273 Vergiftungen

09. September 2014 13:56; Akt: 09.09.2014 14:02 Print

«Für Laien sind Pilz-Apps gefährlich»

Die Pilzsaison ist voll im Gang. Doch nicht alle Sammler lassen die Pilze kontrollieren – und erleiden Vergiftungen. Vermutlich ist unter anderem das Smartphone daran schuld.

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Eine erfolgreiche Pilzsammlerin verlässt den Wald bei Arosa mit einem Korb voller Steinpilze und Eierschwämme. Oft finden sich in den Körben aber auch ungeniessbare Pilze. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

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Pilzsammler stürmen derzeit die Wälder: In diesem nassen Sommer herrschen für die Pilze ideale Bedingungen. Jedoch nicht nur für die essbaren Sorten: In den Sammelkörben und letztlich auch auf dem Teller landen immer wieder ungeniessbare Pilze.

Dieses Jahr ist die Zahl der Vergiftungsfälle explodiert: Allein bis Anfang September waren es deren 271. Im letzten Jahr waren es in derselben Periode 190, wie das Schweizerische Toxikologische Zentrum (Tox) gemäss «Le Matin» meldet.

Für Tox-Direktor Hugo Kupferschmidt ist das wenig überraschend. Er sagt zu 20 Minuten: «Dass es dieses Jahr im nassen Juli zu mehr Vergiftungen kommen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche.» Die Vergiftungen gingen durch alle Altersgruppen. «Oft sind es Kinder, die Rasenpilze essen, die sie gefunden haben.»

Unvollständige Pilz-Apps

Liliane Theurillat ist als Präsidentin der Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane die oberste Pilzkontrolleurin der Schweiz. Sie ahnt, weshalb die Zahl der Vergiftungen in den letzten Monaten zugenommen hat: «Dass die Vergiftungsfälle ansteigen, liegt nun mal an Sammlern, die nicht zu den Kontrollstellen gehen.» Sammler verliessen sich aber auch auf Pilz-Apps, die teils gratis und von unterschiedlicher Qualität zum Download bereitstehen. «Damit wiegen sie sich in falscher Sicherheit.»

Sie wolle diese Apps nicht verteufeln, aber: «Es gibt nun mal über 5500 verschiedene Pilze in der Schweiz. Und keine dieser Apps kann alle Pilze erfassen.» Sie würde die zweifelsfreie Bestimmung den Profis an den Kontrollstellen überlassen. Sie warnt: «Für Laien können diese Apps gefährlich werden.»

Doch auch die Kontrolleure müssten manchmal das Mikroskop zu Hilfe ziehen, um einen Pilz zweifelsfrei zu bestimmen – da jedes Jahr neue aus dem Ausland eingeschleppte Arten auftreten. Zum Beispiel der Parfümierte Trichterling. Dieser macht sich seit wenigen Jahren in der Schweiz breit und sieht dem geniessbaren hiesigen Trichterling zum Verwechseln ähnlich.
Das Problem beim Giftpilz: Er verursacht höllische Schmerzen, die Tage oder Wochen andauern können.

Kontrolleure werfen alle Trichterlinge weg

Theurillat sagt: «Ein Gegenmittel, das im Spital angewendet werden könnte, existiert nicht.» Um die Gefahr einer Vergiftung in der Schweiz auszuschliessen, handelte die Vereinigung. «Auf den Kontrollstellen haben wir gerade wieder eine Aktion gestartet, dass die Kontrolleure die Trichterlinge aussortieren und wegwerfen, da diese nicht zweifelsfrei makroskopisch bestimmt werden können.»

Der grösste Feind der hiesigen Pilzsammler ist aber immer noch der Knollenblätterpilz. Tox-Direktor Hugo Kupferschmidt: «Alle tödlich verlaufenen Vergiftungen in den letzten 50 Jahren waren ausschliesslich nach dem Verzehr von Knollenblätterpilzen zu verzeichnen.»

Theurillat warnt, dass man bei Pilzen seiner Nase nicht trauen darf: «Ein weit verbreiteter Mythos ist, dass giftige Pilze scharf oder bitter schmecken oder schlecht riechen sollen. Das stimmt nicht. Gerade die giftigsten Pilze riechen und schmecken gut.»

(num)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Valnes am 09.09.2014 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder kann alles

    Das Problem ist nicht die App. Das Problem ist die heutige Mentalität, dass jeder das Gefühl hat, alles zu können und in allem der Beste zu sein. Früher vertraute man auf den Rat von Experten. Heute hat jeder das Gefühl, es selber besser zu wissen. Das gilt nicht nur bei den Pilzen.

  • bündner pilzler am 09.09.2014 16:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    steinpilz und co.

    nehmt nur mit was ihr zu 100% sicher seit was es ist. ich persönlich nehme nur 3 sorten pilze mit und zwar die steinpilze eierschwämme und im frühling die morcheln. alle anderen lasse ich stehen, hab auch eine app für pilze aber es ist schwirig den pilz richtig zuzuortnen.

  • Alexander Graf am 09.09.2014 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Pilzbücher

    Genau so gut könnte man auch schreiben "Für Laien sind Pilz-Bücher gefährlich". Da sind auch nie alle Pilzarten drin und Bücher können nicht aufgrund neuer Informationen aktualisiert werden (z.B. wurde früher die Frühjahrs-Lorchel durchaus als essbar definiert).

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dave Müller am 09.09.2014 20:57 Report Diesen Beitrag melden

    Grossvaters Regel

    Nimm den Röhrling, wenn er nicht unten rot ist oder bitter schneckt. Es gibt nur einen giftigen Röhrling und paar ungeniesbare. (Nicht auf Lammelenpilze übertragen.)

  • Thierry Gschwind am 09.09.2014 18:51 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Regel

    Wenn neben dem Weg eine Pilz hat, den man nicht kennt, dann nimmt ihn nicht mit. Wenn er essbar wäre, dann wäre er schon weg.

  • bündner pilzler am 09.09.2014 16:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    steinpilz und co.

    nehmt nur mit was ihr zu 100% sicher seit was es ist. ich persönlich nehme nur 3 sorten pilze mit und zwar die steinpilze eierschwämme und im frühling die morcheln. alle anderen lasse ich stehen, hab auch eine app für pilze aber es ist schwirig den pilz richtig zuzuortnen.

  • Ver ständlich am 09.09.2014 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Pilzkontrollstelle schwer erreichbar

    Aus meiner Sicht verständlich, dass sich Pilzsammler auf die App verlassen. Die für unsere Gemeinde zuständige Pilzkontrollstelle hat nur Montag Abend bis Freitag Abend jeweils eine Stunde offen. Wann hat man Zeit "pilzlen zu gehen"? Ich vor allem am Wochenende....und die Pilze 2 Tage zu lagern bis ich diese kontrollieren lassen kann will ich auch nicht. Dann ist es kein Genuss mehr..... Daher darf seitens Pilzkontrollstelle wohl über die App-Nutzer "gelästert" werden, sinnvoller wäre es, die Pilzkontrollstelle während der Hauptsaison z.B. auch am Samstag Nachmittag zu öffnen...

  • Alexander Graf am 09.09.2014 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Pilzbücher

    Genau so gut könnte man auch schreiben "Für Laien sind Pilz-Bücher gefährlich". Da sind auch nie alle Pilzarten drin und Bücher können nicht aufgrund neuer Informationen aktualisiert werden (z.B. wurde früher die Frühjahrs-Lorchel durchaus als essbar definiert).