«Tickende Zeitbombe»

13. Januar 2012 10:01; Akt: 13.01.2012 10:54 Print

Wieso fährt der 1.Mai-Amok frei herum?

von Antonio Fumagalli - Der Amok-Fahrer von der Langstrasse rast schon wieder und stockbetrunken in eine Polizeikontrolle, obwohl er zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Wie ist dies möglich?

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Diese Aufnahmen gingen um die Welt - das Geschworengericht Zürich verurteilte D.B.* für die Tat zu sieben Jahren Haft (Video: «Tele Züri»). Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
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Er lernt es offenbar nie: Der seit seiner Amokfahrt am 1. Mai 2008 landesweit bekannte D.B.* wurde gestern vom Bezirksgericht Uster wegen mehrfach grober Verletzung der Verkehrsregeln, Fahren in fahrunfähigem Zustand, Fahren trotz Entzugs der Führerausweises und weiteren Vergehen zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt. Zudem hat das Gericht eine ambulante Therapie seiner Alkoholsucht angeordnet. Er ignorierte am 1. Mai 2011 – bizarrerweise exakt drei Jahre nach der Amokfahrt auf der Langstrasse – eine Polizeikontrolle und fuhr mit stark überhöhter Geschwindigkeit durch mehrere Dörfer. «Es war reines Glück, dass niemand zu Schaden kam», so der Gerichtsvorsitzende Marcel Moser.

Dabei hätte sich D.B. niemals ins Auto setzen dürfen. Das Zürcher Geschworenengericht verurteilte ihn im Juni 2010 wegen der Amokfahrt in der Zürcher Langstrasse zu einer Haftstrafe von sieben Jahren. Einen Führerschein hatte er längst nicht mehr. Doch weil sein Verteidiger das Urteil weiterzog, blieb D.B. auf freiem Fuss. Auf eine Inhaftierung wurde trotz einschlägiger Vorstrafen – er wurde zuvor bereits sechsmal wegen Fahren in fahrunfähigem Zustand verurteilt – verzichtet.

Warum wurde keine Sicherheitshaft ausgesprochen?

Wie kommt es, dass der notorische Raser nicht wirklich aus dem Verkehr gezogen wurde? «Für eine Wiederholungsgefahr, die erlaubt, jemanden in Sicherheitshaft zu nehmen, gelten strenge Voraussetzungen - es müssen beispielsweise grundsätzlich gleichartige schwere Vorstrafen vorliegen. Das war damals nicht der Fall», sagt der Zürcher Staatsanwalt Ulrich Weder, der die Anklage vor Geschworenengericht vertrat. Strafrechtsanwalt David Gibor ergänzt: «Die Sicherheitshaft stellt einen gravierenden Eingriff in die Freiheit eines Unschuldigen dar. Sie soll gerade bei Annahme von Wiederholungsgefahr besonders zurückhaltend angeordnet werden, weil der Betroffene nicht wegen einer begangenen Tat inhaftiert wird, sondern zur Verhütung künftiger Straftaten schlicht in Präventivhaft genommen wird.»

Die Strassenopfer-Vereinigung RoadCross kann dies nicht verstehen: «Bei einer solch akuten Wiederholungsgefahr muss auch eine Sicherheitshaft ins Auge gefasst werden», sagt Mediensprecher Silvan Granig. «Dieser Mann ist eine tickende Zeitbombe.» In der Tat ereignete sich die Verfolgungsjagd zwischen D.B. und der Polizei am 1. Mai 2011, also kein Jahr nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung durch das Zürcher Geschworenengericht. Bei den Zürcher Behörden fand seither offenbar ein Umdenken statt: Sie inhaftierten den Mann wegen Wiederholungsgefahr – und liessen ihn seither nicht mehr frei.

Der Opferanwalt im Prozess rund um die «Schönenwerd-Raser», Marco Unternährer, geht gar noch einen Schritt weiter: «Ist die Allgemeinheit so stark gefährdet wie hier, muss das Gericht gar eine Verwahrung zumindest prüfen.» Staatsanwalt Weder sagt dazu: «Das psychiatrische Gutachten betreffend die Horrorfahrt vom 1. Mai 2008 stellte dem Mann keine schlechte Prognose, und ähnliche Vorstrafen hatte er nicht. Zudem wurde bei ihm auch keine mit der Tat in Zusammenhang stehende psychische Störung diagnostiziert.» Weil ihm das Urteil des Geschworenengerichts im Strafmass zu mild war, zog auch er den Fall ans Bundesgericht weiter.

Wann sich das letztinstanzliche Gericht der Langstrassen-Amokfahrt annehmen wird, ist noch offen. Der Fall muss wegen einer Beschwerde der Verteidigung erst noch vom Zürcher Kassationsgericht behandelt werden. Anders als bei der Verhandlung vor dem Geschworengericht bleibt D.B. bis zum Gerichtstermin hinter Gittern.

* Name der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Deborah Sutter)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stephan am 15.01.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Ich glaube das einfach nicht. Wie kann man so jemanden noch auf freiem Fuss lassen? Unglaublich! Aber es hört ja doch niemand hin, dass mit solchen Leuten bis jetzt immernoch zu milde umgegangen wird...

  • B.K. am 15.01.2012 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Härtere Strafen für Wiederholungstäter..

    Wiederholungstäter sollten härter bestraft werden. In diesem Fall Fahrausweisentzug für Lebzeiten und nebenbei noch mind. 20 Einsätze mit der Feuerwehr an Unfallstellen. Vielleicht wird ihm dann ein Licht aufgehen was er mit seinem Verhalten anrichtet.

  • Geschorener am 14.01.2012 03:32 Report Diesen Beitrag melden

    Parkzeitüberschreiter köpfen

    Das Strafmass für die gleiche Tat in gewissen Ländern ist reinste Lotterie. Je nach Tageslaune der am Prozess beteiligten Leute und je nachdem was für eine Schauspielschule der Angeklagte besucht hat, wird eine ganz zufällige Strafe ausgesprochen. - Wenn man nicht messen kann, dann wirds eben ungenau. - Das ist meine ganz persönliche Meinung.

  • David am 13.01.2012 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    Noch vor sich

    Hätte er am 1. Mai 2008 bereits ins Gefängnis müssen, hätte er heute die 30 Monate abgesessen und käme wieder raus. Jetzt hat er es noch vor sich.

  • Christoph L. am 13.01.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Potentieller Mord

    Wenn jemand absichtlich in eine Personengruppe hineinfährt, ist er ein potentieller Mörder, der entsprechend verurteilt gehört, auch wenn dabei zufälligerweise niemand ums Leben kam. In diesem Fall soll auch die Mordwaffe, nämlich das Auto beschlagnahmt und verschrottet werden.

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