Phänomen Intersexualität

10. November 2012 17:08; Akt: 12.11.2012 11:30 Print

«OPs an Zwittern sind kein Problem von gestern»

von Simon Hehli - Babys, die weder als Buben noch als Mädchen zur Welt kommen, werden häufig operiert. Künftig sollen Ärzte mit Genitalkorrekturen warten, bis die Betroffenen selber entscheiden können.

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Die vom Bundesrat beauftragte Ethikkomission will, dass unnötige Operationen an kleinen Hermaphrodithen verboten werden - zur grossen Befriedigung von Daniela Truffer, die schon lange für das Anliegen kämpft. (Bild: Keystone)

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Der Anblick ist für die meisten betroffenen Eltern ein Schock. Da freuen sie sich auf ein Mädchen oder einen Jungen – und dann lässt sich beim Baby nicht eindeutig erkennen, welches Geschlecht es hat. Pro Jahr kommen in der Schweiz etwa 30 bis 40 Kinder als Intersexuelle auf die Welt. Das bedeutet, dass ihr Genital weder eindeutig ein Penis noch eine Vagina ist – dabei gibt es verschiedene Ausprägungen wie den Mikropenis oder eine penisähnliche Klitoris.

Im Umgang mit solchen Babys tut sich unsere Kultur schwer. Die Behörden verlangen von Eltern, dass sie bei der amtlichen Beurkundung der Geburt das Geschlecht ihres Kindes angeben. Jahrzehntelang war den Ärzten deshalb klar, was zu tun ist: Mit einer Operation wurden die Geschlechtsorgane der Kleinen in eine eindeutige Form gebracht, auch wenn keine gesundheitliche Gefahr drohte – der Einfachheit halber kam dabei in den meisten Fällen ein Mädchen heraus.

Erst, wenn die Kinder entscheiden können

Die Frage, ob das operierte Geschlechtsorgan später funktionsfähig und empfindsam sein würde, stand dabei ebenso wenig im Vordergrund, wie die Frage, was der Eingriff für die Psyche der Betroffenen bedeutet. Mittlerweile findet ein Umdenken statt. Am Freitag stellte die Ethikkommission Humanmedizin im Auftrag des Bundesrates eine Reihe von Empfehlungen vor, um das Los der Intersexuellen zu verbessern.

Im Zentrum steht die Forderung nach Selbstbestimmung. Geschlechtsoperationen im Kleinkind-Alter sollen nur noch dann durchgeführt werden, wenn sie medizinisch notwendig sind – etwa bei erhöhter Krebsgefahr. In allen anderen Fällen sollen die Betroffenen entscheiden, wenn sie in ein urteilsfähiges Alter gekommen sind: Wollen sie überhaupt eine Operation? Wenn ja, möchten sie weibliche oder männliche Genitalien?

Die IV soll auch nach 20 zahlen

Die Medizinethiker schlagen vor, dass Eltern und Kinder von der Geburt an eine kostenlose psychosoziale Beratung erhalten, damit es zu keinen Schnellschuss-Entscheidungen kommt. Zudem sollen Intersexuelle ihr bei der Geburt festgelegtes Geschlecht künftig unbürokratisch ändern können.

Auch will die Kommission die erwachsenen Intersexuellen besserstellen: Die IV soll ihnen auch nach dem 20. Altersjahr noch gewünschte Operationen oder psychologische Therapie bezahlen. Damit die Betroffenen auch in späteren Jahren noch gegen wegen rechtswidriger Eingriffe klagen können, regen die Ethiker an, die Verjährungsfristen zu ändern.

Der Vergleich mit Mädchenbeschneidungen

«Die Vorschläge sind der Hammer!», freut sich Daniela Truffer, die Präsidentin des Vereins Zwischengeschlecht.org. Sie kam als Zwitter – wie sie selbst sagt – zur Welt und wurde zu einem Mädchen operiert. «Ich wünschte mir, ich hätte selber darüber entscheiden können», sagt sie gegenüber 20 Minuten Online. «Einen Teil der Operationen hätte ich sicher nicht gemacht.»

Truffer beharrt darauf, dass weder Ärzte noch Eltern das Recht hätten, über irreversible Eingriffe an Kindern zu entscheiden – und vergleicht die Operationen an Intersexuellen mit den religiös begründeten Mädchenbeschneidungen, die sie ebenso ablehnt.

90 Prozent sind operiert

Auch wenn sich Truffer durch die Arbeit der Ethikkommission zum ersten Mal auch von einer offiziellen Stelle ernst genommen fühlt – zu Ende ist ihr Kampf noch lange nicht. Der Bundesrat schrieb zwar im Juni 2011, Genitaloperationen würden heute nur noch vorgenommen, wenn sie medizinisch zwingend seien.

Doch Truffer mag daran nicht glauben. Sie verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2008 mit Daten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Lübecker Soziologin Martina Jürgensen kommt darin zum Schluss, dass sich eine Mehrheit der intersexuellen Kinder bis zum Alter von drei Jahren mindestens einer Operation unterziehen lassen musste. Bei den heute Erwachsenen sind es sogar 90 Prozent. Deshalb sagt Truffer: «Es ist einfach nicht wahr, dass die Operationen an Zwittern ein Problem von früher sind.»

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pete G. am 12.11.2012 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Schockiert!

    Ich bin echt schockiert ab den vielen unglaublich egoistischen und engstirnigen Meinungen die ich hier lese! Mir scheint alle "Argumente" (welche Toilette, welches Spielzeug, welche Erziehung etc.) dienen ausschliesslich dazu, die Eltern resp. Erwachsenen zu schützen, auch wenn es als "das beste fürs Kind" ausgelegt wird. Also lieber das Kind mal operieren, so dass man weiterhin ein unauffälliges Leben führen kann und keiner mit dem Finger auf einen zeigt. Was das für das Kind bedeutet, scheint dabei eher sekundär.. :-( @Karin Plattner: Ich wünsche dir und deinem Kind alles Gute auf eurem Weg!

  • Märy am 12.11.2012 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Weder möchtegern-tolerant noch intoleran

    Viele schreiben hier, dass man diese Kinder akzeptieren soll, bis sie mal z.B im Schwimmbad einen IS-Menschen sehen, dann kichern sie und mache dumme Sprüche (egal wie alt sie sind). Ich kann dazu stehen, ich würde auch dumme Sprüche machen. Immer dieses scheinheilige Getue. Schreiben kann man viel, aber ob man dann wirklich so tolerant ist? Ich bin für die Operation. Da dies im frühen alter geschieht, wird sich das Kind höchstwahrscheinlich auch nicht mehr an diesen eingriff erinnern können. Dazu sollten die Eltern frei entscheiden können, schliesslich ist es ihr Kind.

    • Pete G. am 12.11.2012 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      Besitz der Eltern?

      Aha, die Eltern sollen also komplett über das Kind entscheiden können, schliesslich "gehört" es ihnen?!? Das Kind als rechtloses Wesen, reiner Besitz zum Vergnügen der Eltern...... Offensichtlich leiden viele Kinder sehr wohl darunter und das Problem lässt sich so nicht einfach tot schweigen und unter den Teppich kehren - hör doch den Menschen mal zu: Fast alle Betroffenen sind ganz klar GEGEN eine Zwangsoperation! Und zwar trotz den Schwierigkeiten die ein IS-Leben mit sich bringt. Nur Leute die keine Ahnung haben, denken eine Operation löse das Problem.

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  • Pumpernickel am 12.11.2012 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    Halt STOP!

    Gut, dann lasst die Kinder wählen, wenn sie dafür alt genug sind. Aber hat jemand schon beachtet, was für Probleme die Kinder bis dahin in der Schule und Umfeld haben werden? Teilt die Klasse in zwei Gruppen, Mädchen und Jungs? Wohin geht das Kind dann aufs WC? In welche Umkleidekabine geht das Kind beim Sport? Was sagt man den Klassenkameraden, was das Kind ist? Ein Mädchen oder ein Junge? Kinder sind gemein und Kinder in diesem wichtigen Alter werden hier auf viele Hürden stossen. Bestraft man das Kind nun, wenn man es schon vorher operiert? Oder bestraft man es, wenn man es nicht operiert?

    • ande am 12.11.2012 10:58 Report Diesen Beitrag melden

      Information und Akzeptanz!!

      Es gibt einige Länder wo dieses Phänomen überhaupt nicht tragisch ist... es kommt auf die Aufklärung in der Schule und die Reaktion der Gesellschaft.... Wenn man von der 1. Klasse an hört dass es Zwitter (egal ob physisch oder psychisch) sollte das Problem in ein paar Jahren vom Tisch sein.... Toilettenregeln gibts auch ;) es braucht einfach 3 und nicht 2 ;D

    • Pete G. am 12.11.2012 12:58 Report Diesen Beitrag melden

      Kinder sind grausam

      Kinder finden IMMER etwas, um andere auszulachen - da kann man doch nicht schon mal alles vorsichtshalber "wegoperieren" lassen.... Aus dem Kind wird irgendwann ein Erwachsener - die Operation lässt sich nicht mehr rückgängig machen! Also der Rest des Lebens (60-80 Jahre) evtl. im "falschen" Körper verbringen, hauptsache man wird in der 1.-12. Klasse nicht deswegen ausgelacht?!? (Aber vielleicht wegen etwas anderem - z.B. seiner Identitätskrise und dem Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmt mit seinem Körper....) Warum glaubt man nicht einfach den Erfahrungsberichten von direkt betroffenen?

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  • Winzi am 11.11.2012 14:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toilettenproblem

    Sind wir doch ehrlich eigentlich braucht es keine Unterscheidung zwischen Männer- und Frauentoiletten. Wir machen einen Raum mit Pissoirs und einen mit Kabinen! Viele Frauen gehen schon heute in die Männertoiletten um die Kabinen zu benutzen. Damit wäre das Problem mit den Toiletten elegant gelöst.

    • charly am 11.11.2012 20:53 Report Diesen Beitrag melden

      Mixed Toilets

      War vor einigen Tagen in Schweden, dort hat es gemischte WC's.

    • ande am 12.11.2012 08:48 Report Diesen Beitrag melden

      Thailand

      in Thailan oder Phillippinen ;) gibt es 3 arten von Toiletten... Männer... Frauen... und Beides... Das Symbol... halb Frau, halb Mann.... so wird niemand diskriminiert....

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  • A.E. am 11.11.2012 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist der Unterschied?

    Ich finde das Recht auf Selbstbestimmung toll. Ich frage mich allerdings, warum es nicht konsequent angewendet wird. Auch bei religiösen Beschneidungen. Die Ethikkommission in DE spricht sich beispielsweise FÜR religiös motivierte irreversible Eingriffe aus ( Herrscht hier eine Doppelmoral?

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