Ogi über Stich

13. September 2012 16:03; Akt: 14.09.2012 11:17 Print

«Wir haben uns trotz Differenzen respektiert»

von Jessica Pfister - Otto Stich und Adolf Ogi sassen acht Jahre gemeinsam im Bundesrat - wo sie heftig über den Neat-Bau stritten. Nach dem Tod seines Kontrahenten zeigt sich Ogi traurig - und versöhnlich.

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Otto Stich war von 1983 bis 1995 Bundesrat. Der Solothurner stand dem Finanzdepartement vor. In der Nacht auf den 13. September 2012 ist er gestorben. Stich wurde am 10. Januar 1927 in Basel geboren. Schon seine Eltern waren sozialdemokratisch geprägt. Der spätere Bundesrat hatte an der Universität Basel Wirtschaft studiert; danach wurde er diplomierter Handelslehrer und 1955 Doktor der Staatswissenschaften. Bild: Stich 1994 mit einem von Auslandschweizer-Kindern geschenkten Sparschwein 1963 wurde er nach einem erfolglosen Anlauf vier Jahre zuvor knapp in den Nationalrat gewählt. Bild: Nationalrat Stich im Jahr 1979 Am 7. Dezember 1983 wurde Stich in den Bundesrat gewählt. Bild: Stich bei der Ankunft auf dem Bundesplatz; sein politischer Ziehsohn Jean-Noël Rey öffnet ihm die Tür. Die bürgerliche Mehrheit zog ihn der Kandidatin der SP-Fraktion, Lilian Uchtenhagen, vor. Uchtenhagens Nichtwahl konsternierte die SP, in der darauf eine Diskussion über den Rückzug aus dem Bundesrat entbrannte. Stich nach der Wahl mit Frau Trudi und Tochter beim Empfang in Solothurn. Doch trotz seiner von Misstönen begleiteten Wahl gelang es Stich bald, die enttäuschten Genossen für sich einzunehmen. Die bürgerliche Mehrheit, die ihn ins Amt gehoben hatte, wurde dagegen nicht glücklich mit ihm. Bild: Die beiden SP-Bundesräte Pierre Aubert (l.) und Otto Stich im November 1984. Der Finanzminister verteidigte auch linke Positionen hartnäckig und mit Sachverstand. 1988 und 1994 war er Bundespräsident. Der Handelslehrer und promovierte Staatswissenschaftler entwickelte sich zum beharrlichen eidgenössischen Kassenwart, den auch seine Gegner respektierten. Der passionierte Pfeifenraucher musste die Trendwende zu hohen Haushaltsdefiziten miterleben, wofür er das Parlament oftmals heftig geisselte. Bundespräsident Stich zeigt FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp 1988 auf dem Ausflug des Bundesrates seine Heimatgemeinde Kleinlützel im Kanton Solothurn. Mit SVP-Bundesrat Adolf Ogi (r.), hier im Oktober 1992 auf der Bundesratsreise, verband Stich die Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Doch politisch war Stich der erklärte Feind des Berners, vor allem wegen der Neat. «Beim Lötschberg wird das teuerste Denkmal der Schweiz gebaut», sagte Stich. Bild: Stich und Ogi 2008 am Trauergottesdienst für alt Bundesrat Kurt Furgler Stich war ein populärer, beim Volk beliebter Bundesrat. Bild: Stich diskutiert auf der Bundesratsreise 1993 mit Leuten in Schangnau. Mit der Einführung der Mehrwertsteuer erlebte Stich eine grosse Arbeitsbelastung. Nach einem Kollaps an einer Bundesratssitzung musste ihm 1994 ein Herzschrittmacher eingesetzt werden. Bild: Stich fällt im Januar 1995 während einer Sondersession beinahe vom Stuhl Stich trat am 31. Oktober 1995 aus dem Bundesrat zurück. Offiziell begründete er seinen Abgang mit seinem Alter, doch später gab er zu, dass sein Rückzug mit einer Niederlage im Bundesrat zu tun hatte. Stich war dagegen, die NEAT mit dem Lötschberg-Basistunnel zu bauen. Bild: Stich mit den beiden SP-Bundesratskandidaten Otto Piller (l.) und Moritz Leuenberger (r.) Am SP-Parteitag 1995 in Aarau wurde Stich, hier mit Bundesrätin Ruth Dreifuss und Parteipräsident Peter Bodenmann, von seiner Partei verabschiedet. Auch nach seinem Rücktritt meldete sich der Sozialdemokrat aus dem Schwarzbubenland in politischen Diskussionen zu Wort. Er engagierte sich in Interviews, als Redner am 1. Mai oder als Kampagnen-Unterstützer für ein gerechtes Steuersystem, für die Kapitalgewinnsteuer wie auch für ein konstruktives Referendum. Die grösste Kritik musste Stich ein Jahr nach seinem Rücktritt einstecken, als ihn eine Parlamentarische Untersuchungskommission als Hauptschuldigen am Debakel in der Pensionskasse des Bundes (PKB) bezeichnete. Der alt Bundesrat sah sich durch diese Kritik unfair behandelt und als Opfer einer politischen Abrechnung. Erst kürzlich, im Frühling 2012, hatte Stich seine Memoiren unter dem Titel «Ich blieb einfach einfach» publiziert. Bild: Stich im Oktober 2000 mit Bundesrätin Dreifuss am SP-Parteitag in Lugano In den letzten Lebensjahren wurde Stich öfters krank; er litt seit Jahren an Herzproblemen. Er zog sich zusehends aus der Öffentlichkeit zurück. Im Herbst 2011 musste er ins Spital und sich einem Eingriff an den Herzklappen unterziehen. Bild: Stich 2008 an der Nationalen Rentner- und Rentnerinnentagung in Bern

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Fehler gesehen?

Wann haben Sie Otto Stich das letzte Mal gesehen?
Adolf Ogi: Ein genaues Datum habe ich nicht im Kopf. Wir haben uns vor allem an den Anlässen der ehemaligen und amtierenden Bundesräte getroffen.

Sie waren nie die besten Freunde – im Gegenteil. Otto Stich hatte gar einmal gesagt, im Bundesrat gebe es sechs Bundesräte und einen Skilehrer.
Wir hatten unsere Differenzen, das ist richtig. Aber das waren politische Auseinandersetzungen, keine persönlichen Rivalitäten. Ich habe mich für den Bau der Neat engagiert und konnte mit der Unterstützung des Volkes sowohl eine Röhre durch den Gotthard als auch eine andere durch den Lötschberg durchbringen. Für Finanzminister Stich hingegen war die Neat vor allem ein millionenteures Loch. Dieser Konflikt hat sicher Spuren hinterlassen, aber wir sind uns stets mit Respekt begegnet – trotz einiger verbaler Ausrutscher.

War einer dieser Ausrutscher die Aussage von Stich vor zwei Jahren gegenüber dem deutschen Wochenblatt «Die Zeit», dass mit Ihrer Wahl in den Bundesrat das Landesgremium zu sieben Einzelmasken verkommen sei?
Ich will diese Geschichten nicht mehr kommentieren. Ich habe viele gute Erinnerungen an die Zeit mit Stich im Bundesrat. Wir hatten viel gemeinsam. So stammen wir beide aus einfachen Verhältnissen und unsere Leidenschaft fürs Skifahren und den Alpinismus hat uns stets verbunden. Über diese Hobbys haben wir uns auch ausserhalb des Bundesratszimmers öfter ausgetauscht.

Aber politisch waren Sie nie gleicher Meinung?
Doch, in grundsätzlichen staatspolitischen Fragen hatten wir das Heu auf der gleichen Bühne. So war er – im Gegensatz zu seiner Partei – der EU gegenüber immer sehr kritisch.

Was ist das grösste Vermächtnis, das Otto Stich als Bundesrat hinterlassen hat?
Ich finde das Wort Vermächtnis etwas schwierig. Es sollte nicht die Absicht eines Bundesrats sein, ein Vermächtnis zu hinterlassen, sondern eine gute Arbeit zu machen. Und das hat er definitiv. Er war ein sehr guter Finanzminister. Er war hartnäckig und beharrlich, hat jeden Franken umgedreht und mit Argusaugen darauf geschaut, dass nirgends zu viel ausgegeben wurde. Dies spürte ich natürlich auch in meiner Arbeit als Infrastrukturminister. Klar ist: Unter seiner Führung sind die Bundesfinanzen äusserst solide geworden.

Wer stand im Bundesrat Stich besonders nahe?
Das war wechselhaft. Otto Stich war ein sehr eigenständiger Bundesrat, auch gegenüber seiner Partei hatte er sich – vor allem zu Beginn – abgegrenzt. Es tat ihm weh, dass ihn die SP damals nicht als Kandidaten für den Bundesrat aufgestellt hatte, sondern Lilian Uchtenhagen. Gewählt wurde er von den Bürgerlichen. Um das zu verdauen, brauchte es sicher eine gehörige Portion Stärke.

Dann war Stich eigentlich ein Bundesrat der Bürgerlichen?
In einer ersten Phase vielleicht. Doch dann hat die SP gemerkt, was für einen guten Job er als Finanzminister macht und ihn als Bundesrat akzeptiert. Stich vertrat für mich immer das soziale Gedankengut. Er setzte sich für die sozial Schwächeren ein und war so vor allem ein Bundesrat des Volkes.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Erwin Zumtobel am 13.09.2012 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Quo vadis Helvetia?

    Politiker von solchen Formaten wie Stich und Ogi, dazu zähle ich auch noch Otto Ineichen, fehlen diesem Lande immer mehr. Der Respekt, die Kompetenz, Sachkenntnis, Integrität und viele andere Eigenschaften, welche einen Magistraten an vorderster Front auszeichnen, gehen leider den Bach runter. Und wie heisst's so schön: Wie der Herr, so's Gescherr....

  • ein Berner Oberländer am 13.09.2012 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    @ Dölf Ogi

    vielleicht wäre es doch besser gewesen, der Otto S. hätte sich durchgesetzt. Schaue ich eine Europa-Karte an, so sind die beiden Löcher ein absoluter Unsinn. Besser wäre wohl gewesen, beim Lötschberg 2 Löcher (= doppelspurig) zu graben

  • Rodney McKay am 13.09.2012 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Der Dölf

    "Doch, in grundsätzlichen staatspolitischen Fragen hatten wir das Heu auf der gleichen Bühne. So war er im Gegensatz zu seiner Partei der EU gegenüber immer sehr kritisch." Komisch. Ogi hat den EWR, welchen er unterstützte, das "Trainingslager für die EU" genannt. Irgendwie kommt er mir dabei eher Pro-EU rein, im Gegensatz zu Stich, welcher Anti-EU war...

Die neusten Leser-Kommentare

  • francesco am 13.09.2012 21:55 Report Diesen Beitrag melden

    fiasko bei der bundespensionskasse

    war nicht herr stich für das riesige fiasko bei der bundespersonals pensionskasse mitverantwortlich? die ganzen fehlenden millionen die der staat und die mitglieder sanieren mussten.

  • Erwin Zumtobel am 13.09.2012 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Quo vadis Helvetia?

    Politiker von solchen Formaten wie Stich und Ogi, dazu zähle ich auch noch Otto Ineichen, fehlen diesem Lande immer mehr. Der Respekt, die Kompetenz, Sachkenntnis, Integrität und viele andere Eigenschaften, welche einen Magistraten an vorderster Front auszeichnen, gehen leider den Bach runter. Und wie heisst's so schön: Wie der Herr, so's Gescherr....

  • Gspunne am 13.09.2012 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    RIP Alt-Bundesrat Otto Stich

    Er war ein einfacher, bescheidener Mensch. Schade gibt es in der SP's nicht noch mehrere Stich's......... Anstatt dauernd die Ausländerpolitik zu verfolgen, gäbe es auch andere, soziale Aufgaben im Land zu lösen. Aber dafür hat ja die SVP dies erkannt mit der Initiative "Sicheres Wohnen im Alter"

  • Bewunderer am 13.09.2012 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Danke für alles, Otti

    Ich bin 50. Und Otto Stich und Adolf Ogi waren mit die besten Bundesräte an die ich mich noch persönlich und lebhaft erinneren kann! Solche Lenker braucht unser Land und keine hedonistischen Selbstdarsteller!

  • carmen diaz am 13.09.2012 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    otto stich...

    ...war der letzte, welcher die staatsfinanzen im griff hatte. da wurden nicht nur die reichen immer reichen und die armen immer ärmer, so wie heute. auf die frage weshalb er so unbeliebt sei bei anderen politikern in bern, antwortete er: "ich bin hier um zu arbeiten und nicht um neue Freunde zu finden". einer der allerletzten echten politiker mit profil bei welchem man wusste woran man war. schade, dass es solche leute in bern heute nicht mehr gibt...