Mentoring-Programm

03. Oktober 2015 20:22; Akt: 03.10.2015 20:22 Print

Studentin schlüpft in Rolle der grossen Schwester

von B. Zanni - Nach der Sek in die Lehre und später an die Uni: In einem Mentoring-Programm helfen Studenten Schülern mit Migrationshintergrund, nach den Sternen zu greifen.

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Beim Speed-Dating in Bern hat es sofort gefunkt. «Sie redete gleich drauflos. Das war mir sympathisch», erinnert sich Teodora Popa lachend. Anderen Jugendlichen habe sie hingegen teilweise die Würmer aus der Nase ziehen müssen. Dasselbe fühlte Anushka Vignarajah. «Ich mag es, wenn man in einem Gespräch nicht immer nachhaken muss.» Während drei Minuten unterhielten sich Popa und Vignarajah prächtig über Bücher und Filme.

Zweimal im Jahr veranstaltet Rock Your Life! (siehe Box) einen Matching-Event, um Schüler als Mentees und Studenten als Mentoren zu verkoppeln. Die Organisation unterstützt bildungsbenachteiligte Jugendliche, damit sie den Übergang von der Schule in die Ausbildung erfolgreich schaffen.

Die Uni ist das Ziel

Die 15-jährige Anushka Vignarajah weiss genau, was sie will. «Zuerst mache ich eine Buchhändlerlehre, dann hänge ich die Berufsmatur an und nachher studiere ich an der Uni.» Nur auf ein Hauptfach hat sie sich noch nicht festlegen können. «Fest steht aber, dass ich im Nebenfach Englische Literatur wähle.» Zurzeit besucht Vignarajah die dritte Sekundarklasse. In ihrer Freizeit verschlingt sie Bücher und schreibt Geschichten.

Für ihr Alter wirkt die Schülerin sehr reif. Doch die Suche nach einer Lehrstelle als Buchhändlerin stellt sie vor grosse Herausforderungen. «In der ganzen Schweiz gibt es nur elf offene Lehrstellen», sagt sie verzweifelt. Ihre Eltern würden sie in ihren Träumen zu «180 Prozent» unterstützen. Auf deren direkte Hilfe jedoch kann die Jugendliche bei der Lehrstellensuche nicht zählen. Vignarajah lebt mit ihrer jüngeren Schwester bei der Mutter, die vom Vater geschieden ist. «Meine Mutter ist abends natürlich müde von der Arbeit und hat mit meiner Schwester viel um die Ohren.» Sie wolle sie nicht mit Fragen rund um die Berufswahl zusätzlich belasten. Auch der Vater kann keine Tipps geben. «Er spricht tamilisch und kennt das Schweizer Bildungssystem nicht.»

«Der Umgang ist lockerer»

Die Lücke füllt die 23-jährige Teodora Popa. Die aufgeweckte Psychologiestudentin mit dem strahlenden Gesicht schlüpft in die Rolle einer grossen Schwester. «Ich helfe gerne anderen Menschen», sagt die Mentorin. Und ihr Mentee meint: «Ich tausche mich lieber mit einem jungen Menschen aus. Der Umgang ist weniger kompliziert.»

Popa steht der Sekschülerin bei der Stellensuche auf ungezwungene Art zur Seite. Treffpunkte sind Cafés, die Universität oder das Zuhause. Das Mentoring-Paar bezeichnet sein Verhältnis als freundschaftlich. «Manchmal treffen wir uns auch nur zum Plaudern», sagt Popa. Gemeinsam besuchten sie das Berufsinformationszentrum und Workshops des Mentoring-Programms. Auch begleitete Popa sie in eine Buchhandlung, wo sie sich nach Bewerbungstipps erkundigten.

«Ein Plan B ist wichtig»

Als Vignarajah eine Standard-Absage erhielt, ermutigte Popa sie, nach den Gründen zu fragen. Beim Schreiben von Bewerbungen schöpft die Studentin aus ihren eigenen Erfahrungen. Popa beeindruckte einen Cafébetreiber mit einem Bewerbungsdossier, das sie im Stil der Café-Website gestaltet hatte. «Ich erklärte Anushka, wie wichtig es ist, in einer Bewerbung seine Leidenschaft deutlich zu machen.»

Die Mentorin sorgte auch dafür, dass sich ihr Mentee Gedanken über einen Plan B macht. «Vorher war ich auf die Buchhändlerlehre fixiert», sagt Vignarajah. Nun sei sie auch offen für eine KV-Lehrstelle und plane, die Prüfung für die Fachmittelschule zu machen.

Mentorin kämpfte selbst als Jugendliche

Auch Popa hat einen Migrationshintergrund. Vor vier Jahren zog sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder aus Rumänien in die Schweiz, weil die Mutter eine Stelle als Pflegefachfrau erhalten hatte. Die junge Frau kämpfte sich zur Schweizer Matur hoch, während sie ihr Deutsch verbesserte und das Französische nachholte. Die Eltern hätten ihr nicht helfen können. Ausserdem erinnert sie sich: «Mein jüngerer Bruder war bei der Lehrstellensuche total überfordert.»

Erhält Vignarajah ihre ersehnte Lehrstelle als Buchhändlerin, wird sie dies mit ihrer Mentorin gebührend feiern. «Ich habe Teodora versprochen, sie mit meinem ersten Lohn zum Nachtessen einzuladen», verrät Vignarajah. Dass es mit der Lehrstelle klappt, ist aber nicht die einzige Mission des Duos. Sie wollen endlich den Kinogutschein einlösen, den Popa der Schülerin zu Weihnachten schenkte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • citoyen am 03.10.2015 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Nur sinnvoll, wenn

    die Mentoren die Voraussetzungen ihrer Schützlinge richtig einschätzen. Das Beispiel mit Berufswunsch Buchhändlerin oder KV ist typisch für die Falscheinschätzung des Stellenmarktes. Bei diesen Berufen gibt es 100 Bewerbungen pro Lehrstelle. In andern Bereichen, wo neben dem Kopf auch die Hand benötigt wird, mangelt es an Bewerbern.Und die muss man dann im Ausland holen. Besser, als nach den Sternen zu greifen, wäre, auf dem Boden der Realität zu bleiben!

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  • Roman W. am 03.10.2015 23:11 Report Diesen Beitrag melden

    Alter macht Weise

    Ich bin seit 31 Jahren Sekundarlehrer, also länger als die Berater dieses Programmes alt sind. Ich mache auch seit knapp 20 Jahren begleitende Jugendarbeit. Einerseits gefällt mir der Enthusiasmus und das Engagement dieser jungen Menschen, andererseits geht mir die selbstgefällige Ahnungslosigkeit doch ziemlich auf die Nerven. Als Berater hat man eine riesen Verantwortung. Die Menschen vertrauen auf die Expertise, die man mitbringt. Ich bin selber ein "68er" und hatte früher keinen Schimmer vom Leben als Büezer. Das Know-how vieler dieser Studis ist mehr als knapp. Das ist gefährlich.

  • Austauschstudent. am 03.10.2015 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Lebenslaufoptimierung

    Ich habe zwei Semester in Seattle studiert. Da gab es an der Uni auch solche Mentoringprogramme mit denen man als Student "Minorities" oder sonstigen "Unterpriveligierten" helfen sollte. In den Programmen hockten haufenweise white kids, die zwar keine Ahnung vom Leben als bspw. illegaler Latinomigrant hatten, aber genau wussten, dass so ein Programm gut für den CV ist. Soziales Engagement macht sich gut bei der Stellensuche nach dem Studium. Ich für meinen Teil bin so ehrlich und traue mir nichts zu, von dem ich keine Ahnung habe, vor allem wenns um die Zukunft von anderen Leuten geht!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Personalberater KMU am 04.10.2015 00:05 Report Diesen Beitrag melden

    Diese Beratung ist verantwortungslos

    Fällt nur wenigen hier die groteske Fehlberatung für Frau Vignarajah auf? 1. Alter - Sie ist schon 15!! Da haben viele in der zweiten Sek. schon den Lehrvertrag in der Tasche! Es pressiert! 2. Keine Empfehlung zu Schnupperlehren - Aber genau das wollen Ausbildungsbetriebe sehen. 3. ein Lehrstellenwunsch in einem "toten Beruf". In den grossen Buchhandlungen arbeiten heute längst primär Detailhandelsassistenten, vulgo "Verkäufer". Dafür Milchmeitlirechnungen zu übernächsten Bildungschritten. Ich hoffe nur, dass die echten Lehrstellenberater hier noch etwas retten können!

    • Sergio Pereta am 04.10.2015 00:37 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt grossteils

      Also beim Alter dramatisieren Sie die Sache doch etwas. Bis auf die Überflieger haben in der 2. Sek kaum Leute einen Lehrvertrag. Aber, und da Stimme ich Ihnen mit meinen 20 Jahren als Lehrlingsbetreuer in einem Elektrobetrieb vollständig zu, es braucht Schnupperlehrnachweise. Und über den Berufswunsch als Buchhändlerin müssen wir gar nicht reden. Das ist ein Nogo, da ist die Dame chancenlos. Und ausgerechnet das überlaufene KV mit harter Selektion als Alternative? Ich denke, da wird durch eine inkompetente Beratung ein Traumschloss gebaut, das am Ende zusammenbricht.

    • Sophia am 04.10.2015 10:46 Report Diesen Beitrag melden

      Traum eines Nieschenberufs

      Wieso sollte man nicht den Traum eines Nieschenberufs haben dürfen?(!) Ich selbst wollte Goldschmiedin oder Grafikerin werden. Hab bei beiden Berufen eine Lehrstelle bekommen und konnte mich schlussendlich entscheiden.. Wenn die Bewerbung gut ist und man die Chance bekommt, sich vorzustellen, kann man mit seinem ehrlichen Auftreten so vieles erreichen. Man muss für den Beruf einfach "leben". "Leben" für einen Beruf kann man aber nur, wenn man intrinsisch motiviert ist. Wenn das der zukünftige Chef merkt, sticht man hervor und hat die besten Chancen, egal wie "selten" so ein Beruf ist.

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  • Anna am 03.10.2015 23:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig!

    Ich verstehe diese ganze Kritik hier nicht! Ständig wird mehr Integration und Anpassung von den Ausländern gefordert und wenn dann tatsächlich einmal ein solches Projekt vorgestellt wird, ist es doch nicht recht! Ausserdem geht es um Freiwilligenarbeit und um Hilfsbereitschaft! Was ist daran falsch? Ich bin auch Studentin und arbeite neben der Ausbildung seit ich 15 bin! Ich habe diese Klischees so satt! Ich finde das Projekt wunderbar! Schlussendlich geht es doch nur darum, dass man jungen Menschen helfen möchte!

    • Franco am 04.10.2015 00:45 Report Diesen Beitrag melden

      Gut gemeint ist nicht gut gemacht

      Nein, es geht eben nicht ums "helfen wollen", sondern ums "richtig helfen". Richtige Hilfe heisst auch, dass man die Grenzen der eigenen Fachkompetenz kennt. Richtige Helfer können auch das eigene Ego vom Thema abgrenzen. Es geht nicht ums sich selber gut fühlen! Wie hier andere Leute schon schreiben. Die Beratung ist eine Katastrophe und lenkt die junge Frau zu einem unrealistischen Berufswunsch. Sowas ist keine Hilfe. Die Studentin sollte sich lieber als gute Kollegin und nicht als "Beraterin" sehen.

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  • Austauschstudent. am 03.10.2015 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Lebenslaufoptimierung

    Ich habe zwei Semester in Seattle studiert. Da gab es an der Uni auch solche Mentoringprogramme mit denen man als Student "Minorities" oder sonstigen "Unterpriveligierten" helfen sollte. In den Programmen hockten haufenweise white kids, die zwar keine Ahnung vom Leben als bspw. illegaler Latinomigrant hatten, aber genau wussten, dass so ein Programm gut für den CV ist. Soziales Engagement macht sich gut bei der Stellensuche nach dem Studium. Ich für meinen Teil bin so ehrlich und traue mir nichts zu, von dem ich keine Ahnung habe, vor allem wenns um die Zukunft von anderen Leuten geht!!

  • patricia allenbach am 03.10.2015 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    sigh

    Ich frag mich was kann eine verwöhnter Schweizer einen beibringen? Wie man Geld ausgibt ? Wo man am besten Urlaub machen kann ?

  • CB am 03.10.2015 23:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin ein Mentor

    Mache ich schon! Ich bin ein Mentor, es ist echt ein tolles Programm.