Drogenberatung durch Hausärzte

27. Juni 2014 05:19; Akt: 27.06.2014 05:19 Print

Kokainsüchtige begleiten statt auf Abstinenz pochen

von C. Bernet - Kurse für Hausärzte sollen diesen den kontrollierten Konsum von drogensüchtigen Patienten näherbringen. Das Abstinenzziel rückt in den Hintergrund. Das empört Drogengegner.

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Hausärzte sollen drogensüchtige Patienten zu einem kontrollierten Konsum verhelfen - etwa Kokainabhängige. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

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Die Drogenpolitik in der Schweiz ist in Bewegung: Über fünf Jahre nach der klaren Ablehnung der Hanflegalisierungs-Initiative wollen verschiedene Städte Kiffer-Clubs für den legalen Cannabiskonsum einrichten. Auch die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen (EKDF) denkt laut über Regulierungsmodelle für Hanf nach – inspiriert von Gesetzen in Uruguay oder im US-Bundesstaat Colorado. Die Abstinenz als Ziel beim Umgang mit Drogensüchtigen gerät ins Hintertreffen.

Ab 2015 sollen Kurse Hausärzte darin stärken, drogensüchtigen Patienten auf dem Weg des sogenannten selbstdefinierten Konsums zu begleiten, wie die NZZ berichtet. Im Fokus stehen Kokainsüchtige und Kiffer. Statt primär mit abstinenzorientierten Methoden zu arbeiten, sollen Hausärzte ihren Patienten zu einem kontrollierten Drogenkonsum verhelfen. Eine vollständige Abstinenz ist dabei allenfalls ein Fernziel.

«Drogen aufgeben ist immer am besten»

Sabina Geissbühler-Strupler, Präsidentin der Organisation Eltern gegen Drogen, lehnt die Kurse ab. Die Erfahrungen aus dem staatlichen Heroinabgabeprogramm zeigten, dass der Weg vom kontrollierten Konsum hin zur Abstinenz nicht funktioniere: «Wer einmal in einem Abgabeprogramm landet, bleibt sein Leben lang abhängig.» Den Drogenkonsum aufzugeben sei immer die beste Variante.

Ein kontrollierter Konsum von Kokain und Cannabis sei gar nicht möglich. Kokain etwa könne unkontrollierte Gewaltausbrüche auslösen und sei ein Faktor bei vielen Gewalttaten. Auch Cannabis wirke individuell sehr unterschiedlich und führe häufig zu Psychosen. Alle Drogen schädigten die seelische und körperliche Gesundheit des Menschen und könnten verheerende Auswirkungen haben: «Vom Konsum ist deshalb dringend abzuraten.»

«Abstinenz für alle ist weltfremde Utopie»

«Dieses Projekt nimmt eine Realität auf», widerspricht Thomas Kessler, Experte der EKDF. Die Droge allein sei nie ein isolierter Faktor für die Gesundheitsgefährdung eines Abhängigen. Hinzu kommen weitere Faktoren: «Ist die Substanz sauber, hat der Süchtige einen Beruf, eine Perspektive, ein stabiles Umfeld?»

Das müssten Ärzte bei ihren Empfehlungen berücksichtigen. Nicht immer sei strikte Abstinenz die richtige Strategie: «Das sofortige Absetzen ist für Drogenabhängige schwierig und führt häufig zu Rückfällen, bei denen dann noch mehr konsumiert wird.» Kessler plädiert für eine möglichst grosse Freiheit für die Hausärzte. Eine staatlich diktierte Vorgehensweise sei kontraproduktiv: «Das Ideal einer Abstinenz für sämtliche Menschen ist eine weltfremde, moralische Utopie.»

«Bin Ärztin, nicht Pfarrerin»

Auch die Hausärztin und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne) begrüsst die Kurse: «Wir sind froh über eine Professionalisierung in diesem Bereich.» Wenn ein Patient mit Suchtproblemen in ihre Praxis komme, sei es nicht ihre Aufgabe, eine Moralpredigt zu halten. «Ich bin Ärztin, nicht Pfarrerin.» Sie sei verpflichtet, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer Berufserfahrung den besten Weg zu finden, um den Zustand des Patienten zu verbessern. Das sei nicht immer die sofortige Abstinenz.

Bei einem Jugendlichen mit einem Cannabisproblem etwa gehe es zuerst einmal darum, dieses in der Sprechstunde zu analysieren. Dann könne eine therapeutische Begleitung durch eine Suchtberatungsstelle aufgegleist werden und Eltern und Arbeitgeber einbezogen werden. Mit einer Zielvereinbarung werde dann eine schrittweise Reduktion angestrebt – zunächst etwa mit einem Verzicht auf Cannabiskonsum am Morgen.