Sozialhilfe-Verzicht

17. August 2016 13:49; Akt: 12.10.2016 14:17 Print

«Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein»

Jeder Vierte bezieht in der Schweiz keine Sozialhilfe, obwohl er dazu berechtigt wäre. Leser erzählen, warum sie den Gang aufs Sozialamt scheuen.

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Nicht jeder, der in der Schweiz Anspruch auf staatliche finanzielle Unterstützung hat, nimmt diese auch in Anspruch. Gemäss einer neuen Studie der Berner Fachhochschule verzichten 26,3 Prozent auf den Bezug von Sozialhilfe. Auf dem Land sind es gar 50 Prozent. Der Studie liegen Daten aus dem Kanton Bern zu Grunde.

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«Es darf vermutet werden, dass diese Resultate für die ganze Schweiz gültig sind», sagt Studienautor Oliver Hümbelin zum «Tages-Anzeiger». Ob Ausländer oder Schweizer eher den Gang aufs Sozialamt wagen, geht aus der Studie nicht hervor.

«Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen»

«Viele Leute schämen sich, aufs Sozialamt zu gehen», sagt Dorothee Guggisberg, Geschäftsführerin bei der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). «Sie wollen Ihre Probleme erst einmal selber lösen. Viele beantragen auch erst nach ein paar Monaten Erwerbsausfall Sozialhilfe, weil sie hoffen, ihre Situation werde sich schnell verbessern.»

Auch Leser von 20 Minuten beziehen keine Sozialhilfe, obwohl sie dazu berechtigt wären. «Ich könnte mich nicht mehr im Spiegel anschauen», sagt zum Beispiel Silvan M.* (25). Er arbeitete bei einer Sicherheitsfirma, die ihn nach einem längeren Spitalaufenthalt entliess. «Meine Chefs haben mich übers Ohr gehauen, gemobbt und versucht, mich rauszuekeln. Dann hat man mich entlassen, als ich zum Kostenfaktor wurde.» Arbeitslosengeld bekomme er keines, da es sich um einen Arbeitsvertrag auf Abruf gehandelt habe. Seit Februar ist M. wegen Depressionen und Schlafstörungen krankgeschrieben.

Dem Staat auf der Tasche liegen will M. jedoch nicht. «Bereits jetzt lebe ich isoliert und gehe nicht an Familienfeste, weil ich mich so sehr dafür schäme, keine Arbeit mehr zu haben.» Er sei 25, habe gute Noten und einen KV-Abschluss. «Ich bin kein Sozialfall.» Er habe bereits wieder eine Stelle gesucht, obwohl er noch krankgeschrieben sei. «Ich ging bei einer Sicherheitsfirma Probearbeiten.» Seine Ersparnisse habe er inzwischen aufgebraucht und sein Auto verkauft. Seine Eltern finanzierten ihn vorerst.

Eltern helfen aus

Leserin Maria I.* (25) lebt ebenfalls lieber vom Geld der Eltern als vom Kredit des Staats. «Mein Ex-Partner war untreu und machte mich psychisch fertig. Seit der Trennung bin ich wegen Depressionen und einer Traumastörung in psychiatrischer Behandlung.» Seither sei sie nicht mehr arbeitsfähig und krankgeschrieben. Momentan lebt sie vom Erbvorbezug ihrer Eltern. «Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein, das würde mich psychisch belasten.»

Leser Rolf L.* (48) dagegen bezog sechs Monate lang Sozialhilfe und ist froh, dass diese Zeit vorbei ist. Er sei nach mehreren Unfällen arbeitsunfähig geworden, trage eine Prothese. «Das Sozialamt wollte jeden Rappen meiner Ausgaben protokollieren, alles musste bewilligt werden. Ich fühlte mich nicht mehr als freier Mensch.» Auf dem Amt sei er schikaniert worden. «Sie wollten mir mein Auto wegnehmen.» Dank einem Jobprogramm der IV konnte er sich zur Bürokraft umschulen lassen und arbeitet nun wieder Teilzeit.

* Namen der Redaktion bekannt

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • cappuccina94 am 17.08.2016 14:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alle Eltern können zahlen

    Fall 1 & 2: können sich glücklich schätzen, dass die Eltern in der Lage sind, auszuhelfen. Nicht jeder hat diese Möglichkeit und dann bleibt oftmals keine andere Option mehr.

  • Eidgenosse 1977 am 17.08.2016 14:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst euch helfen!!!!!

    Es ist keine Schande sich helfen zu lassen, es kann jeden unerwartet oder unverschuldet treffen, wie bei einer Krankheit. Auch wenn es schwer ist, von anderen abhängig zu sein, solange wir unsere Steuern und Krankenkassenpraemien zahlen, können wir auch die entsprechenden Leistungen in Anspruch nehmen, wenn wir darauf angewiesen sind, bis wir wieder einen Job haben, oder wieder gesund sind.

  • Mandrina am 17.08.2016 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe das sehr gut

    Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn jemand schon im Sumpf sitzt will er nicht noch mehr bekommen. Diese Ämter machen es einem nicht einfacher sondern drücken in der Regel noch einen darauf. Ich hoffe für die betroffenen, dass sie das Leben auch ohne Staatshilfe wieder auf die Reihe bekommen und auch wieder gesund werden!

Die neusten Leser-Kommentare

  • FlaMem am 17.08.2016 22:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht so!

    Wenigstens einige Vernünftige gibt es. Mir geht es zwar dank harten Ausbildungen und stetem Fleiss sehr gut, aber wäre dem nicht so, würde auch ich mir eher ein Ende setzen, als der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Pfui teufel.

  • Thepacman am 17.08.2016 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe das

    Irgendwo durch kann ich das verstehen. Jedoch sollte man sich nicht dafür schämen, da es einfach jeden treffen kann. Wenn man sonst eh schon Probleme hat, machen es einem die Ämter auch nicht immer leicht. Aber das kann man auch den Schmarotzern verdanken.

  • marko 31 am 17.08.2016 16:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sozialhilfe

    Dazu muss man sich nicht schämen das gehört zum Leben dazu Ist doch besser als betteln

  • Sam Süffi am 17.08.2016 15:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Davon laufen...

    Ich bin selber Sozi gewesen und jetzt pensioniert. Es "langt" nirgendwohin. Zusatzleistungen will ich nicht beantragen. Der Ton bei den Ämtern und die abschätzende Einstellung gegen Hilfesuchende ist immer wieder entwürdigend. Ich mag der Willkür und der Stimmung eines Sachbearbeiters nicht ausgesetzt werden. Es gibt Ausnahmen, ich weiss das. Man weiss es nicht im Voraus. In meinem Leben habe mit weit über 10'000 Menschen zu tun gehabt, ihnen weitergeholfen manchmal ohne bleibenden Erfolg und manchmal mit Erfolg. Mein Stolz steht mir im Weg... Ich verstehe diejenige, die sich zurückziehen. Sich zu schämen ist eine grosse Hürde, die bei den zuständigen Stellen meist nicht ernst genommen werden. Meine Lösung ist es, auszuwandern.

  • Johnson Elvis am 17.08.2016 15:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Weiss eigentlich jemand der behauptet dem Staat nichts Schuldig sein zu wollen wieviel man verdienen muss um es zurück zu zahlen? Ich Arbeite 80% und bin Vater geworden ich verdiene leider rund 600.- Franken zu wenig weshalb ich sehr gerne zum Amt gehe und mich unterstützen lasse bis meine Frau wieder Arbeiten kann den so kann ich meine KK bezahlen was 650.- im Monat ausmacht. Um dem Staat was retour geben zu müssen müsste man P.p rund 7-8000.- verdienen oder einen grösseren Lottogewinn verzeichen was den meisten von uns Sowieso nicht vergönt ist.Habe leider keine Reichen Eltern wie die Dame

    • Paolap am 17.08.2016 15:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Johnson Elvis

      Hast du keine Prämienverbilligung beantragt? Steht Euch zu

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