«Charlie Hebdo»

14. Januar 2015 10:25; Akt: 15.01.2015 09:20 Print

Neue Ausgabe in Minuten ausverkauft

Die Sympathie für «Charlie Hebdo» bricht alle Rekorde. Die 3-Millionen-Auflage ist blitzschnell ausverkauft. Im Internet werden Fantasie-Summen geboten.

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Die erste Ausgabe der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» nach dem Mordanschlag auf ihre Redaktion ist am Mittwoch in vielen Kiosken binnen Minuten ausverkauft gewesen. Drei Millionen Exemplare des Satiremagazins mit einem weinenden Propheten Mohammed auf der Titelseite wurden ausgeliefert – mehr als das 50-fache der normalen Auflage. Auch im Ausland war die Nachfrage gewaltig. In Italien und Spanien brachten Zeitungen Auszüge oder Übersetzungen heraus. Aus islamischen Staaten kam Kritik.

Der Kern der Redaktion von «Charlie Hebdo» war bei dem Terror-Überfall zweier Dschihadisten vor einer Woche getötet worden. Insgesamt zwölf Menschen starben im Kugelhagel. Die verbliebene Redaktion erstellte die neue Ausgabe in geliehenen Büros.

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Handgreiflichkeiten an Kiosken

Am Mittwoch erschien «Charlie Hebdo» mit einer Karikatur des Propheten Mohammed, der ein Schild mit den Worten «Je Suis Charlie» hochhält. Darüber ist die Titelzeile «Tout est pardonné» (Alles ist vergeben) zu lesen. Die ersten beiden Seiten der neuen Ausgabe zieren Karikaturen ihrer ermordeten Kollegen: Eine der Zeichnungen zeigt muslimische, christliche und jüdische Führer, die die Welt unter sich aufteilen.

An einigen Pariser Kiosken gab es Handgreiflichkeiten, als klar wurde, dass nicht genug Exemplare für alle da waren. An einem Kiosk an der Champs-Élysées war das Magazin um 6.05 Uhr vergriffen – fünf Minuten nach der Anlieferung.

Die kleine italienische Zeitung «Il Fatto Quotidiano» veröffentlichte «Charlie Hebdo» als Beilage und übersetzte die Bildunterschriften. Die spanische Zeitung «El País» druckte auf zwei Seiten Karikaturen der neuen «Charlie Hebdo», allerdings keine Bilder des Propheten Mohammed.

In Schweden nur Online-Verkauf

Originalausgaben waren in vielen europäischen Ländern nicht zu haben. Einige Zeitungshändler sagten, sie hofften bis Ende der Woche einige Exemplare besorgen zu können. Der spanische Vertreiber von «Charlie Hebdo» sagte, er könne diese Woche 8000 statt der üblichen 40 Zeitungen verkaufen. Aus Frankreich seien ihm immerhin 1000 Stück zugesagt worden.

In Schweden wurde «Charlie Hebdo» nur online verkauft. Dies sei eine Sicherheitsmassnahme, um das Personal zu schützen, sagte ein Sprecher der Kiosk-Kette Pressbyrån. In Irland wurden auf eBay mehr als 200 Euro für ein Exemplar geboten, in Grossbritannien sogar 95000 – hier war allerdings nicht klar, ob es sich um ein ernsthaftes Angebot handelte.

Grossscheich rät zur Ignoranz

Der Iran kritisierte, die neue Mohammed-Karikatur provoziere Muslime auf der ganzen Welt und beleidige den Islam. Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif sagte, nur durch gegenseitigem Respekt könnten Differenzen zwischen verschiedenen Kulturen beigelegt werden.

Der stellvertretende Grossscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität, Abbas Schumann, sagte der Nachrichtenagentur AP, die neue Mohammed-Karikatur sei eine Herausforderung für alle Muslime, die Sympathien für die Zeitung hätten. Er riet ihnen, das Titelblatt zu ignorieren sowie Toleranz und Vergebung zu praktizieren.

In der Türkei liess die Polizei die Auslieferung der Zeitung «Cumhuriyet» erst zu, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie die neue Mohammed-Karikatur «Charlie Hebdos» nicht nachgedruckt hatte. Im Inneren des Blattes gebe es vier Seiten mit Cartoons des französischen Satiremagazins, allerdings nicht mit solchen, die von Muslimen als blasphemisch aufgefasst werden könnten, erklärte Chefredakteur Utku Cariközer.

In der Deutschschweiz erst ab Freitag

Auch in der Schweiz wird die in einer Sonderauflage gedruckte Satire-Zeitung zu kaufen sein – in der Deutschschweiz allerdings erst am Freitag, in der Westschweiz am Donnerstag. Dennoch wollten viele Schweizer sich bereits heute ein Exemplar sichern. «Wir werden schon seit einer Woche nach der neuen Ausgabe gefragt, aber heute kamen sehr viele Leute», sagt die Geschäftsführerin eines Kiosks im Zürcher HB.

Man habe bereits in der Vergangenheit Ausgaben von «Charlie Hebdo» verkauft. Eine solch grosse Nachfrage habe es aber noch nie gegeben, sagt die Frau.

Ähnliche Erfahrungen hat eine Verkäuferin im Kiosk im Shopville Zürich gemacht. In der vergangenen Woche sei neben der jetzt erschienenen Ausgabe oft auch nach alten gefragt worden. Aber die Nachfrage nach der neusten Veröffentlichung sei sehr gross. Angst, die Zeitung nach den Anschlägen von Islamisten in Paris zu verkaufen, habe sie aber nicht: «Wir haben 'Charlie Hebdo' schon länger im Angebot.»

(sda)