1000 Euro pro Monat

07. Mai 2016 10:19; Akt: 13.05.2016 15:10 Print

Sie haben das Grundeinkommen schon

von D. Waldmeier - In Deutschland werden bereits Grundeinkommen von 1000 Euro pro Monat ausbezahlt. Doch was stellen die Empfänger mit dem Geld an?

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Monatlich 2500 Franken für jeden Erwachsenen im Land, 625 Franken für jedes Kind – und das, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wollen die Initianten die Wirtschaftsordnung umkrempeln. Die Gegner warnen vor den unkalkulierbaren Folgen der Initiative, die am 5. Juni zur Abstimmung kommt.

Während das Stadtparlament von Lausanne kürzlich grünes Licht für ein Pilotprojekt zur Erforschung des Grundeinkommens gegeben hat, wurden in Deutschland schon 39 Grundeinkommen vergeben – finanziert durch Crowdfunding. Das Grundeinkommen beträgt 1000 Euro und wird während zwölf Monaten ausbezahlt. Die Initianten vom Verein «Mein Grundeinkommen» ziehen eine positive Bilanz: Entgegen der landläufigen Meinung lägen die Gewinner nicht einfach auf der faulen Haut.

Gewinner schwärmen von der neuen Freiheit

Seit Dezember erhält Katrin Klink ein bedingungsloses Grundeinkommen. «Dieses ist für mich wie ein Geschenk des Himmels», sagt die 53-jährige Kölnerin. Als freie Grafikerin, Editorin und Fotografin arbeitete sie bis dahin zwölf bis 14 Stunden am Tag. Dank den monatlich 1000 Euro habe sie nun mehr Zeit auch für andere Projekte. So hat sie ein Fernstudium in betrieblichem Gesundheitsmanagement abgeschlossen und ein Buch im Selbstverlag veröffentlicht. «Ich verschwende das Geld nicht, der Dauerdruck ist aber weg.» So arbeite sie etwas weniger lange als zuvor.

Klink sagt, sie sei ein Fan des Grundeinkommens, weil es den Menschen die Existenzängste nehmen würde. Allerdings bezeichnet auch Klink die Folgen eines Jas der Schweizer zum Grundeinkommen als unkalkulierbar. «Die Verlockung wäre gerade für Junge gross, mit dem Geld erst einmal durch die Welt zu ziehen.» Auch sei das Problem ungelöst, wie man Leute für unbeliebte Jobs motivieren könne: «Ich liebe meinen Job, das ist aber nicht bei allen der Fall.»

«Einige würden wohl das Pensum reduzieren»

Letztes Jahr bekam auch der damals achtjährige Robin Zimmer ein Grundeinkommen ausbezahlt. Laut Mutter Olga hat es der vierköpfigen Familie ein entspannteres Leben ermöglicht: «Robin hat monatlich eines oder mehrere Bücher bekommen und wir konnten uns mehr Ausflüge leisten.»

Da ihr Mann im Aussendienst ein variables Gehalt habe und sie als Krankenschwester mit einem 25-Prozent-Pensum 500 Euro verdiene, habe das Grundeinkommen einen spürbaren Unterschied ausgemacht. Sie würde weiterarbeiten, auch wenn das Grundeinkommen nicht befristet wäre. «Vielleicht würden einige Leute das Pensum reduzieren, weil sie unter dem Tempo der Arbeitswelt leiden. Gerade in der Pflege, wo Menschlichkeit gefragt ist, ist der wirtschaftliche Druck enorm hoch», so die Schwäbin mit russischen Wurzeln.

Auch Sonja Dohm (27) freut sich über die 1000 Euro pro Monat, die sie seit Dezember bekommt. Sie arbeitet Teilzeit als Grafikerin. Das Geld habe ihr vor allem Sicherheit gegeben, als ihr befristeter Arbeitsvertrag ausgelaufen war. «Ich wusste, dass ich vor der Arbeitslosigkeit keine Angst haben muss und in aller Ruhe einen geeigneten Job suchen kann, ohne dass mir ein Amt Auflagen macht.» Der Vorteil des bedingungslosen Grundeinkommens sei, dass es die Empfänger nicht entwürdige, denn «wer Hartz IV bezieht, der wird oft stigmatisiert».

«Experiment ist nicht repräsentativ»

Den Schweizerischen Arbeitgeberverband überzeugen die Positiv-Berichte der Gewinner nicht. Aus dem nicht repräsentativen Experiment könne man nicht schliessen, dass auch in der Schweiz alle Leute weiterarbeiten würden, wenn sie ein Grundeinkommen erhielten. «Personen mit geringen Löhnen oder Zweitverdiener hätten weniger oder gar keine Anreize mehr zu arbeiten», sagt Präsident Valentin Vogt. Es sei also absehbar, dass Arbeitsplätze mit Lohneinkommen verloren gingen und die Wirtschaft an Leistungskraft einbüssen würde. Dadurch würden dem Staat Steuereinnahmen entgehen, die er gerade auch zur Finanzierung des Grundeinkommens dringend bräuchte. Am Ende dieser Negativspirale könne ein ganzes Land verarmen.

«Tatsache ist, dass mit einem ‹unverdienten› Grundeinkommen Leistung generell weniger honoriert wird und Nichtstun attraktiver wird», so Vogt. Es handle sich in Deutschland um ein zeitlich befristetes Hors-sol-Projekt, das eher mit einem einmaligen Lottogewinn verglichen werden könne. «Dass bisher lediglich 39 Personen finanziert werden konnten, lässt darauf schliessen, dass die breite Bevölkerung einer solchen Idee skeptisch gegenübersteht und die Utopie lieber Utopie sein lässt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rudi Ratlos am 07.05.2016 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich das richtig?

    Ich verdiene für meine 4-köpfige Familie 7'500.00. Nachher soll meine Arbeit nur noch 5'000.00 Wert sein?! Ich würde künden, da ich mit dem Grundeinkommen der ganzen Familie ja mehr habe und zudem auf der faulen Haut rumliegen könnte.

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  • Cä Sar am 07.05.2016 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Annahme

    Bei diesem Versuchen wird mit falschen Tatsachen argumentiert. Bei diesen Beispielen erhalten die Personen 1000 ohne das die Preise oder Steuern steigen. Diese Personen haben das ganze Geld zur Verfügung, bei einer Annahme würden aber die Preise und Steuern steigen, so dass jede Person weniger zur Verfügung hätte.

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  • Aufpasser am 07.05.2016 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe das nicht

    Alles was unsere Wirtschaft über Jahrzehnte so stark machte, einfach so über den Haufen werfen? Ich verstehe das nicht. Für mich wie eine schnapsidee von hipsters die nichts besseres zu tun haben. Hauptsache alles bestehende umkrempeln.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • HerrCool.es am 08.05.2016 17:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir zählen auch, und gerade auf Sie

    Wir SIND bereit! Sie auch!

  • quad65 am 08.05.2016 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Die Spitze vom Eisberg

    Die Schweiz ist nicht bereit für das BGE (zu neidisch, egoistisch & misstrauisch sind wir gegenüber neuen und anderen). Der Druck am Arbeitsplatz wird jedoch immer grösser & in den nächsten 20-30 Jahren werden 100'tausende Jobs in der Schweiz wegrationalisiert = Shareholder Value sei Dank. Die Strategie der Politiker/ Manager das Rentenalter kontinuierlich auf 70 Jahre zu erhöhen ist ein Witz, bereits heute gehört man ab 50 zum Alteisen und findet keinen Job mehr. Es kommen ganz krasse Wechsel auf uns alle zu und es wird krasse Ideen und auch Solidarität brauchen um sie zu bewältige

  • HerrCool.es am 08.05.2016 16:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte neue Einstellung

    Liebe Leute - alle Sofort die Signatur auf dem eigenen Smartphone umstellen: "Am 5. Juni Initiative bedingungsloses Grundeinkommen JA einlegen" Einstellungen - Mail, Kalender, Kontakte - Signatur

  • pesa am 08.05.2016 15:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht alle

    Ich bin für das bGe bei alleinerziehenden Müttern und Vätern, vorteilhaft finanziert von den ehemaligen Ehepartnern. Was diese Leute leisten, verdient Respekt!

  • HerrCool.es am 08.05.2016 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    JA sagen! selber sich was Gutes tun

    2500 ist mehr als 1000 . also alle JA JA JA am 5. Juni mit Überzeugung in die Urne legen! Hört nicht auf die Besserwisser! Sind die Krankenkassen-Prämien etwa nach der Ablehnung der öffentlichen Kasse etwa gesunken?