Strom

11. Mai 2011 07:17; Akt: 11.05.2011 15:51 Print

Den AKW wird es langsam zu warmDen AKW wird es langsam zu warm

von Ronny Nicolussi - Der sich ankündigende Jahrhundertsommer bereitet den Stromproduzenten Kopfzerbrechen. Hält die Trockenheit an, müssen auch AKW den Betrieb herunterfahren.

storybild

Ab 22 Grad Wassertemperatur muss die Leistung des AKW Beznau reduziert werden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Nicht nur die Landwirtschaft leidet unter der aussergewöhnlichen Trockenperiode. Auch für die Stromproduktion in der Schweiz ist wenig Wasser ein Problem. Kleinere Wasserkraftwerke mussten bereits stillgelegt werden. Die Pegelstände von Bächen und kleineren Flüssen sind für den Betrieb schlicht zu niedrig. Und das ist erst der Anfang. Laut dem Berner Klimahistoriker Christian Pfister ist die Trockenheit bereits jetzt schlimmer als im Hitzesommer 2003. «Mir macht diese Situation Angst. Nachts schlafe ich deswegen schlecht», sagt er auf Anfrage von 20 Minuten Online.

Die heutige Klima-Konstellation sei einzig vergleichbar mit dem Sommer 1540. Damals sei es möglich gewesen, den Rhein zu Fuss zu überqueren. «Um die Situation halbwegs zu stabilisieren, sind jetzt 14 Tage Regen nötig», so Pfister. Die Niederschläge der nächsten Tage seien hingegen lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein.

Bereits heute sind von der Trockenheit nicht nur die kleinen, sondern auch die grossen Flusskraftwerke entlang der Aare und dem Rhein betroffen – wenn auch nicht im selben Ausmass. Sie produzieren zwar noch Strom, allerdings deutlich weniger als in anderen Jahren. Die so genannten Laufkraftwerke der Axpo beispielsweise verzeichnen Einbussen von bis zu einem Drittel gegenüber dem Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre. Ähnlich ist die Situation auch beim Stromversorger BKW. Informationschef Antonio Sommavilla spricht gegenüber 20 Minuten Online von durchschnittlichen Produktionsausfällen von monatlich 20 Prozent seit Anfang Jahr.

Schnee ist bereits geschmolzen

Hinzu kommt, dass normalerweise der Produktionsausfall der Flusskraftwerke durch einen verstärkten Einsatz der Speicherkraftwerke, die aus Stauseen gespiesen werden, kompensiert wird. Der Füllungsgrad der Speicherseen liegt derzeit aber schweizweit bei lediglich 13 Prozent. Im Wallis sind es gar nur fünf Prozent. Und die Aussichten sind alles andere als rosig. Denn die Erwartung der Betreiber der Kraftwerke, die Schneeschmelze werde wie in den vergangenen Jahren die Speicherseen in den kommenden Wochen wieder füllen, könnte sich als Trugschluss erweisen.

Es ist zwar richtig, dass die niedrigsten Pegelstände meist im April oder Mai gemessen werden und mitunter auch schon tiefer lagen als dieses Jahr. Aber heuer ist ein Grossteil des Schnees bereits geschmolzen. An Nordhängen liegt Schnee lediglich oberhalb von 2100 Metern über Meer, an Südhängen gar lediglich auf über 2600 Metern.

Weniger als ein Drittel der üblichen Schneemenge

«Die Schneeschmelze hat 2011 so früh eingesetzt wie nie in den letzten Jahren», sagt Manfred Stähli, Leiter der Forschungseinheit Gebirgshydrologie und Wildbäche der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Normalerweise liegen um diese Jahreszeit noch rund 70 Prozent des jährlichen Schnee-Höchststands. Heuer sind es nur 30 Prozent. Berücksichtigt man zudem, dass in diesem Winter 30 Prozent weniger Schnee gefallen sind als im langjährigen Durchschnitt, liegt derzeit weniger als ein Drittel der üblichen Schneemenge in den Bergen.

Verteilt man die Wassermenge im verbleibenden Schnee auf die gesamte Fläche der Schweiz, beträgt die Wassersäule 50 Millimeter. Wie wenig das ist, zeigt folgender Vergleich: Bei einem starken Gewitter können lokal ohne Weiteres an einem Tag 50 bis 70 Millimeter Regen fallen.

Leistungsreduktion bei AKW ab 21 Grad Wassertemperatur

Unter der Trockenheit leiden aber nicht nur Wasserkraftwerke. Auch Atomkraftwerke werden mit Flusswasser gekühlt. Die Wassermenge spielt dabei zwar nur eine untergeordnete Rolle: Für den Betrieb des AKW Beznau reichen 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, wie Mediensprecherin Anahid Rickmann sagt. Derzeit führe die Aare rund 250 Kubikmeter pro Sekunde. Das mit einem Kühlturm betriebene AKW Gösgen kommt gar mit einem Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus.

Dennoch könnte die Witterung für die ohne Kühlturm operierenden AKW Mühleberg und Beznau zum Problem werden. Denn für Atomkraftwerke, die ihr Kühlwasser zurück in einen Fluss leiten, gelten Temperaturobergrenzen. Drohen diese überschritten zu werden, müssen die AKW den Betrieb stufenweise herunterfahren. In Beznau geschieht dies laut Axpo ab 22 Grad, in Mühleberg laut BKW ab 21 Grad.

Im Hitzesommer 2003 musste in Beznau deswegen die Leistung der beiden Reaktoren mehrmals um einen Viertel gesenkt werden. In Mühleberg wurde der Reaktor von Juni bis August um zehn Prozent heruntergefahren. Nichts im Vergleich zu dem, was in diesem Jahr droht. Denn bereits Anfang Woche war die Aare in Bern über 17 Grad warm. 2003 war dies erst am 3. Juni der Fall. Zudem führte die Aare damals deutlich mehr Wasser und es lag viel mehr Schnee in den Bergen.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

  • Joda am 14.05.2011 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    AKWs mit Kühlanlagen nachrüsten

    Die Herabkühlung des Wassers wäre technisch möglich. Zwar sinkt da die Effizienz, jedoch würde man in warmen Sommern weniger Ausfallprobleme haben.

  • Beat am 11.05.2011 21:16 Report Diesen Beitrag melden

    voraus schauen

    und den Strompreis für private sofort verdreifachen, das eingenommene Geld zurücklegen für den Atommüll sicher zu lagern, und für den Rückbau der AKW's. Gleichzeitig die Forschung und Entwicklung von erneuerbarer Energie mit Vollgas voran bringen. So wird für jeden sichtbar, dass der sog. billige Atomstrom in Wirklichkeit extrem teuer ist. Die Leute würden Strom sparen, da es ja an den Geldbeutel geht, und sie würden sich an die Preise für den, vorübergehend teuren, sauberen Strom, gewöhnen. Mit einer sparsameren Gesellschaft würde dann der Strom reichen. 2020 abschalten !

  • Matti am 11.05.2011 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur AKW's

    Hat aber nichts mit dem AKW an sich zu tun. Auch Kohlekraftwerke mit Flußkühlwasser müssen runterfahren. Die meisten haben aber beide Kühlungsarten. Fluß.-und Kühlturm in Kombination. Kühleres Wasser ergibt besseres Vakuum im Kondensator, damit höherer Wirkungsgrad. Wärmer....umgekehrt. Reiner Kühlturmbetrieb ist auf jeden Fall auch leistungsmindernd, weil immer noch zu warm, aber umweltschonender, wegen der nicht vorhandenen Aufheizung des Flußwassers.