Bundesrat Merz tritt zurück

06. August 2010 11:50; Akt: 06.08.2010 12:58 Print

Parteien über Rücktritt erleichtertParteien über Rücktritt erleichtert

von Ronny Nicolussi - Der Rücktritt von Bundesrat Merz wird von den grossen Parteien begrüsst. Während die Grünen und die SVP Anspruch auf den Sitz erheben, gibt sich die CVP bedeckt.

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Am 27. April 1997 wurde der 54-jährige Hans-Rudolf Merz von der Landsgemeinde in Hundwil als Quereinsteiger in den Ständerat gewählt. Er hatte sich zuvor mit dem Verkauf der maroden Ausserrhodischen Kantonalbank an die damalige Bankgesellschaft profiliert. Seine berufliche Karriere hatte Merz als selbständiger Unternehmensberater und als Verwaltungsrat diverser Firmen absolviert. Unter anderem präsidierte er die Versicherungsgruppe Helvetia Patria. Im Ständerat profilierte sich der FDP-Politiker (hier mit seinem Innerrhoder Kollegen Carlo Schmid) als origineller Konservativer sowie als Präsident der Finanzkommission. Am 10. Dezember 2003 wurde Hans-Rudolf Merz zusammen mit SVP-Nationalrat Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt. Manche erwarteten oder befürchteten einen Rechtsruck im Bundesrat. Der neue Bundesrat mit Ehefrau Roswitha und den Söhnen Urs, Felix und Markus (von links). Im heimatlichen Herisau wurde Merz am 18. Dezember ein begeisterter Empfang bereitet. Hans-Rudolf Merz übernahm das Finanzdepartement und wurde zum erfolgreichen «Sparminister». Er sanierte die Bundesfinanzen und erzielte selbst in der Wirtschaftskrise einen Überschuss. Am Abend des 20. September 2008 erlitt Merz einen Herzstillstand. Dank der schnellen Reaktion einer befreundeten Frau konnte sein Leben gerettet werden. Tags darauf legte ihm der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel (Bild) im Berner Inselspital fünf Bypässe. Bereits am 3. November meldete sich Merz an seinem Amtssitz im Bernerhof zurück, scheinbar fit und genesen. Doch in der Folge wurde immer wieder über seinen Gesundheitszustand spekuliert. Hans-Rudolf Merz im Studio des Schweizer Fernsehens bei der Aufzeichnung seiner Neujahrsansprache als Bundespräsident 2009. Der vermeintliche Karrierehöhepunkt wurde zum Annus Horribilis. Für Unmut sorgte seine vermeintlich joviale Begegnung mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am 19. April 2009 vor der Anti-Rassismus-Konferenz in Genf. Israel reagierte empört und zog seinen Botschafter in Bern vorübergehend ab. Zum Debakel wurde die überstürzte Reise von Merz nach Tripolis während der Libyen-Krise am 20. August 2009. Bei einem Treffen mit dem libyschen Regierungschef Baghdadi Mahmudi entschuldigte er sich für die Verhaftung von Hannibal Gaddafi in Genf im Vorjahr. Tags darauf erklärte Merz in Bern, die beiden Geiseln Max Göldi und Raschid Hamdani würden demnächst zurückkehren: «Wenn die beiden Schweizer doch in Libyen zu bleiben hätten, jawohl, dann verliere ich mein Gesicht!» Es sollte noch Monate dauern bis zur Freilassung von Hamdani und Göldi. Auch ein kurzfristig anberaumtes Treffen mit Revolutionsführer Muammar Gaddafi am Rand der UNO-Vollversammlung im September in New York brachte keine Lösung. Ebenfalls unglücklich agierte der Finanzminister beim Thema Bankgeheimnis. Noch am 19. März 2008 hatte er im Nationalrat an die Adresse der in- und ausländischen Kritiker erklärt: «An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch die Zähne ausbeissen.» Es kam ganz anders, nicht zuletzt auf Druck des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück. Nachdem der G-20-Gipfel die Schweiz auf eine «graue Liste» der Steueroasen gesetzt hatte, erklärte sich der Bundesrat zur Übernahme der OECD-Standards und zum Abschluss neuer Doppelbesteuerungsabkommen bereit. Noch weiter ging die Schweiz gegenüber den USA: Am 19. Februar 2009 erläuterte der Bundespräsident den Entscheid der Finanzmarktaufsicht Finma, der US-Steuerbehörde IRS Daten von Kunden der Grossbank UBS auszuliefern. Ein Moment der Entspannung im harten Präsidialjahr war die traditionelle Bundesratsreise ins Appenzellerland: Hans-Rudolf Merz auf der Rodelbahn im innerrhodischen Jakobsbad. Beim Brunch am 1. August 2010 auf einem Bauernhof in Herisau wirkte Merz so entspannt wie lange nicht. Ein klares Indiz für den bevorstehenden Rücktritt.

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Dass FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz zurücktritt, sei positiv zu werten, sagt SP-Präsident Christian Levrat: «Er war zwar charmant, aber politisch unfähig.» Seine Führungsqualitäten im Finanzdepartement hätten sehr zu wünschen übrig gelassen. «Bei wichtigen Themen wie der Libyen- oder der UBS-Krise gingen unsere Meinungen zudem stark auseinander», so Levrat zu 20 Minuten Online. Er sei daher froh, dass Merz aus dem Bundesrat zurücktrete.

Überrascht zeigte sich der SP-Präsident darüber, dass Merz bereits nach der Herbstsession den Hut nehmen will. «Ich hätte gedacht, dass die FDP die Vorteile eines Doppelrücktritts sehen würde.» Die Freisinnigen wünschten dies aber offensichtlich aus parteipolitischen Gründen nicht. SP-Bundesrat Moritz Leuenberger hatte Anfang Juli seinen Rücktritt in der Wintersession angekündigt. Dass Merz nun ein anderes Datum gewählt hat, betrachtet Levrat als «Sandkastenspiel».

Grüne und SVP wollen Bundesratssitz

Einen Schritt weiter geht Ueli Leuenberger: «Es ist unverständlich und unverantwortlich, dass Merz nicht gleichzeitig mit Moritz Leuenberger zurücktritt.» Er rufe daher die beiden amtsmüden Bundesräte und ihre Parteien auf, sich zusammenzuraufen und einen gemeinsamen Termin für eine Ersatzwahl zu finden. Der Präsident der Grünen erinnerte daran, dass Merz’ Rücktritt bereits der vierte Rücktritt eines Bundesrats in der laufenden Legislatur sei.

Klar ist für Leuenberger: «Wir werden für den freiwerdenden Sitz kandidieren und unsere Arbeit wird in diese Richtung gehen.» Zu konkreten Namen möglicher Kandidatinnen oder Kandidaten mochte sich Leuenberger jedoch nicht äussern. Noch nicht klar ist die Position der CVP. Wird sie den FDP-Sitz angreifen, wie nach dem Rücktritt Pascal Couchepins vor einem Jahr? CVP-Präsident Christoph Darbellay sagt auf Anfrage, das sei noch nicht entschieden: «Wir werden ab Mitte August deshalb eine Fraktionssitzung einplanen, um unsere Strategie festzulegen.»

Neben den Grünen, die auf ihren ersten Bundesratssitz warten, erhebt die SVP Anspruch auf einen zweiten Sitz. Allerdings greift die wählerstärkste Partei der Schweiz vorerst nicht explizit den bisherigen FDP-Sitz an. Vielmehr lädt sie die übrigen Bundesratsparteien CVP, FDP und SP zu einem Vertiefungsgespräch ein. Mit der Doppelvakanz, die durch die Rücktritte der Bundesräte Leuenberger und Merz entstehe, müsse die Regierungsbeteiligung der Parteien neu diskutiert werden, heisst es in einem Communiqué der Partei. Dem abtretenden Bundesrat dankt die SVP «für seinen Einsatz zum Wohle des Landes».

Päckli von SP und FDP?

Zur Leistung Merz’ im Bundesrat findet Darbellay: «Er war ein guter Finanzminister. Er hatte die Finanzen im Griff und dafür danke ich ihm.» Als Bundespräsident sei der scheidende Bundesrat jedoch überfordert gewesen. Besonders in der Libyen- und UBS-Krise sei er nicht in der Lage gewesen, die Attacken auf die Schweiz abzuwehren. Dass er zudem genau an dem Tag zurücktrete, an dem Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP) den Abstimmungskampf zur Arbeitslosenversicherung lanciere, sei ein Beweis dafür, dass Merz ein Einzelkämpfer sei. Dass Merz nicht gleichzeitig mit Moritz Leuenberger zurücktreten wird, spielt für Darbellay keine grosse Rolle. «Die Termine sind so nahe aufeinander, dass ich davon ausgehe, dass SP und FDP ein Päckli gemacht haben.»

Für die FDP nimmt mit Bundesrat Merz der «erfolgreichste Finanzminister Europas» den Hut. Die Partei dankt ihrem Magistraten für «seinen grossen Einsatz» für die Schweiz und denkt bereits an dessen Nachfolge. Am frühen Nachmittag will die Parteispitze über «das Verfahren zur Nachfolge» informieren.

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  • Ideenspender am 09.08.2010 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Nur ein Wahltag!

    Notfalls Vereidigung des Leuenberger-Nachfolgers erst im Dezember. Oder Herrn Leuenberger vorzeitig entlassen durch Bezahlung der Monatsgehälter per Ende 2010. Merz ist im AHV-Alter und gesundheitlich nicht mehr so fit um ihn zu einer Herausschiebung zu überreden oder gar zu zwingen.

    • H.S am 09.08.2010 16:26 Report Diesen Beitrag melden

      Ideenspender

      Man kann einen Bundesrat nicht entlassen !! Das sollte Ihnen eigentlich bekannt sein.

    • Ideenspender am 09.08.2010 18:26 Report Diesen Beitrag melden

      @H.S

      Das ist mir bekannt. Und Herr Leuenberger (als Jurist) sollte wissen, dass er (in seiner jetzigen Situation) in der Privatwirtschaft freigestellt würde. Für Cancun und Gotthard-Tunnel stehen genügend Politiker in den Startlöchern.

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  • Enttäuschter Bürgerlicher am 09.08.2010 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Wahltaktischer Stimmenfang zahlt sich

    so kaum mehr aus. Der Souverän hat in den Krisen und aus den Polittheatern dazu gelernt. - Bei vielen - auch bürgerlichen Wählern - ist das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit aus diversen Debakeln, rein parteipolitischen oder populistischen Klimmzügen mehr als verspielt. Sie wählen anders. Auch vorgeschobenes konkordantes Verhalten wäre zuerst und auf Dauer zu beweisen. - 2011 schlägt die Stunde der Wahrheit. Da werden wahrscheinlich einige recht überrascht sein und ihre Augen reiben.

    • Antwort am 09.08.2010 13:56 Report Diesen Beitrag melden

      Spiel durchschaut

      Stimme Ihnen zu. Alles was Parteien jetzt noch vom Stapel lassen wird als wahltaktisches Manöver oder als Nebelpetarde um politisches und persönliches Versagen von Parteibonzen zu tarnen empfunden. Die Meinungen sind aus den Erfahrungen der jüngsten Zeit längst gemacht.

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  • Mario Zuppiger am 09.08.2010 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Die WIRTSCHAFT

    hat überhaupt keinen Anspruch auf die Politik zu üben. Sie hat sich UNTER ZU ORDNEN! Man sieht ja EU-weit, was geschieht, wenn die WIRTSCHAFT massgebend ist! Ihnen und ihren korrupten Handlangern in den politischen Ämtern haben wir den ganzen Schlammassel zu verdanken!