Alleingeburt ohne Hebamme

20. April 2015 09:19; Akt: 20.04.2015 10:11 Print

Frauen bringen ihr Baby ohne fremde Hilfe zur Welt

von S. Wichmann - Sie brauchen nur eine Wanne und Handtücher: Im Internet werben Schweizerinnen für die Alleingeburt. Gynäkologen warnen vor dem Trend.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Yvonne Leiser Hofmann hat alle drei Kinder in einem Gebärpool bei sich zuhause geboren. Bei der ersten Geburt war eine Hebamme anwesend, bei den nächsten Geburten entschied sich Leiser Hofmann für eine Alleingeburt. «Es war kraftvoll und urweiblich – die beste Entscheidung meines Lebens», erzählt die heute 39-Jährige. Die Zürcherin ist eine überzeugte Befürworterin der natürlichen Geburt. «Ein Baby in einem Spital zur Welt zu bringen, kam für mich nie Frage», sagt sie.

Sie entschied sich für die Alleingeburt, weil sie sich noch freier und selbstbestimmter fühlen wollte. «Mein Mann stand hinter meiner Entscheidung und seine liebevolle Präsenz gab mir die Sicherheit. Ich vertraute mir, meinen Körper und meinem Baby.»

«Eine Welle der Urkraft»

Leiser Hofmann ist mit dieser Überzeugung nicht allein. Eine von ihr gegründete Facebook-Gruppe zum Thema Hausgeburt und Alleingeburt umfasst knapp 1400 Mitglieder. Auch mehrere Onlineforen in der Schweiz widmen sich der Alleingeburt. In der Community im Netz tauschen sich Frauen aus, diskutieren und geben sich gegenseitig Tipps: Sie empfehlen, neben einem Plastikpool – der im Internet für 170 Franken zur Miete angeboten wird – auch Leintücher, Kühlelemente und Putzeimer bereitzuhalten.

Sie beschreiben ihre Erfahrung mit Alleingeburten als naturnahes, selbstbestimmtes und mystisches Ereignis. «Eine gewaltige, unglaubliche Welle erfasste mich, eine Urkraft durchströmte meinen Körper», beschreibt eine Mutter im Netz den Moment, als sie das Köpfchen ihres Babys ertastete. In diesem Moment kniete auch sie in einem Plastikpool. Dazu hörte sie englische Hypnosemusik. Die Zahl solcher Geburten steige «exponentiell» an, heisst es auf einer einschlägigen Website. Mehrere Frauen haben sich bereits in ein Register eingetragen, das die Alleingebärenden im deutschsprachigen Raum erfassen soll.

Verlässliche Zahlen dazu, wie viele Frauen ihr Kind in der Schweiz jährlich ohne Hilfe zur Welt bringen, gibt es nicht. Eine Erhebung des Schweizerischen Hebammenverbands zeigt, dass im Jahr 2013 rund 850 Hausgeburten stattgefunden haben. Alleingeburten werden nicht erfasst und dürften selten vorkommen, sagt Barbara Stocker, Präsidentin des Verbands. «Die wenigen Frauen, die sich für eine solche Geburt entscheiden, haben schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen gemacht oder wollen aus Gründen der Intimität niemanden bei der Geburt dabei haben.»

«Komplikationen nicht vorhersehbar»

Pierre Villars, Gynäkologe in Zürich und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie, warnt vor dieser Form der Geburt: «Vom medizinischen Standpunkt gesehen ist eine Alleingeburt unverantwortlich. Denn Komplikationen sind bei einer Geburt nicht vorhersehbar.» Im Kanton Zürich müssten Spitäler in der Lage sein, innerhalb von 10 Minuten einen Kaiserschnitt einzuleiten, damit bei Komplikationen Schädigungen beim Kind möglichst verhindert werden. «Bei einer Alleingeburt ist es niemals möglich, in so kurzer Zeit zu reagieren.»

Yvonne Leiser Hofmann erwidert auf die Kritik, dass man das Risiko durch persönliche Information über den Geburtsvorgang minimieren könne. In der klinischen Geburtshilfe werde die Geburt der Mutter aus der Hand genommen. «Die Frau hört nicht auf sich und ihren Körper, sondern wird angeleitet zum Gebären. So können sich die meisten Frauen nicht richtig entspannen und es kommt zu mehr Komplikationen, die vermieden hätten werden können.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mama am 20.04.2015 09:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    Ich wäre heute nicht mehr am Leben, hätte ich diesen Trend mitgemacht. Kann nur davon abraten, denn es kann immer etwas unvorhergesehenes passieren. Dann schweben Mutter und Kind in Lebensgefahr.

    einklappen einklappen
  • Spitalmami am 20.04.2015 09:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schritt zurück

    2 Generationen vor uns hatten keine andere Wahl und so manches Baby und Mami überlebte die Geburt nicht. Heutzutage dieses Risiko bewusst und freiwillig einzugehen kann ich nicht nachvollziehen. Auch im Spital konnte ich meinem Instinkt folgen und das Geburtserlebnis entscheidend mitprägen.

  • John007 am 20.04.2015 09:29 Report Diesen Beitrag melden

    Mann

    Zum Glück muss ich nicht gebären... nur zeugen

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Natscha Serra am 21.04.2015 21:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer diese "irren" Trends?!

    Für mich kam das nie in Frage! Beim ersten Kind war ich nicht so zufrieden, da Sie mir einen Dammschnitt im Spital verpassten! Beim zweiten Kind nahm ich mir eine Beleghebamme. Sie war fast die ganze Zeit anwesend, kann ich nur empfehlen! Und obwohl meine Kleine ein "Sternguckerli" war und mit dem Ellbogen voraus zur Welt kam, hatte ich nur einen ganz kleinen Riss, der nicht einmal genäht werden musste. Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich die Frau gut überlegt, was Sie sich selbst zutrauen kann! Ein Trend sollte diese Entscheidung nicht beeinflussen!

  • Blender am 21.04.2015 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Trend??

    Da wird Medial etwas aufgeriffen weil es polarisiert. Bei 1400 Facebookanhängern von einem Trend zu sprechen ist ein "wenig" gewagt. Und dann wird wieder aufeinenander losgedroschen und jeder, aber auch jeder will seine eigene Entscheidung bzw. Erfahrung als die einzig richtige verkaufen. Was mich zum nächsten Fragezeichen führt; ist eine Geburt (kein KS) eigentlich nicht immer eine natürliche Geburt, unabhängig ob es im Krankenhaus, zu Hause oder auf der Wiese stattfindet?? Naja ich finde diesen Bericht ur-komisch, genauso wie die Yvonne die sich damit verkaufen möchte.

  • Tomas am 21.04.2015 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Eigentlich kein Wunder!

    Als meine Frau im Spital(Zollikerberg)unser Kind gebar, wurde uns nur Angst gemacht was alles schreckliches passieren könnte und die ganze Zeit drängte man zu einem Kaiserschnitt! Es ging dann aber alles wunderbar, dass Kind flutschte nur so raus, danach blieb die Gebärmutter hängen und schon wieder wurde Angst verbreitet und man drängte zu aufschneiden....10 Minuten später kam auch die Gebärmutter ohne Problem raus. Das sind Dinge die braucht man wirklich nicht kurz bevor man gebärt! Oder während man gebärt, man ständig in Ohr geflüstert bekommt was alles passieren könnte!!!!!

    • Karin am 21.04.2015 21:17 Report Diesen Beitrag melden

      Gebärmutter

      Ich hoffe nicht, dass die Gebärmutter raus kam, sondern die Plazenta, sonst kann ihre Frau keine Kinder mehr bekommen.

    • Mira am 22.04.2015 15:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Heute wird ein Schuldiger gesucht

      Die Gefahr war sicher begründet. Ihr habt einfach Glück gehabt. Das Problem ist, dass heute niemand mehr ein totes oder behindertes Kind oder den tot der Mutter akzeptiert. Würde was passieren sind dann gleich Ärzte und spital Schuld. Also wird auch nicht mehr so lange gewartet Sondern auf Sicherheit gearbeitet. Klar war das früher anders da wurden aber Komplikationen still akzeptiert. Wenn die plazenta bleibt kann das die Frau durchaus in Lebensgefahr bringen. Sie froh bist du nicht Witwer. Und ja ich denke auch dass hoffentlich die Gebärmutter drin blieb.

    einklappen einklappen
  • Mutter am 21.04.2015 09:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverantwortlich

    Schön ist d.Moment in dem Kind die Welt erblickt ! Alles davor ist nicht schön ,Es sei denn,man steht auf Schmerzen ! Ich verstehe nicht ,warum gewisse Leute sich und das Ungeborene solchen Gefahren aussetzen ! Sogar im Mittelalter hat man geschaut,dass wenigstens erfahrene Frauen dabei sind .Ich bin froh ,meine beide Kids in einem Land geboren zu haben ,in dem Vorsorge ,Geburt und Nachsorge hohen Stellenwert haben.

  • Lola am 21.04.2015 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egoismus Pur

    Das ist mal wieder eine unglaublich tolle Idee von ein paar über-emanzipierten Frauen, die glauben, sie seien permanent im Nachteil und müssten irgendwem etwas beweisen. Es kann so schnell und unverhofft zu Komplikationen kommen. Im Leben wäre ich dieses Risiko bei meinen 2 Geburten nicht eingegangen.