Milo Moiré

29. Juli 2016 12:31; Akt: 29.07.2016 13:10 Print

«Die Kinderfrage nervt und verunsichert»

von Qendresa Llugiqi - Die Schauspielerin Jennifer Aniston hat sich in einem offenen Brief zum Frauenbild unserer Gesellschaft geäussert. Schweizer Frauen reagieren nun auf diesen.

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Jennifer Aniston hat genug: Ständig wird sie von Paparazzi belauert, die dann Vermutungen anstellen, ob sie schwanger ist. Ihre Wut hat die Schauspielerin in ein Essay gepackt, das sie in der «Huffington Post» veröffentlicht hat. Mit allen Mutmassungen räumt sie auf: «Ich bin nicht schwanger. Aber ich habe die Nase voll.» Sobald sie aus einem ungünstigen Winkel fotografiert werde, heisse es, sie sei fett oder schwanger.

Die Schauspielerin prangert das Frauenbild unserer Gesellschaft an. Ihr sei klar geworden, wie sehr der Wert einer Frau darüber definiert werde, ob sie verheiratet sei oder Kinder habe. Aniston: «Wir sind vollständig mit Partner oder ohne, mit Kind oder ohne.» Man müsse nicht unbedingt Mutter sein. Junge Frauen sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Doch werden sie das?

Milo Moiré, Performance-Künstlerin: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Die Schweizer Performance-Künstlerin Milo Moiré kann Anistons Wutbrief nachvollziehen: «Sie spricht damit vielen Frauen aus dem Herzen, die sich durch solche immer wiederkehrenden Situationen verunsichert und genervt fühlen. Auch mir!» Moiré bezeichnet Anistons Brief als «Befreiungsangriff»: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Auch die Schweizer Gesellschaft würde ein eher traditionelles Frauenbild vertreten: «Schweizer Karrierefrauen sind besonders in ländlichen Gegenden der Schweiz noch kleine Exoten», so Moiré. Auch hierzulande werde der Wert der Frau darüber definiert, ob sie verheiratet sei und Kinder habe. Das könne sich durch die Bildungschancengleichheit zwar ändern, allerdings nur langsam. Moiré: «Die Schweiz hält gerne an Traditionen fest und steht Veränderungen generell zögerlich gegenüber.»

Über sie sei zwar bisher noch nie spekuliert worden, ob sie schwanger sei. Doch: «Mich hat noch nie ein männlicher Journalist gefragt: ‹Wollen Sie mal Kinder haben?› Es sind immer Frauen, die mir die Kinderwunsch-Frage stellen», erklärt Moiré, die seit 11 Jahren eine glückliche Beziehung führt. Diese rollenstereotypischen Fragen seien falsch: «Frauen sollen anderen Frauen nicht durch klassische Rollenbilder Unvollkommenheit suggerieren. Was Lebenserfüllung bedeutet, kann nur die einzelne Frau beantworten und nicht eine ganze Gesellschaft.»

Christa Markwalder, FDP-Politikerin: «Frauen sollen nach ihren Leistungen und Talenten beurteilt werden.»

Die Nationalratspräsidentin Christa Markwalder hat den Brief von Aniston im Original gelesen: «Ich bin begeistert», sagt sie. «Ich finde sie ohnehin eine grossartige Schauspielerin und ihre Stellungnahme im Namen der (berühmten) Frauen verdient meinen grössten Respekt.»

Die Schauspielerin würde auch ihr aus dem Herzen sprechen. Markwalder fügt hinzu: «Aniston hat völlig recht, wenn sie schreibt ‹We are complete with or without a mate, with or without a child.›» («Wir sind auch mit oder ohne Partner und Kind vollkommen.») Markwalder hofft, dass Anistons Brief auch hierzulande eine entsprechende Wirkung erzeugt. «Frauen sollen nach ihren Leistungen und Talenten und nicht nach ihrem Aussehen oder ihrem Beziehungsstatus beurteilt werden.»

Sonja A. Buholzer, Unternehmerin und persönlicher Coach der Wirtschaft und Politik: «Wie wir Frauen auf Jahrgang und Äusseres reduziert werden, ist schlicht sexistisch.»

Die Inhaberin der weltweit tätigen Coaching-Company Vestalia Vision teilt Anistons Ansicht ebenfalls: «Auch ich habe nur noch ein müdes Lächeln übrig, laufend über Alter, Äusseres, Stereotypen und andere einfältige Kriterien reduziert zu werden», sagt Buholzer. Diese sublime Art von Sexismus finde jeden Moment statt. Und: «Es sind aber auch wir Frauen selbst, die dieses traditionelle Bild erfüllen wollen und auch von anderen Frauen erwarten, dass sie diesem Bild entsprechen. Wie Frauen mit Frauen umgehen, ist zu oft gnadenlos.» In der Männerwelt geschehe jedoch Analoges: «Ich glaube, dass auch Männer mit ihren Männerbildern zu kämpfen haben.»

Gerade deshalb müsse die Schweiz lernen, Partnerschaftsmodelle in alle Richtungen zu öffnen – etwa mit Patchwork-Familien, Single-WGs und Alters-WGs. Die neuen Parameter seien: «glücklich sein, das Leben leben, wertvoll, sinnvoll und experimentell den eigenen Werten folgen.» Indem jede Frau bewusst ihren Weg gehe und den «pathologischen weiblichen Mainstream» verlasse, ändere sie die «Normalität». Laut Buholzer kann es beispielsweise zuweilen reaktionär sein, das Diktat der Schönheitsindustrie zu unterminieren. «Oder wann waren Sie zuletzt bewusst ungeschminkt und dabei natürlich-selbstbewusst unter Menschen?», fragt sie. «Emanzipation ist Selbstbefreiung aus den Korsetten einer Gesellschaft, die sich an kleinmütigen Klischees, was echte Frauen – und übrigens auch echte Männer – sind, fast zu Tode langweilt. Unsere Gesellschaft hat weiss Gott andere Probleme zu lösen.»

Die Unternehmerin war selbst bereits verheiratet und lebt heute in einer «noch jungen, liebevollen Partnerschaft». «Unvollständig habe ich mich nie gefühlt. In den kurzen Phasen meiner Single-Abschnitte vielmehr frei und lebendig», so Buholzer. Das gehe allerdings nur dann gut, wenn man bereit sei, auf Konventionen zu pfeifen und man müsse konsequent den eigenen Weg gehen: «Nur wer sich zu etwas zwingen lässt, ist verloren.»

Was halten Sie von Jennifer Anistons offenem Brief? Können Sie diesen nachvollziehen? Oder sind wir in der Schweiz fortschrittlicher?

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jane38 am 29.07.2016 12:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hausfrau

    umd was ist daran schlecht hausfrau und mutter zu sein? es nervt genauso ständig gefragt zu werden was man arbeitet oder wan man wieder anfängt zu arbeiten

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  • Wulline am 29.07.2016 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz

    Unnötige Diskussion, wer Kinder haben will, soll Kinder haben. Wer keine will, nicht. Was ist daran so schwierig? Toleranz heisst das Schlüsselwort.

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  • Mutter am 29.07.2016 12:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild?

    Also als Vorbild sehe ich diese Milo Moiré bestimmt nicht. Wir Frauen können uns selber sein und unsere Töchtern und Söhnen ein Vorbild sein, ohne dass wir nackt in der Gegend rumlaufen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Donna M. am 29.07.2016 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder

    Ich habe leider keine Kinder bekommen können. Habe das stets offen Kommuniziert, wenn mich jemand danach fragte. Trotzdem fühle ich mich als vollständige Frau. Es fehlt mir an nichts, bin absolut zufrieden mit mir und meinem Leben. Aniston hat recht damit. Dieses ewige Fragen kann wirklich nerven.

  • Yoligauki am 29.07.2016 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meinungsfreiheit?

    Also will Jennifer Aniston die Meinungsfreiheit der Paparazzis wegnehmen, nur weil sie anscheinend kein Selbstvertrauen hat. Das klingt ganz stark nach einem Fall der Art Erdogan.

    • Donna M. am 29.07.2016 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Yoligauki

      Das sehe ich anders. Diese Frau hat genug Selbstvertrauen. Sonst hätte sie wohl kaum ein offener Brief geschrieben. Recht hat diese starke tolle Frau.

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  • Mann am 29.07.2016 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld

    Nichts für ungut aber Ihr Frauen seit es die Euch ständigs unter Druck setzt! So fragen wie, bist Du schon verheiratet, hast du Kinder oder was arheitest du neben dem Haushalt, höre ich immer nur von Frauen!

  • non-swiss am 29.07.2016 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    frage unpassend

    In der Schweiz so eine Frage zu stellen, ist sowieso heikle. . über die Hälfte der Bevölkerung hat nicht mal Eigenheim, klar stellt man sich zuerst die Frage was man eigenen Kinder geben kann. die Schweiz ist kinderUNfreundlich und sogar gefährlich für die Kinder und deren psychische Gesundheit..

  • Armin am 29.07.2016 15:21 Report Diesen Beitrag melden

    Veraltetes Frauenbild der Linken

    Diesem veralteten linken (feministischen) Frauenbild haben wir u.a. zu verdanken, dass wir viel zu wenig Kinder haben und eine alternde Gesellschaft geworden sind. Ich mag diese kinderfeindlichen Sprüche nicht mehr hören.