Fluch der Bescheidenheit

07. November 2017 05:56; Akt: 07.11.2017 08:17 Print

Schweizer nehmen sich Mittelmass zum Vorbild

von S. Schreier / B. Zanni - Schweizer wollen vor allem mit Bescheidenheit glänzen. Das fängt schon in der Schule an.

Was halten Schweizer Berufsschüler von Strebern? Sehen Sie sich dazu die Strassenumfrage an. (Video: B. Zanni)
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Schweizer Schüler wollen keine Streber sein. Denn: Wer einer ist, wird ausgeschlossen. Wie die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in der «Aargauer Zeitung» schreibt, ist die Angst vor dem Wort «Streber» gar so gross, dass gewisse Schüler gar absichtlich schlechtere Noten schreiben. Schüler, die den Klassenclown machen, Goals schiessen oder als Erste die neusten Yeezy-Adidas von Kanye West tragen, sind beliebter als die, die in Französisch eine Sechs schreiben.

Besonders bei den Jungen hat der Begriff «Streber» einen negativen Charakter. «Knaben gelten dann als cool und männlich, wenn sie demonstrativ wenig für die Schule arbeiten und wenn sie bei guten Noten so tun, als hätten sie gar nichts dafür tun müssen», sagt Stamm auf Anfrage. Wer als Streber abgestempelt wurde, habe zwei Optionen: «Entweder bleiben sie ihrem Ehrgeiz treu oder sie müssen sich als uncoole Einzelgänger akzeptieren.»

Für Mädchen ist «Streber» kein Schimpfwort

Lerncoach Phil Theurillat weiss, warum Streber oftmals ausgeschlossen werden: «Sie sind unbeliebt, weil sie durch ihre guten Noten auffallen und darum nicht zum Mainstream gehören. Die Mitschüler werden dann neidisch.» Dies könne bis zum Mobbing führen.

Dass sich Schüler lieber am Mittelmass orientieren als zu brillieren, hängt auch mit der Schweizer Kultur zusammen. «Für die Schweizer soll eigentlich alles immer das Beste sein. Wenn es aber um einen selbst geht, stellt der Schweizer gern sein Licht unter den Scheffel», weiss Wolfgang Koydl, Kenner der Schweizer Kultur und Buchautor. Frage man jemanden etwa, ob er Ski fahre, antworte er: «Ein bisschen.» Etwas später würde sich dann aber herausstellen, dass die Person bis vor einem Jahr noch Profi-Skirennfahrer war.

Auch im Sport zeigen sich die Schweizer bescheiden

Natascha Badmann pflichtet ihm bei. «Im Sport zeigt sich besonders deutlich, wie bescheiden die Schweizer sind», sagt die Profi-Triathletin, die mit ihrem Partner Toni Hasler auch als Sportcoach tätig ist. Viele Sportler trauten sich kaum, sich vor einem Wettkampf in der Öffentlichkeit richtig siegesbewusst zu zeigen. «Sie haben Angst, nach einer allfälligen Niederlage das Image eines Bluffers zu haben.» Gerade für Schweizer Sportler sei mentales Training deshalb eine der wichtigsten Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein.

Badmann erlebte am eigenen Leib, dass Sportler anderer Nationen beim Selbstbewusstsein Meilen voraus sind. Einst habe sie einer Amerikanerin für ihre starke Laufleistung gratuliert. «Diese schaute mich nur komisch an und meinte: ‹Ja, ich weiss.›» Ähnliches erlebte sie bei ihren eigenen Siegen: «Nachdem ich den Ironman Hawaii zum sechsten Mal gewonnen hatte und mich nicht besonders in den Vordergrund drängte, fanden die Amerikanerinnen, ich sei wahnsinnig bescheiden.»

«Schweizer können sich nicht verkaufen»

Für Selbstmarketing-Expertin Petra Wüst ist klar: «Schweizer wollen sich nicht verkaufen müssen. Sie erwarten, ihre Leistungen würden für sich selbst sprechen.» Laut Wüst ist ein gesundes Mass zwischen Angeberei und übertriebener Bescheidenheit nötig: «Sich selbst zu verkaufen bedeutet eigentlich nichts anderes, als über Positives zu sprechen.» Sei das über die eigenen Fähigkeiten oder bisherige Erfolge. So habe man sich bereits verkauft.

Die Bescheidenheit ist laut Koydl eigentlich eine gute Eigenschaft. Negativ sei der Neid: «Man kann Schweizer auch ‹Neidgenossen› nennen», sagt er scherzhaft. Der Neid komme daher, dass früher die Gemeinschaften eher klein und ländlich geprägt waren. Jeder habe alles von den anderen gewusst. Dementsprechend gross sei die Missgunst gewesen, sobald einer den anderen übertroffen habe. Daraus ist laut Koydl die typisch schweizerische Bescheidenheit entstanden: «In einer solchen Gemeinschaft will man nicht auffallen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Edmo am 07.11.2017 06:32 Report Diesen Beitrag melden

    Verwechslung

    Wer Bescheidenheit mit Mittelmass verwechselt, hat nichts begriffen. Insbesondere im Berufsleben sind mir bescheidene, fokussierte Macher sehr viel lieber als grossmäulige Dilettanten, die nie was auf die Reihe bringen.

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  • Denker am 07.11.2017 06:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Klar der Streber wird ausgegrenzt und ausgelacht. Das tut weh und will niemand. Aber spätestens mit 30 lachen die Streber über die andern die dann jammern wie schwer es ist einen Job zu kriegen und das Ende Monat das Geld nicht reicht!

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  • JanniBananni am 07.11.2017 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke Schweiz

    Die Schweiz ist die Schweiz, weil die Schweizer so sind wie sie sind. Zurückhaltend, korrekt, pünktlich, fleissig und präzise. Darum sind wir auch heute noch der sichere Hafen der Welt! Jedoch müssen wir aufhöfen Fachkräfte zu importieren! Studien zufolge werden bis 2050 weiere 300 MILLIONEN Fachkräfte nach Europa kommen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Claudia am 07.11.2017 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    Bescheidenheit ist top

    Mir persönlich gehen diese Angeber und Grossschnauzer massiv auf den Wecker. In der Bescheidenheit liegt die Kraft.

  • Bert am 07.11.2017 18:11 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenes weg gehen

    Wenn jemand erfolg haben will im leben. Muss seinen eigenen weg gehen. Alle erfolgreiche menschen oder genies wie zb einstein sind nur zu dem geworden weil sie ihre innere stimme gehört haben. Hätten sie al neidern gehört lebten wir noch in höhlen. Aber eben heutzutage die moderne gesselschafft hat einfach ein recht labiles karakter mit geringem selbstvertrauen und passt sich den andern an um bloss nicht aufzufallen. Wenn jemand charakter hat tut das was ihm gut tut er passt sich nicht denn andern an nur um akzeptiert zu werden. Aus diesem grund gehe ich mein weg.

  • Serge am 07.11.2017 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    von nichts kommt nichts

    ich war auch streber. hab es zu was gebracht und kann mit einem 80% job (freiwillig reduziert der fam. zuliebe) meiner familie ein schönes leben garantieren.

  • Bertb am 07.11.2017 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Defination! zu Negativ!

    Der Sinn dahinter ist nicht ein Mittelmass wie genannt; sondern der bessere Begriff ist dazu: Die goldene Mitte sollte der Weg sein! Da erreicht man mehr als mit hohem Stressfaktor der eher auf langzeit zerstörischer ist. und viele menschen anfälliger macht auf Negatives! Wir sollten endlich mal aus den Fehlern der Vergangenheit nutzten ziehen und nicht weitere Fehler produzieren am laufmeter.

  • Anonym am 07.11.2017 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der typische Streber

    Zur Zeit besuchen ich die Kantonsschule im Kanton Aargau. Ich passe genau ins Bild eines Strebers aber ich kann euch versichern, dass es nur ein Klishee ist, dass wir kein Kontakt zu den Freunden pflegen, nur lernen und nie raus gehen. Ich, genauso wie meine Mitschülerin/nen, gehen gerne und oft raus, lernen nur das nötige, was im Schnitt höchstens 30 Minuten geht, wenn wir nur Hausaufgaben haben und wir schreiben auch nicht immer nur ne 6 in den Prüfungen. Auch wir können in einer Mathematikprüfung eine 2 schreiben! :) Wir sind genau so wie ihr es seit.