Kultur der Ehrenmorde

09. Februar 2016 23:12; Akt: 09.02.2016 23:23 Print

«Auch die Täter sind bei diesen Morden Opfer»

von G. Brönnimann - Kurt Beutler ist interkultureller Berater in Zürich. Jetzt hat er ein Buch über Ehrenmorde in der arabischen Kultur geschrieben. 20 Minuten hat mit ihm gesprochen.

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Herr Beutler, Sie sind als interkultureller Berater tätig. Was bedeutet das genau?
Ich arbeite beim Verein Meos und berate Arabisch sprechende Einwanderer im Grossraum Zürich. Unsere Beratungen reichen von alltäglichen Fragen, Unterstützung bei Übersetzungen bis hin zu Hilfe bei kulturellen Spannungen und Problemen.

Wie kamen Sie zu diesem Beruf?
Ich bin seit 25 Jahren mit einer Ägypterin verheiratet, habe selbst sechs Jahre lang im Nahen Osten gelebt. Ein Teil meiner Identität ist arabisch.

Nun haben Sie ein Buch über Ehrenmorde geschrieben – bei uns, in Europa und in der ganzen arabischen Welt. Was hat Sie dazu veranlasst?
Mir wurde bewusst: In der arabischen Kultur ist etwas drin, das zu Gewalt führen kann. Und das ist die Ehre. Ob in Paris eine Redaktion gestürmt wird und einige Leute sich dafür rächen wollen, dass die Ehre von Mohammed angeblich beschmutzt wurde, oder ob in der Familie ein Ehrenmord oder Blutrache verübt wird: Die Vorstellung der Ehre ist zentral. Es gibt ja den Begriff «Ehrenmord» gar nicht im Arabischen – es heisst «die Schande abwaschen».

Es gibt Passagen in Ihrem Buch, die sind schwer begreifbar: Sie schreiben, Ehrenmörder – und davon gebe es Tausende – fühlten keine Schuld.
Offiziell spricht man weltweit von 5000 Ehrenmorden pro Jahr, es dürften in Wirklichkeit noch sehr viel mehr sein. Und ja: Weil die Kultur den Mord in diesem oder jenem Fall zur Wiederherstellung der Ehre verlangt, fühlen sich die Täter oft nicht schuldig.

Sie erzählen aber auch von einem Ehrenmörder, der seines Lebens nie mehr froh wurde.
Das zeigt, dass nicht nur die Ermordeten Opfer sind. Auch die Täter sind Opfer dieser Kultur, die sie zu diesen Taten treibt.

War das auch im Fall des Vaters der jungen Swera so, der die Schweiz 2010 so schockiert hatte?
Ja, der Ehrenmörder ist, auch in diesem Fall, tief gespalten. Er liebt seine Tochter. Es tut ihm weh. Aber er tut, was zu tun ist. Er ist wie ein Arzt, der ein Bein amputieren muss. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die direkt von Ehrenmorden betroffen waren. Es ist ein Wahnsinn, seine eigene Tochter oder seine Schwester umzubringen. Ich hörte von einem Mann in der Türkei, der weinte vor Schmerz, als er seine geliebte Schwester umarmte, während er ihr ein Messer in den Rücken rammte.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit mit potentiellen Opfern von Ehrenmorden zu tun? Bei aller Brisanz des Themas: Diese Fälle scheinen sich bei uns ja nicht zu häufen.
Es gibt bis jetzt nicht viele Fälle in der Schweiz. Fälle von Blutrache schon etwas häufiger. Aber ja, es handelt sich um Einzelfälle. Trotzdem: Für viele Menschen kann es leider auch in der Schweiz gefährlich werden. Etwa, wenn sie den Islam verlassen, oder sich in jemanden verlieben, der der Familie nicht passt.

Die wenden sich dann in der Not an Sie?
Es kommt vor, dass Leute vorbeikommen, die Angst vor ihrer eigenen Familie haben und sich verstecken wollen.

Wie kann man diesen Menschen helfen?
Kurzfristig, indem man die Person beruhigt und schaut, dass man sie irgendwo unterbringen kann. Langfristig ist das schwierig. Am besten ist es, wenn man die Schutzsuchenden völlig von ihren Familien trennt, so, dass sie in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen können. Die Person muss das natürlich wollen. Das braucht sehr viel Kraft.

Warum sucht man nicht zuerst die Kommunikation mit der Familie?
Das kann je nach Schwere des Falls heikel sein: Die Familie kann sich als gutmütig darstellen, die betroffene Person wieder bei sich aufnehmen – und nach zwei Wochen ist sie dann verschwunden. Zurück im Nahen Osten, Zwangsheirat, was auch immer. Langfristig sollte eine betroffene Person schon versuchen, die Beziehung zu Familienmitgliedern wieder aufzubauen. Die Familie, die Sippe, ist in der arabischen Welt extrem wichtig. Wer von ihr fortgeht, hält das kaum aus. Man kann zum Beispiel versuchen, nach einiger Zeit wieder Kontakt aufzubauen zu einzelnen Familienmitgliedern – via anonymen Telefonnummern.

Das klingt, als könne man kaum viel dagegen tun. Löst sich das nicht durch Integration? Blutrache und Ehrenmorde sind bei uns eher verpönt. Obwohl Sie in Ihrem Buch auch festhalten, dass Blutrache in Europa noch vor nicht allzu langer Zeit weit verbreitet war, es sie gebietsweise immer noch gibt.
Es ist nicht einfach. Europa hat diesen Prozess schon durchgemacht. Dieser Kampf steht der arabischen Kultur noch bevor. Und sie bringen diese Ehrenkultur mit, wenn sie zu uns kommen.

Bei den Lösungsansätzen wird ihre Argumentation dann ebenfalls religiös: Das letzte Kapitel handelt von Jesus. Sie schreiben, Jesus habe die westliche Kultur von der Ehrenkultur befreit. Was wollen Sie damit sagen? Ist Ihre Stiftung religiös motiviert?
Meos hat einen christlichen Hintergrund, ja. Es geht doch darum: Ausgerechnet der europäische Kontinent hat das Ehrenmord-Denken überwunden. Jesus' Denken und Handeln ist diesbezüglich in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Die Behauptung, die Überwindung des Ehrenmord-Denkens in der westlichen Welt gehe auf Jesus zurück, ist historisch trotzdem abenteuerlich, wenn man an die christliche Geschichte denkt, ihre Rachemord-Kultur, an die Kolonialzeit oder daran, dass im frühen Mittelalter die islamische Welt ein im Vergleich zum christlichen Westen tolerantes, kulturell …
... da wäre ich mir nicht sicher, ob das stimmt.

Sie wollen also Muslime vom Ehrendenken abbringen, indem sie mit ihnen über Jesus sprechen?
Die Menschen aus dem Islam sind oft sehr religiös. Das vergessen wir gerne, weil viele von uns Europäern Mühe haben, über Glauben und Gott zu sprechen. Für viele Muslime ist das ganz normal, sie haben oft viel weniger Probleme, über Jesus zu reden als wir Christen. Schliesslich ist Jesus im Koran ein sehr wichtiger Prophet. Da kann man gute Gespräche führen über das, was Jesus gesagt hat.