SP-Nationalrat Hadorn

20. Januar 2012 10:54; Akt: 20.01.2012 11:09 Print

Jesus statt Darwin - Sozi will Lehrplan ändern

von Simon Hehli - Die SP setzt sich gegen den Fundamentalismus ein. Doch die Partei hat neu einen frommen Nationalrat, der Abtreibung verbieten und die Schöpfungsgeschichte an den Schulen lehren möchte.

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SP-Nationalrat und Gewerkschafter Philipp Hadorn trägt seine fromme Gesinnung mit dem roten Fischli-Pin zur Schau.

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SP-Präsident Christian Levrat trägt gerne einen roten Pin mit dem Parteilogo. Auch Genosse Philipp Hadorn trägt einen roten Pin – aber dieser hat die Form eines Fischs. Das sei für ihn «ein Bekenntnis, dass ich jemand bin, für den Jesus wichtig ist», betont Hadorn gegenüber 20 Minuten Online. Der neue Solothurner Nationalrat ist als bekennender Frommer ein Exot in seiner Fraktion. Als einziger SP-Vertreter weit und breit spielt er mit dem Gedanken, Abtreibungen wieder zu verbieten. Und er möchte die Schöpfungsgeschichte in den Lehrplänen verankern: «Ich würde mir wünschen, dass in der Schulbildung nicht nur der Darwinismus Platz findet, sondern auch die biblische Erklärung für die Entstehung der Welt und der Arten.»

Hadorn stellt sich damit auf die Seite der Kreationisten. Diese bekämpfen vor allem in den USA eifrig die darwinistische Evolutionstheorie. Denn Darwins Erkenntnis, dass die Menschen das Produkt einer langen Fortentwicklung der Arten sind, steht im fundamentalen Widerspruch zu einer wörtlichen Auslegung der Bibel. Dort steht, Gott habe den Menschen als sein eigenes Abbild geschaffen.

Für ihn sei klar, dass Gott der Schöpfer allen Lebens auf dieser Welt sei, sagt Hadorn. Wie er das genau gemacht habe, in welcher Form und in welchem Zeitablauf, spiele für seinen Glauben, seine Politik und sein Leben zwar keine zentrale Rolle. «Ich finde es aber schade, dass wissenschaftliche Kreise die Idee des Intelligent Design als Gift betrachten.» Intelligent Design ist eine Spielart des Kreationismus: Ein intelligenter Urheber – also Gott – habe Tiere und Pflanzen geformt, nicht die natürliche Selektion.

Kopfschütteln bei der SP

Dass ein Genosse solches evangelikales Gedankengut gerne in den Lehrplänen integriert sähe, löst bei anderen Sozialdemokraten Kopfschütteln aus. Zumal die Partei in ihrem Programm schreibt, sie setze «Irrationalismus und religiösem Fundamentalismus das Modell einer pluralistischen Gesellschaft im laizistischen Staat entgegen (…)». «Es ist völlig abwegig, dem Kreationismus einen Platz in unseren öffentlichen Schulen einzuräumen», sagt der Schaffhauser Nationalrat Hans-Jürg Fehr. Wer daran glauben wolle, solle das im Privaten machen.

Noch deutlicher äussert sich der Präsident der Jungsozialisten (Juso), David Roth. «Wenn Hadorn will, dass der Kreationismus an den Schulen gelehrt wird, dann sind wir nicht nur irritiert – dann haben wir Krach.» Der Staat betreibe schliesslich weder Kloster- noch Koranschulen. Die Schule diene der Vorbereitung der Kinder auf das Leben, das solle auf einer wissenschaftlichen Basis geschehen, erklärt Roth. Wissenschaft habe immer Empirie zur Grundlage und basiere auf nachvollzieh- und nachprüfbaren Aussagen. «Beides ist beim Kreationismus nicht gegeben.»

Auch gegen die Homo-Adoption

In gesellschaftspolitischen Fragen tickt Hadorn nicht nur in Bezug auf die Abtreibung wertkonservativ. Das zeigt ein Blick auf sein Smartvote-Profil. Er sagt «eher Nein» zur Drogenlegalisierung, zur Sterbehilfe und zur Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare. Er werde bei Bedarf auch mal anders stimmen als die Mehrheit der Fraktion, so der dreifache Familienvater.

Die ethische Richtschnur sei für ihn die Bibel. Gegen Abtreibungen wehrt er sich auf der Grundlage der Schrift, weil die Gesellschaft ihre schwächsten Glieder schützen müsse – also die ungeborenen Kinder. Eine Welt ohne Drogen wäre für Hadorn eine bessere Welt. Und dass Homosexuelle Kinder adoptieren können sollen, entspricht für ihn nicht dem «natürlichen Zustand der Familie».

Hadorn bemüht sich jedoch um eine differenzierte Haltung. Wir lebten nun mal in einer Welt, in der nicht alles so sei, wie es wünschenswert wäre. Auch als gläubiger Christ könne man nicht alles schwarz oder weiss sehen. «Ich will nicht in eine fundamentalistische Ecke gedrängt werden.» Respekt und Anerkennung gegenüber Gleich- und Andersdenkenden sei ebenfalls eine zutiefst christliche Tugend.

Mehr ein Problem für Hadorn als für die Partei

Mit seinen «exotischen» gesellschaftspolitischen Haltungen isoliert sich Hadorn jedoch in seiner Fraktion. Das sei weniger ein Problem für die Partei als für Hadorn selbst, sagt Hans-Jürg Fehr. «Er muss damit zurechtkommen, ganz am Rand der Fraktion zu stehen.» Falls Hadorn beginnen würde, bei den Genossen zu missionieren, würde er auf massivsten Widerstand stossen, ist sich Fehr sicher. Auch die Solothurner Nationalrätin Bea Heim macht klar: «Ein Abtreibungsverbot ist für uns sicher kein Thema.»

Harschere Töne kommen wiederum von Juso-Chef Roth. Er wirft Hadorn eine «extrem reaktionäre Haltung» vor. «Es ist nicht akzeptabel, wenn ein Nationalrat in der Abtreibungs-Frage von der Parteilinie, die seit Jahrzehnten ganz klar ist, abweicht.» Roth fordert, dass die SP nicht zur «Mandatelieferantin für Evangelikale und Vertreter anderer radikaler Glaubensrichtungen» werden dürfe. Er lehne es auch ab, dass ein Sozialdemokrat religiöse Symbole wie das Fischli (siehe Box) verwendeten. «Das hat in der Politik nichts verloren.»

Doch für Hadorn beruht seine politische Karriere auf dem Glauben. Sein Einzug in den Nationalrat sei Gottes Wille, sagt das Mitglied der Evangelisch-Methodistischen Kirche Gerlafingen, einer gemässigten evangelikalen Freikirche. «Ich wusste eine ganze Schar von Betern hinter mir», erklärte er nach der Wahl auf der Website jesus.ch. Diese spirituelle Unterstützung war in seinen Augen ausschlaggebend, dass er seine härtesten parteiinternen Konkurrenten hauchdünn – mit 22 respektive 28 Stimmen Vorsprung – schlug.

«Ich bin in der richtigen Partei»

Angesichts seines frommen Weltbildes stellt sich die Frage, warum Philipp Hadorn überhaupt bei der SP gelandet ist. Das wollten auch Leute aus dem religiösen Lager immer wieder von ihm wissen, erklärt Hadorn. Doch für ihn sei es eben genau die SP, die seinem sozialen Gedankengut am besten entspreche. «Jesus hat uns vorgelebt, jenen Menschen zu helfen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.» Was die Fürsorge für die Mitmenschen anbelangt, sei er deshalb in der völlig richtigen Partei.

«Sozialpolitische Fragen sind doch für die Politik viel entscheidender als etwa die Frage, wer mit wem ins Bett geht», findet Hadorn. Auch in der Bibel gehe es viel häufiger um das Verhältnis zwischen Arm und Reich als um Sexualmoral, betont der Sekretär der ÖV-Gewerkschaft SEV. Und verteilt noch einen Seitenhieb an jene Glaubensbrüder, die bei der SVP oder der EDU gelandet sind: «Ich finde es vielmehr irritierend, wenn bekennende Christen bei Parteien sind, die eine Politik fürs Grosskapital machen statt für die ‹kleinen Leuteۛ›».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • icky am 20.01.2012 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Die erde ist rund

    Für alle die sich über die Schöpfungstheorie lustig machen:in Jesaja 40:22 wird erwähnt das die Erde rund ist, in Hiob 26:7 das sie an nichts im Weltall aufgehängt ist.Dies zu einem Zeitpunkt als man die Erde noch für eine Scheibe oder sonst was hielt.Klar kann man nun mit Gegenargumenten kommen, aber wer etwas objektiv ist, müsste diesem Achtung schenken.

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  • J. Lennon am 20.01.2012 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Stellt euch vor, es gäbe keine Religionen; die Menschen würden friedlich zusammenleben.

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  • Beat am 20.01.2012 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist rationaler?

    Wenn ich diese Kommentare so lese, frage ich mich, wie viele Personen, die hier so kritisch über die Bibel und über Gott schreiben, überhaupt wissen, was in der Bibel steht. Ich behaupte es sind die wenigsten. Ich frage mich auch, ob es tatsächlich logischer und rationaler ist, an einen alles dominierenden Zufall oder einen allmächtigen Gott zu glauben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beobachter am 21.01.2012 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Bildung!!

    Selbstverständlich hat die Bibel Platz!!! ABER! Das Problem liegt darin, dass hier ein Kategorialfehler vorliegt... Die Genesis ist eine Erklärung der Schöpfung im Sinne von Glauben, und Wissenschaft ist Wissenschaft! Beide Denkweisen sind absolut gleich berechtigt, sie dürfen jedoch nicht verwechselt werden. Zu einer guten Bildung gehört NICHT bloss Wissenschaft sondern ganz klar auch Religion mit ihren Denkmustern... es wäre ja lächerlich, wenn man Wissenschaft ohne deren Hintergrund vermittelt... also der ehemaligen Verbundenheit mit Religion!!! DAS ist gute Bildung!!!

  • Heinz Ungläubig am 21.01.2012 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glauben nicht gleich wissen

    Glauben heißt nicht wissen, in der schule sollte aber nur wissen gelehrt werden.

  • Roman am 21.01.2012 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Atheismus ist auch Glaube

    Religion ist Privatssache. Daran gibt es nichts zu rütteln. Weshalb das so ist erklärt sich aus der Geschichte (Inquisition, Kreuzzüge etc.). Herr Hadorn beweist doch jetzt schon in seinen Worten seine zutiefst christliche Ablehnung von Andersdenkenden. Kreationisten beziehen sich nur auf die Bibel, die Wissenschaft hat sich über Jahrhunderte immer wieder selbst bewiesen über Forschung und Empirie. Die Bibel wurde nachweislich nach Gutdünken zusammengestellt, ganze Bücher wurden einfach weggelassen. Christlicher Fundamentalismus ist nichts Neues. Gehöre jetzt wohl zu den Ungläubigen!

  • Nope am 21.01.2012 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Negativ

    Betrachtet es so: Die NATUR ist Gott! Gott ist nicht irgend ein Übernatürliches-Energie-Wesen oder was auch immer. Die Natur macht was sie will, wie sie will und wann sie will. Unmöglich zu bestimmen. Erweitert euren Geist und betrachtet mal nicht nur die Erde, sondern dazu einmal das unendlich grosse Universum! Wir halten uns für viel zu wichtig! Öffnet die Augen. Der Darwinismus ist definitiv das einzige was gelehrt werden soll! P.s. da ich Schüler bin, weiss ich was die Jugendlichen von der Bibel (und deren Geschichten halten). Niemand, wirklich Niemand glaubt an den Quatsch. ABGELEHNT

  • Alanus am 21.01.2012 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    päpstliches Zitat

    "Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar." -(Johannes Paul II)