Mobilität in der Schweiz

17. Mai 2017 05:52; Akt: 17.05.2017 05:52 Print

«Es ist sinnvoll, in Städten auf das Velo zu setzen»

von Adrian Schawalder - Vor allem 18- bis 24-Jährige sind täglich fast 50 Kilometer unterwegs. Verkehrsexperte Daniel Müller-Jentsch weiss, warum.

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In der Schweiz sind die Menschen im Schnitt 90,4 Minuten pro Tag unterwegs. Quelle: Die durchschnittliche Anzahl Personen pro Auto war noch nie so tief wie im Jahr 2015. 18- bis 24-Jährige legen so viele Kilometer zurück wie sonst keine Altersgruppe. Zwei Drittel der Tagesdistanz werden mit dem Auto zurückgelegt. Die Tagesdistanzen sind über die Jahre relativ stabil geblieben. 2015 legten die Schweizer 400 Meter mehr zu Fuss zurück als 1994. Am meisten Kilometer legt man für die Freizeit zurück. 7 Prozent der Schweizer Haushalte haben ein E-Bike. Menschen vom Land sind länger unterwegs als Städter und Personen, die in der Agglo leben. Die Verkehrsspitzen nach Wochentagen. Bald jeder zehnte Haushalt besitzt ein E-Bike. Die Auslanddistanzen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In der Agglomeration wird der öffentliche Verkehr zunehmend genutzt - auf Kosten des Autos. Der Fahrausweisbesitz nimmt bei jungen Erwachsenen wieder leicht zu. Mit dem E-Bike werden längere Distanzen zurückgelegt als mit dem Velo. 37 Prozent der Befragten planen den Stau ein. In den Ausgang oder in die Berge: Am meisten Kilometer legen die Schweizer für die Freizeit zurück. Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse erklärt die Entwicklungen der letzten Jahren. Er erwartet, dass sich der Verkehr in den nächsten Jahren stark verändern wird. Der Erfolg des E-Bikes sieht er als erstes Anzeichen dafür. In den Städten sieht er grosses Potenzial für das Velo und das E-Bike. «In Amsterdam etwa beweist sich das Velo als effizienteste und gesündeste Form der Fortbewegung. Die Politik ist zurzeit noch stark auf Regionalverkehr mit dem Auto und ÖV ausgerichet.»

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Herr Müller-Jentsch, die Mobilitätsstudie zeigt: Die Schweizer Bevölkerung verbringt täglich eineinhalb Stunden im Verkehr. Das tönt nach viel verlorener Zeit …
Daniel Müller-Jentsch: Die Schweiz ist eine Pendlernation. Man zieht wegen einer neuen Stelle nicht um, sondern man bleibt meistens am gleichen Ort wohnen – auch wenn der Arbeitsweg dann ein wenig länger dauert. Ausserdem gibt es immer mehr Stau.

Umfrage
Wie lange sind Sie an einem durchschnittlichen Arbeitstag unterwegs?
35 %
31 %
14 %
9 %
5 %
6 %
Insgesamt 1147 Teilnehmer

Es gibt Untersuchungen, dass über die Jahrhunderte die durchschnittliche Pendelzeit in verschiedenen Kulturen immer etwa gleich geblieben ist. Dieser Schnitt liegt bei etwa einer Stunde pro Tag. Die Schweiz liegt also eher darüber.

Die tägliche Reisezeit hat sich zwischen 2000 und 2015 leicht verkürzt – trotz Bevölkerungswachstum. Wie erklären Sie sich das?
Die Stauzeiten haben zwar zugenommen – vor allem in den Stadtregionen. Generell wurde aber in die Infrastruktur investiert. Der ÖV wurde mit Milliardensubventionen ausgebaut.

Das wichtigste Verkehrsmittel bleibt aber trotzdem das Auto mit 65 Prozent. In den letzten fünf Jahren hat die Bahn leicht dazugewonnen. Warum ist das Auto noch immer viel attraktiver als der ÖV?
In vielen Gebieten, vor allem auf dem Land, sind die ÖV-Systeme nicht so gut ausgebaut. Da ist man mit einem Auto viel flexibler und schneller. In den urbanen Gebieten sieht es jedoch anders aus …

Die Zahl der Personen pro Auto hat dabei eher abgenommen. Woran liegt das?
Es hängt damit zusammen, dass Haushalte eher kleiner werden. Singles sind eher allein unterwegs. Die Koordination ist auch ein Problem. Viele haben wechselnde Arbeitszeiten, dann ist es nicht einfach, eine konstante Fahrgemeinschaft zu organisieren.

Je weniger Leute pro Auto, desto teurer und ineffizienter wird die Mobilität pro Person. Sie führt auch zu mehr Staus. Grundsätzlich ist es wünschenswert, wenn Carpooling-Lösungen erfolgreicher wären. In den Städten wäre es zudem schön, wenn mehr aufs Velo gesetzt würde.

Die Zahlen zeigen: Das Elektrovelo ist auf dem Vormarsch. Ist das bloss ein Hype oder ein langfristiger Trend?
E-Velos haben grosses Potenzial. Damit können grössere Distanzen zurückgelegt werden – auch in hügeligen Gebieten. Setzten mehr Leute auf das E-Bike, entlastete dies die Verkehrssituation in Städten und der Agglomeration.
Es wäre generell sinnvoll, in den Städten verstärkt auf das Velo zu setzen. In Amsterdam etwa beweist sich das Velo als effizienteste und gesündeste Form der Fortbewegung. Es hat in der Schweiz grosses Potenzial, dass bisher kaum ausgeschöpft wird. Politik ist zurzeit noch stark auf Regionalverkehr mit dem Auto und ÖV ausgerichtet.

2015 wurden 44% der Tagesdistanz im Inland im Zusammenhang mit Freizeitaktivitäten zurückgelegt. Die Arbeitswege kamen auf einen Anteil von 24%. Die Freizeit bleibt selbst dann wichtiger Verkehrszweck, wenn lediglich die Tage von Montag bis Freitag betrachtet werden. Sind die Schweizer ein Volk von Freizeitpendlern?
In der Freizeit legt man eher längere Distanzen zurück.Der Weg am Wochenende in die Berge oder ins Tessin ist weiter als der zur Arbeit. Und zum Freizeitverkehr gehören alltägliche Tätigkeiten wie die Kinder zum Sport zu fahren, die längere Velotour oder der Besuch der Grossmutter im Nachbarkanton.

Dazu kommt: Je wohlhabender ein Land ist, desto mehr wird in Freizeitaktivitäten investiert. Der grosse Anteil Freizeitaktivitäten ist ein Zeichen von Wohlstand und günstiger Mobilität. In der Schweiz ist der Verkehr stark subventioniert. Praktisch in keinem Land ist der Anteil von Verkehrs-Flatrates wie dem GA so hoch wie in der Schweiz.

Die 18- bis 24-Jährigen legen so viele Kilometer zurück wie keine andere Altersgruppe. Warum?
Viele Junge wohnen zu Hause und pendeln an die Uni. Andere ziehen aus und besuchen regelmässig ihre Eltern. Es ist auch eine mobilere Altersgruppe, weil sie weniger gebunden ist.
Zudem ist diese Altersgruppe in ihrer Freizeit sehr mobil.

Auch Männer und Gutverdienende sind viel unterwegs …
Männer sind häufiger erwerbstätig als Frauen. Personen in Kaderpositionen reisen grössere Distanzen. Männer sind in diesen Positionen übervertreten. Für einen gut bezahlten Job ist man zudem auch eher bereit, weiter zu reisen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Verkehrs in der Schweiz?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich der Verkehr stark im Umbruch befindet. Carsharing, wie Mobility, ist etwa ein Beispiel dafür. Auch das Elektrovelo verändert die Mobilität in der Schweiz schon heute und gibt vielen Leuten die Möglichkeit, ihr Auto öfter stehen zu lassen. Und in Zukunft kommen da noch viele spannende Entwicklungen auf uns zu, die den Verkehr für immer verändern werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Happy Teacher am 17.05.2017 06:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dankbar

    Da bin ich einmal mehr dankbar, dass ich jeden Tag zu Fuss zu meiner Arbeit spazieren kann.

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  • giorgio m am 17.05.2017 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Malen

    Es nützt aber dann nichts, wenn man auf den dicht befahrenen Strassen einfach nur ein Velostreifen malt.

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  • N G am 17.05.2017 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mhm

    Ist sinnvoll aber wen man dan noch rücksichtsvoll fahren würde, wäre ich sehr froh.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • McKelly am 17.05.2017 15:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    frage

    wie wissen die wann ich wie viel km im Ausland gefahren bin ?

  • Little shadow am 17.05.2017 15:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Velo fahren in den Städte

    Wär sinvoll ja...doch in den Städte werden oft die Velos gestohlen. Ist mir 2 x passiert und ja sie waren abgeschlossen im Velokeller. Ich fahr lieber ÖV.

  • Nix für mich bei Regen am 17.05.2017 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Velo-Klima oder -Wetter

    Komisch, aber auf diesen Velowerbebildern der grünen Verkehrsplaner regnet es nie.

  • Otto Normalo am 17.05.2017 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache Frisur gut

    Freizeit, Kurzstrecke, schönes Wetter, keine Waren, flaches Terrain und junge Beine - Velofahren ok. In allen anderen Fällen eine grüne Illusion. Ist irgendwie aber von gewissen Leuten schwer zu verstehen.

  • Der Grüne am 17.05.2017 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    Lustig

    Stellt euch vor wenn alle Autofahrer die ÖV benutzen. Da würden wir die Betreiber in grosse Probleme stürzen. Zu wenig Fahrzeuge, zu wenig Personal etc. Mann müsste das mal machen. Einen Autofahrer Streik. Die Autos zu Hause lassen und alle Tramm, Bus, Bahn benutzen. Die sollen auch nach Mitternacht noch fahren und schon um ca 5 Uhr anfangen. Bei un im Dorf kann ich mit dem ersten Bus 6:10 fahren. bis 45 Minuten am Bahnhof warten. Für den Arbeitsweg von 35 Minuten brauche ich fast 2 Stunden.