Es muss allerdings mit erheblichen Verspätungen gerechnet werden. In Bellinzona mussten die Passagiere nochmals umsteigen. Leser-Reporter Kurt Lieberherr, der sich im ersten Ersatzzug befand, kam mit rund einer Stunde Verspätung in Lugano an. Der Felssturz ist kein Einzelfall. Immer wieder erschütterten Steinschläge das Gebiet bei Gurtnellen. Bereits am 12. März dieses Jahres gab es einen Kilometer unterhalb des Bahnhofs Gurtnellen einen Steinschlag. Verletzt wurde niemand. Im April 2009 verschüttete eine Nassschneelawine die Autobahngalerie bei Gurtnellen. Die Lawine forderte keine Opfer, aber die Kantonsstrasse bieb einige Tage gesperrt. Im Mai 2006 forderte ein Steinschlag bei Gurtnellen zwei Menschenleben. Um 06.45 Uhr ging der Felssturz mit einem Volumen von gegen 10 000 Kubikmeter auf die Autobahn nieder. Ein 64-jähriger Mann und seine 60-jährige Frau aus Deutschland starben. Zudem wurden zwei Lastwagenchauffeure verletzt. Sie befanden sich auf dem Rastplatz und schliefen, als der Felssturz niederging. Die Räumung der bis zu 125 Tonnen schweren Blöcke war schwierig. Wegen der anhaltenden Felssturzgefahr blieb die Autobahn mehrere Wochen gesperrt. Der instabile Felshang über Gurtnellen wurde gesprengt. Ein Jahr zuvor, im März 2005, durchschlugen zwei je fünf Kubikmeter grosse Felsbrocken bei Gurtnellen die Schutznetze und stürzten auf die Autobahn. Zwei Autofahrer kollidierten mit den Steinblöcken, blieben jedoch unverletzt. April 2003: Ein Felsbrocken durchschlug eine Autobahngallerie bei Gurtnellen. Verletzt wurde niemand.

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Riesige Gesteinsmassen donnerten diesen Morgen bei Gurtnellen ins Tal. Sie verschütteten die SBB-Strecke - und einen Mann. «Ja, es ist leider so. Einer unserer Mitarbeiter ist von den Felsmassen begraben worden», sagt Bauführer Franz L.* gegenüber 20 Minuten Online. Die Wahrscheinlichkeit, ihn noch lebend bergen zu können, sei klein. «Aber die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt er mit tränenerstickter Stimme.

Zum Zeitpunkt des Felssturzes war L. nicht persönlich vor Ort, er ist nun aber zu seinen geschockten Mitarbeitern hinzugestossen. «Die Lage ist sehr gefährlich, wir wissen nicht, ob nochmals etwas herunterkommt», sagt er. Wenigstens habe er mit den beiden verletzten Mitarbeitern sprechen können. Sie wurden ins Spital gebracht.

Die ersten Informationen, die zu den Rettungskräften vordrangen, deuteten auf ein noch weitaus schlimmeres Ausmass der Katastrophe hin: «Uns wurde mitgeteilt, dass mehrere Personen verschüttet seien», sagt ein Feuerwehrmann, der kurz nach dem Niedergang der Gesteinslawine vor Ort eintraf. Der Kommandant habe ihn dann aber nach Hause schicken müssen, die Lage sei zu unberechenbar. Die herumliegenden Felsbrocken habe er aus Sicherheitsgründen gar nie betreten können.

(Video: Keystone)

Die Mitarbeiter der Firma Gasser Felstechnik AG entkamen dem Unglück durch eine glückliche Fügung: «Eigentlich arbeiten wir auch genau in diesem Perimeter, ausgerechnet heute waren wir aber nicht vor Ort», sagt ein Mitarbeiter auf Anfrage. Die Entscheidung, nicht im Gebiet zu sein, sei aus logistischen Gründen und nicht wegen einer bösen Vorahnung erfolgt: «Ein Zufall - und ein Riesenglück!»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jolli am 05.06.2012 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Schrekliche Tragödie, ich wünsche allen gute besserung und hoffe natürlich dass der Arbeiter heil Rauskommt...

  • August Brunner am 05.06.2012 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Unverantwortung bei der SBB

    Es ist unverantwortlich von der SBB diese Linienführung nicht zu korrigieren und in den Berg zu verlegen.Kosten hin oder her. Zuerst kommt die Sicherheit und dann lange hinter her die Rendite.Im Urnerland wird es nie Ruhe geben.Mein Beileid der Familie des Verschütteten Arbeiters.

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  • A. am 05.06.2012 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschockt

    Was kostet die Welt! Muss sowas sein! Gibt es nicht genug Bahnstrecken? Meine Gedanken sind bei der Familie des Arbeiters...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sara am 05.06.2012 22:53 Report Diesen Beitrag melden

    Verschüttet

    Hoffentlich wird der verschüttete Mann bald gefunden, so dass auch die Leute, die ihn suchen, sicher sind. Das ist im Moment das einzig Wichtige.

  • A. am 05.06.2012 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschockt

    Was kostet die Welt! Muss sowas sein! Gibt es nicht genug Bahnstrecken? Meine Gedanken sind bei der Familie des Arbeiters...

    • uncharted lands am 05.06.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

      uncharted

      Nein gibt es nicht, denn wir Menschen sind zu dumm. Statt uns etwas einzuschränken und endlich zu realisieren, dass sowohl die Ressourcen des Planeten endlich sind und auch der Platz begrenzt ist, pflanzen wir uns stur weiter fort, ohne an folgende Generationen zu denken.Wir schieben Probleme einfach auf die nächste Generation ab - was uns nicht betrifft, ist doch egal. Wir sind eben zu dumm für das Universum.

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  • Jolli am 05.06.2012 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Schrekliche Tragödie, ich wünsche allen gute besserung und hoffe natürlich dass der Arbeiter heil Rauskommt...

  • August Brunner am 05.06.2012 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Unverantwortung bei der SBB

    Es ist unverantwortlich von der SBB diese Linienführung nicht zu korrigieren und in den Berg zu verlegen.Kosten hin oder her. Zuerst kommt die Sicherheit und dann lange hinter her die Rendite.Im Urnerland wird es nie Ruhe geben.Mein Beileid der Familie des Verschütteten Arbeiters.

    • Isidor Wermelinger am 05.06.2012 13:01 Report Diesen Beitrag melden

      Unverantwortung bei der SBB

      Die Bahn bzw. SBB ist gerade dabei die Strecke - welche auch diesen Abschnitt betrifft -in den Berg zu verlegen. Das ganze heisst NEAT (neat.ch).

    • Marco Conrad am 05.06.2012 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Infrastruktur

      Für die Infrastrukturausbauten ist immer noch der Bund zuständig. Hier wurde in den letzten Jahren durch die unverantwortliche Sparpolitik (-> Rendite) der rechtsbürgerlichen Politiker solche oder ähnliche Bauvorhaben verhindert.

    • Andreas am 05.06.2012 13:16 Report Diesen Beitrag melden

      Galerie

      Linie verlegen wäre wohl gar nicht nötig. Aber eine felssturzsichere Galerie bauen. Die Linienführung am Gotthard ist grundsätzlich die Bestmögliche (das hat man gesehen, wo 11 Lawinen ins Tal donnerten und nicht eine hat das Gleis getroffen). Die Lötschberg-Südrampe zB ist weit 'krimineller'.

    • chaot am 05.06.2012 13:41 Report Diesen Beitrag melden

      Unmöglich

      Hast du schon mal einen Stein von 10m heruntergeworfen jetzt stell dir vor das ist 10ooomal so viel... und was für eine Gallerie willst du bauen?

    • Fred am 05.06.2012 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Überlegen nicht nur heulen

      Und wer soll das bezahlen? Der Steuerzahler wenn wir einen Tunnel Graben, ich erinnere mich noch als alle heulten weil die SBB aufschlagen mussten. Und hier ist es egal was es kostete, oder nicht? Also etwas nachdenken nicht einfach schreiben, auch wenn es schlimm ist so ist das Leben.

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  • M. M am 05.06.2012 12:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hope

    Hoffe sie können ihn lebend bergen! Meine gedanken sind bei der familie

    • Müller Pius am 05.06.2012 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Glaube nicht

      Schön wäre es... :( aber ich glaube nicht das der arbeiter überlebt hat schau die fotos an kann fast nicht sein. Trozdem hoffnung nicht aufgeben

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