Abhängig vom Handy

12. Juli 2017 06:55; Akt: 12.07.2017 06:55 Print

«Katzen können gegen Onlinesucht sinnvoll sein»

von B. Zanni - Die meisten Jugendlichen hätten ihren Online-Konsum im Griff, sagt Medienpsychologe Daniel Süss. Eine wichtige Rolle spielten Tiere.

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Kümmerten sich Jugendliche um ein Tier, liessen sie sich von Likes viel weniger beeindrucken, sagt Medienpsychologe Daniel Süss. (Bild: Keystone/Christof Schuerpf)

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Herr Süss, ob im Zug, auf dem Pausenplatz oder im Ausgang – die meisten Jugendlichen lassen ihr Smartphone kaum aus den Augen. Laut dem «James Focus»-Bericht haben aber vier Fünftel der Jugendlichen ihr Onlineverhalten im Griff. Überrascht Sie das?
Nein. Denn die meisten Jugendlichen können ihr Online-Verhalten kontrollieren. Wenn sie sich im Zug oder auf dem Pausenplatz mit dem Handy beschäftigen, sind dies lediglich Gewohnheiten, mit denen sie Warte- oder Reisezeiten überbrücken. Früher hatten viele junge Leute einen Walkman in den Ohren oder lasen ein Buch, deswegen galten sie aber auch nicht als musik- oder büchersüchtig.

Umfrage
Haben Sie Ihren Onlinekonsum im Griff?
53 %
9 %
22 %
16 %
Insgesamt 437 Teilnehmer

Ist man süchtig, wenn man in der Freizeit täglich mehrere Stunden online ist?
Entscheidend ist nicht, wie viel Zeit man im Internet verbringt, sondern ob man dabei noch das Gefühl von Kontrolle hat. Auch sollte man noch an etwas anderes denken können als ans Internet.

Man hat sich schon lange vorgenommen, ein Buch zu lesen, bleibt aber immer wieder am Handy oder Computer hängen. Sollte man sich da Sorgen machen?
Dieses digitale Hinausschieben ist ein erstes Anzeichen für ein Suchtverhalten. Deshalb sollte man gezielt offline gehen. Am einfachsten funktioniert dies, indem man sich im Tages- oder Wochenablauf Zeiten einplant, zu denen man sich etwas ganz anderem widmet, das einem Spass bereitet.

Gelingt dies Jugendlichen nicht, droht der digitale Absturz in die Sucht?
Nein. Das soziale Umfeld spielt eine grosse Rolle. Wir sahen, dass die süchtigen Jugendlichen häufiger Cybermobbing erlebten. Dies führt dazu, dass sie ständig online sein wollen, um zu kontrollieren, ob etwas Negatives gepostet wird. Andere Jugendliche mit problematischem Onlineverhalten erhalten in der Familie wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit oder erleben in der Schule oft Misserfolge. Dadurch lenken sie sich mit Games und in den sozialen Medien ab. Dabei werden die Likes und die Erfolge im Spiel unverhältnismässig wichtig. Wer sozial unsicher ist, hat auch ständig das Gefühl, zu verpassen, dass sich Freunde verabreden oder etwas Wichtiges posten.

In welchem Zustand befinden sie sich dann?
Onlinesüchtige Jugendliche haben keine Interessen mehr an anderen Aktivitäten, sie täuschen Familienangehörige, indem sie den Internetkonsum verstecken, schlafen zu wenig und sie nehmen schlechte Leistungen in Schule und Ausbildung in Kauf. Manche werden sogar depressiv.

Laut Ihrem Bericht können Haustiere vor einem problematischen Onlineverhalten schützen. Sollen Eltern ihren Kindern also präventiv einen Hund oder eine Katze schenken?
Das kann sinnvoll sein, aber nur, wenn es vom Kind auch gewünscht wird. Kümmern sich Jugendliche um ein Tier, erleben sie sich als kompetent, erhalten Anerkennung und erleben Erfolge. Daher lassen sie sich von der Anzahl Likes, die sie auf Instagram oder Facebook erhalten, viel weniger beeindrucken. Auch haben sie mit dem Haustier einen geduldigen Zuhörer für ihre Schulprobleme oder den Liebeskummer, sodass sie ihre negativen Gefühle nicht beim Gamen oder Surfen loszuwerden versuchen müssen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pro Büsi am 12.07.2017 07:52 Report Diesen Beitrag melden

    Katzen sind die Besten

    Katzen lenken nicht nur vom Onlinekonsum ab, sie übertragen den Menschen Verantwortung und fördern die Sozialen Kompetenzen indem die Menschen dazu bringen nicht nur an sich selbst zu denken. Zudem gibt es doch nichts herzigeres...

  • Zeitungsleser am 12.07.2017 07:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anderes Medium

    Und vor 20-50 Jahren waren am Morgen einfach alle in ihre Zeitungen vertieft.

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  • Be Obachter am 12.07.2017 08:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Sucht

    Wer auf das Händy schauend in oder aus dem ÖV steigt überbrückt keine Wartezeiten. Wer auf dem Trottoir fast in andere Leute lauft auch nicht. Junge Mütter mit ihren Kinderwagen sind mehr mit dem Händy beschäftigt als mit ihrem Kind. Im ÖV sind etwa 75% mit dem Händy beschäftigt statt einfach mal abzustellen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gina am 13.07.2017 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Smarter

    Smartphones sollten nur telefonieren können. Alles wär dann viel smarter

  • Für ältere Semester am 12.07.2017 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Früher war alles besser

    Das waren halt noch Zeiten, als die traute Familie samstagabends vereint vor dem Flimmerkasten sass und Kliby als Stargast bei Telboy reinzog...!

  • Thomas K. am 12.07.2017 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    Grosse Gefahren

    Als die Straßenbeleuchtung im 19. Jahrhundert in Städten immer öfter eingesetzt wurde, warnten Mediziner vor deren schwerwiegenden Gefahren. Die Bürger seien nicht mehr in der Lage Tag und Nach zu unterscheiden oder in der Nacht zu schlafen. Ruhelosigkeit, Aggresivität und Krankheiten seien die Folge.

  • Roby D. am 12.07.2017 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Frischluftfans

    Wäre ein Hund nicht sinnvoller? Mit dem müssen die Besitzer regelmässig nach draussen.

    • Peru am 13.07.2017 17:34 Report Diesen Beitrag melden

      Handyspezies

      Sicher nicht solche, Handyspezies würden vermutlich eher den Hund ans Ladegerät hängen und mit dem Handy spazieren gehen. Bitte Blödheiten nicht auf kosten von Tieren ausleben.

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  • Damals am 12.07.2017 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Wie heute

    Die gleichen Mahnreden hätte Eure Eltern damals gepostet, in Sorge um das schlimme Fernsehen, das die lieben Familien der 70er auseinanderreisen werde. Wenn sie denn die Möglichkeit gehabt hätten, sich so ausgiebig in anonymen Internet-Foren zu tummeln, wie Ihr hier...