Hautfarbe und Religion

11. Oktober 2017 08:04; Akt: 11.10.2017 10:57 Print

«Ich wurde in der Schweiz noch nie diskriminiert»

von D. Pomper - Jeder Dritte stört sich hierzulande an Muslimen, Juden oder Schwarzen. Hier erzählen eine Frau und zwei Männer, wie sie den Alltag in der Schweiz erleben.

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36 Prozent der Bevölkerung stören sich an als «anders» empfundenen Personen. Insbesondere Männer und ältere Menschen. Das zeigt eine nationale Erhebung. Doch was machen Muslime, Juden oder Dunkelhäutige hierzulande im Alltag für Erfahrungen?

Aurélie Jeger (29) aus Zürich, gelernte Verkäuferin, ursprünglich aus Kamerun: «Die Schweiz ist ein Einwanderungsland»
«Ich kam mit 13 Jahren aus Kamerun in die Schweiz und wurde hier sehr gut aufgenommen. Blöde Sprüche oder gar Beschimpfungen wegen meiner Hautfarbe höre ich praktisch keine. Nie hat jemand ‹Neger› oder etwas in dieser Art zu mir gesagt. In der Schule gab es viele Ausländer: Ex-Jugoslawen, Albaner, Afrikaner. Da wurden keine rassistischen Sprüche gerissen. Auch in der Ausbildung und später im Job wurde ich nie diskriminiert. Die heutige Schweiz ist ein Einwanderungsland. Das ist eine Realität, die zumindest in der Stadt Zürich allgemein akzeptiert ist.

Gerade junge Leute sind sehr interessiert. Sie wollen wissen, wie ich meine Zöpfli mache, oder fragen mich über mein Herkunftsland aus. Wenn jemand meine Haare berühren will, habe ich damit kein Problem, ich finde das sogar lustig. Das ist halt auch Einstellungssache. Einmal hat ein Kind meine Grossmutter gefragt, ob sie denn nicht ihre Haut besser waschen könne. Wir mussten lachen. Das war einfach ein neugieriges Kind.

Wenn man mal eine negative Bemerkung hört, dann stammt diese meist von älteren Menschen, die noch ein anderes Weltbild haben. Als ich im Bus neulich einen älteren Herren darauf hinwies, sich wegen des Kinderwagens doch etwas zur Seite zu stellen, meinte er, ich hätte nichts zu melden, da ich ja nichts dafür bezahlen würde. Aber das sind Kleinigkeiten, über die ich mich nur kurz aufrege.»

Paul L.* aus Zürich, 26, Dolmetscher, Jude: «Viele Junge finden es cool, dass ich Jude bin»
«Im Grossen und Ganzen mache ich als Jude in der Schweiz gute Erfahrungen. Allerdings werde ich seit Jahren immer wieder gemobbt, attackiert und beschimpft. Ich wurde schon als Zionistenschwein oder Scheissjude bezeichnet. Ganz schlimm war es im Jahr 2014, als Israel eine Militäroffensive im Gazastreifen startete. Auf meinem Pult am Arbeitsplatz beim Bund lagen plötzlich entsprechende Zeitungsausschnitte. ‹Schau mal, was ihr mit den armen Palästinensern macht›, sagten einige. Die Israelis würden gegen sie die gleiche Taktik anwenden, wie Nazi-Deutschland gegen die Juden. Ich traute mich nicht mehr zur Arbeit, wurde krankgeschrieben und kündigte schliesslich.

Völlig fehl am Platz fühle ich mich etwa in Luzern oder im Wallis, wo die Leute regelrecht gaffen. Dort fühle ich mich jeweils wie ein Marsianer. Was mir aber auffällt, ist, dass die Jungen im Vergleich zu den über 35-Jährigen extrem offen gegenüber uns Juden sind. Ich habe schon öfter erlebt, dass sie auf der Strasse aufgrund meiner Kippa auf mich zugekommen sind und Fragen zum Judentum gestellt haben. Etwa, ob wir Männer alle beschnitten sind, was wir essen, wie wir Geschlechtsverkehr haben. Viele finden es cool, dass ich Jude bin. Die Jungen sind halt in einem viel internationaleren Umfeld aufgewachsen als die ältere Generation.

Ich habe auch einige muslimische Kollegen. Uns verbindet, dass wir beide diskriminiert werden. Die Juden gelten als geizige Weltverschwörer, die Muslime als Terroristen. Mein Coiffeur, ein Iraker, erlebt das Gleiche wie ich: Viele schauen uns schräg an – wenn auch aus verschiedenen Gründen.»

R. S.* (30) aus Luzern, Mediengestalter, Muslim: «Er fragte, ob ich Schaffe figge»
«Mein Vater ist Schweizer, meine Mutter Südostasiatin. Meine Kindheit als Muslim im luzernischen Entlebuch war unbeschwert. Die Leute reagierten gelassen darauf, dass ich kein Christ bin. Niemand hatte ein Problem damit, dass ich kein Schweinefleisch esse und nicht Weihnachten feierte. Heute aber ist alles ganz anders. In den Medien werden wir Muslime immer schlechter dargestellt. Ich spüre viele negative Vibes.

Die heftigste Erfahrung, die ich aufgrund meiner Religion gemacht habe, war an einem früheren Arbeitsplatz. Als mich der Geschäftsinhaber zum ersten Mal sah, wollte er wissen, woher ich komme. Aus der Antwort folgerte er, dass ich Muslim bin. Dann fragte er mich: ‹Fickst du Schafe?› Dann folgte eine Hasstirade gegen Muslime. Überall, wo sie sich ausbreiteten, würde Elend herrschen, sagte er. Es war wirklich heavy. Ich war perplex, fühlte mich innerlich gelähmt. Es ist ok, wenn jemand den Islam kritisiert. Aber nicht auf diesem Niveau. ‹Scheiss-Muslim› oder ‹Schafficker› sind Beleidigungen, die wir Muslime leider immer wieder hören.

Wie ich damit umgehe? Ich fresse alles in mich hinein. Ich bin Schweizer, war in der RS. Trotzdem fühle ich mich hier zunehmend fremd und ungewollt. Ich bedaure das sehr, denn ich weiss, dass unsere Gesellschaft anders funktionieren könnte. Zu meinen drei besten Freunden gehören ein Christ, ein Jude und ein Atheist. Von denen hat keiner ein Problem damit, dass ich fünf Mal am Tag bete. Ich wünsche mir einfach mehr Akzeptanz und dass die Leute zuerst nachdenken, bevor sie lospoltern.»

*Namen der Redaktion bekannt